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Friedrich der Große, der Alte Fritz, wollte den Kaffeekonsum drosseln und verhängte Gesetze, die das Volk nach Ersatz suchen ließen: Man fand ein einheimisches Wurzelgetränk. Bild: Charlotte Wagner

Ab in die Botanik : Ein Tässchen Kaffee am Wegesrand

Blaue Blüten, oder warum das Geschäft mit der Zichorie in Deutschland aufblühte, als Bohnenkaffee unerschwinglich wurde. Eine botanische Reise in die Geschichte.

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          Den Löwen haben wir dieses Mal nicht besucht. Er thront auf einem Obelisken samt vier Kugeln, aber statt uns durch ihn an ein Ereignis vor 390 Jahren und den Dreißigjährigen Krieg erinnern zu lassen, als zwischen Schweden, Spanien und in ganz Europa völlig andere lebensgefährliche Fronten verliefen, als heute in Zeiten von Corona, wollten wir beim Wandern im Hessischen Ried nur den Frühling genießen. Die im Homeoffice unterforderten, steifen Glieder schmerzten bald, und die Gespräche waren ernst genug, so ließen wir eben außer Acht, dass sich so manche Erzählung aus Kriegstagen um diese geschichtsträchtigen Rheinauen rankt.

          Sonja Kastilan
          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Während wir mit genügend Abstand zueinander über Impfstoffe, Selbsttests und unsere Erfahrungen im Lockdown diskutierten, ließen uns Bärlauch und Weißdorn regelmäßig wissen, dass der Geruchssinn noch funktioniert. Den intensiv nach Knoblauch oder bittersüß duftenden Aromawolken war im Forst nicht zu entkommen, gleichzeitig blieb das Auge hier an Blaustern, Buschwindröschen und Veilchen hängen, deren Blüten sich durchs welke Laub am Boden gekämpft hatten. Hunderte Pflanzenarten von Ahorn bis Zannichellia palustris sind im Naturschutzgebiet Kühkopf-Knoblochsaue auf 2440 Hektar zu finden, aber die blau blühenden stechen stets besonders heraus.

          Wintersalat und Wurzeltrank

          In ein paar Monaten ist das dann zum Beispiel Cichorium intybus, die Wegwarte oder Zichorie, die, wie ihr Name vermuten lässt, oft am Wegesrand steht und von den alten Sommerdeichen aus auf den Wiesen zu erspähen ist. Ihre weithin leuchtenden Blütenköpfe setzen sich aus mehreren (Zungen-)Blüten zusammen, typisch für die Familie der Asteraceae, machen sich aber schlecht in der Vase, denn sie sind nach nur einem Tag hinüber. Botaniker interessieren sich für die blauen, selten weißen oder gar rosa Blüten der essbaren Pflanze, deren Stoffwechsel wiederum Molekularbiologen an der Université de Lille beschäftigt und von deren nächster Verwandtschaft wir alle etwas haben, wenn sie zum Beispiel in Form von Chicorée, Endivie oder Radicchio im Salat landet oder als bekömmliches, dank der Substanz Lactucopikrin feinbitteres Gemüse verzehrt wird.

          Was wir Chicorée nennen (Cichorium intybus var. foliosum), wird jetzt im April bis Mai auf den Feldern ausgesät, um im Herbst als Rübe geerntet zu werden, aus der man im Treibhaus bei Dunkelheit jene blassgelben Sprossen zieht, die seit rund 150 Jahren als Wintersalat herhalten und meist aus Belgien stammen. Dort startete ein Zufall diese Zucht, ursprünglich war eher ein Zichorienkaffee gefragt, der nun wieder öfter zu haben ist: Das Surrogat ist vegan, koffeinfrei und im besten Fall aus heimischer Produktion, deren Geschichte ins 18. Jahrhundert zurückreicht, als 1781 in Braunschweig und Berlin erste Betriebe entstanden. Damals verwandelten Steuern und Strafgesetze echten Kaffee aus Übersee in ein schier unerreichbares Luxusgut, da Friedrich II. versuchte, den Konsum zu drosseln und ein staatliches Monopol in Preußen zu errichten.

          Hinzu kam Napoleons Kontinentalsperre, also trank man alternativ Landkaffee aus Zichorien, bevor Malz und Feigen später mehr Liebhaber fanden. Ihre Wurzel enthält statt Stärke Inulin als Zuckerspeicher, lässt sich trocknen, danach rösten und liefert karamellisiert ein braunes Pulver, das Hausfrauen einst als „LOB – feinste Essenz für Kaffee“ verkauft wurde, wenn der Fabrikant Ludwig Otto Bleibtreu hieß, und noch heute Land- oder Getreidekaffees würzt.

          In Zeiten großer Not würden wir wohl zugreifen. Bis dahin freuen wir uns über Kaffee aus frisch gemahlenen Bohnen. Und über Tee in Thermoskannen: Am Rhein wehte eine steife Brise, das verlieh unserem Picknick ein schwedisches Flair.

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