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Artensterben und Klimawandel : Bloß nicht noch mehr Mais

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Neue finanzielle Ressourcen

Lösungsansätze müssen ebenso radikal wie integrativ sein – in der Welt der Wissenschaft genauso wie in der politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Praxis. Bei aller Notwendigkeit disziplinärer Tiefe bedarf es in der ökologischen Wissenschaft eines Höchstmaßes interdisziplinärer Zusammenarbeit: schon beim Verständnis organismischer Reaktionen auf sich ändernde Temperatur- oder Feuchtigkeitsverhältnisse stößt die Ökologie schnell an ihre Grenzen, wenn sie nicht bereit ist, die Brücke zur Physiologie, Biogeographie, Evolutions- und Verhaltensbiologie zu schlagen. Und je komplexer die Systeme werden, desto größer gestalten sich die Integrations- und Kooperationsbedarfe. Diese erfolgreich zu bedienen erfordert übrigens auch eine Durchforstung der überkommenen Anreizmechanismen, Förderwege und Organisationsstrukturen im deutschen Wissenschaftssystem, denn jedes Ausbrechen aus dem disziplinären Käfig wird nach wie vor eher bestraft als belohnt.

Darüber hinaus braucht die Biodiversitätsforschung auch andere Dimensionen finanzieller Ressourcen, um die für viele Weltregionen und Lebensräume, für die verschiedensten Prozesse und Mechanismen, und auch zahlreiche Tier- und Pflanzengruppen klaffenden Wissenslücken zu schließen. Erscheinen für ein grundlegend besseres Verständnis unserer eigenen ökologischen Lebensgrundlagen nicht Budget-Größenordnungen wie solche für die europäischen Raumfahrt- oder Kernforschungsprogramme angemessen?

Auf der indonesischen Insel Sumatra muss der Tropenwald lukrativen Ölpalmen weichen

Auch dem politischen und gesellschaftlichen Diskurs kann man bescheinigen, dass das sektorale Klein-Klein die Debatte prägt, obgleich angesichts der gewaltigen Herausforderungen auch einmal Visionäres zum großen Ganzen gefordert wäre – auch und gerade auf Ebene der Verantwortungsträger in Politik und Gesellschaft. Als Beispiel mag die Landwirtschaftspolitik dienen: Hier greifen Debatten wie die um Dürre-Ausgleichszahlungen bei weitem zu kurz. Ein System, das so viel Schaden an Natur, Wasser, Klima, Boden, Tier und menschlicher Gesundheit anrichtet wie die industrielle Landwirtschaft, gehört in Gänze auf den Prüfstand – die Verhandlungen zur europäischen Agrarpolitik wären hierfür ein willkommenes Zeitfenster, das ungenutzt zu verstreichen scheint.

Klimawandel und Biodiversitätsverlust stellen uns vor technische, soziale, politische, ja ethische Herausforderungen, die in der Menschheitsgeschichte ihresgleichen suchen. Nur mit integrativen Ansätzen, die die komplexen Beziehungen zwischen Atmosphäre und Biosphäre als Ganzes in den Blick nehmen, werden wir die wissenschaftlichen Erkenntnisse generieren, welche für die Entwicklung realistischer Zukunftsszenarien notwendig sind und aus denen sich relevante politische Handlungsoptionen ableiten lassen.

Dass er in der Lage ist, die für die nachhaltige Störung der biologischen und klimatischen Systeme des Planeten nötige Energie aufzubringen, hat der Mensch eindrucksvoll bewiesen. Ob er auch die Kraft besitzt, die für die Kehrtwende zur Rettung des Planeten notwendigen Energien freizusetzen, wird sich zeigen.

Der Artikel ist die Langfassung eines Beitrags, der in der Beilage „Natur und Wissenschaft“ in unserer Serie „Bedrohte Vielfalt“ erschienen ist. Er war zugleich Grundlage für einen Vortrag des Autors am Senckenbergmuseum.

Der Autor

Dr. Christian Hof leitet eine Juniorforschungsgruppe des Bayerischen Netzwerks für Klimaforschung „Bayklif“ an der Technischen Universität München. Seit 2015 ist er Mitglied der Jungen Akademie.

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