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Artensterben und Klimawandel : Bloß nicht noch mehr Mais

  • -Aktualisiert am
Ihr Lebensraum schwindet und damit ihr Bestand: Seit 2009 gibt es 40 Prozent weniger Rebhühner.

Ob jedoch alle Arten dem rapiden Klimawandel erfolgreich werden trotzen können, ist fraglich. Um ebendies abzuschätzen, steht uns inzwischen eine Fülle klimatischer und biologischer Daten zur Verfügung, ebenso wie eine ganze Reihe verschiedener Methoden sowie immer größere Computerkapazitäten. Sogenannte Artverbreitungs- oder Nischenmodelle zum Beispiel berechnen mithilfe statistischer Algorithmen die Klimapräferenzen von Tieren oder Pflanzen anhand der Verknüpfung klimatischer Daten mit solchen zum Vorkommen der Arten. Mit Klimaprognosen für die Zukunft lässt sich so auch die zukünftige Entwicklung von Artverbreitungsgebieten in großer Zahl prognostizieren – selbst auf kontinentaler oder gar globaler Skala.

So erfreulich der wissenschaftlich-technologische Fortschritt bei den Prognosekapazitäten jedoch ist, die Ergebnisse solcher Forschung liefern oftmals ein durchaus unerfreulicheres Bild. So zeigen z.B. unsere jüngsten Analysen, dass die Artenvielfalt gleich dreier großer Wirbeltiergruppen auf einem erheblichen Anteil der globalen Landfläche vom Klimawandel bedroht ist. Modellprognosen für etwa 20.000 Arten von Amphibien, Vögeln und Säugetieren zeichnen für weite Teile der Erde ein Bild mit potenziellen Verlusten zwischen 10 und 20 Prozent der lokalen Artenvielfalt. In manchen Bereichen Südamerikas, Neuguineas und des südlichen Afrika, allesamt sehr artenreiche Regionen, gehen womöglich bis zu einem Drittel der Wirbeltierarten lokal verloren.

Ein Drittel der Arten muss weichen

Globale Modellberechnungen wie diese geben zweifellos recht guten Aufschluss über die Trends des klimabedingten Biodiversitätswandels. Doch neuere Studien kommen vermehrt zu dem Schluss, dass es für genauere, regional spezifische oder auf einzelne Arten oder Lebensräume zugeschnittene Vorhersagen detaillierterer Daten bedarf. Insbesondere Informationen dazu, wie Lebewesen auf Klimaveränderungen reagieren, können modellbasierte Prognosen verbessern und so realistischer machen.

Vereinfacht gesprochen stehen einer Art zwei verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung, auf den Klimawandel erfolgreich zu reagieren. Zum einen kann sie den klimatischen Veränderungen innerhalb ihres angestammten Verbreitungsgebietes trotzen, wenn die neuen Klimabedingungen sich im Rahmen ihrer klimatischen Präferenz bewegen oder sich diese Präferenz – quasi ihre klimatische Komfortzone - über evolutionäre Prozesse an die sich ändernden Bedingungen anpasst. Ist ebendies nicht erfolgreich, kann die Art über Ausbreitungsprozesse ihrem präferierten Klima folgen, wodurch sich ihr Verbreitungsgebiet verlagert. Gelingt der Art weder das eine noch das andere, droht ihr das Aussterben.

Hitzelimits werden ermittelt

Die Berücksichtigung der klimatischen Präferenz oder der Ausbreitungsfähigkeit liefert bisher vielversprechende Erkenntnisse. So verbessern experimentell gemessene Temperaturpräferenzen von Vögeln und Säugetieren beispielsweise unser Verständnis darüber, wie sich die globale Erwärmung in verschiedenen Teilen der Erde auswirken könnte. Während viele Vogelarten in tropischen Regionen z.B. bereits an ihrem Hitzelimit leben, sodass selbst ein relativ geringer Temperaturanstieg ihnen sehr zusetzen könnte, scheinen es in gemäßigten Breiten teils überraschend hohe Hitzetoleranzen zahlreichen Arten von Vögeln und Säugetieren zu ermöglichen, mit einigen Grad mehr auf der Temperaturskala klarzukommen. Ergänzt man in Artverbreitungsmodellen die tatsächlich gemessene Ausbreitungsfähigkeit einer Art, kann dies das Ergebnis zur prognostizierten Verschiebung des Verbreitungsgebiets ebenfalls ändern und zu überraschenden Ergebnissen führen. So zeigen manche Vogelarten, die aufgrund ihres Flugvermögens als höchst mobil gelten, erstaunliche geringe Ausbreitungstendenzen – sie verlassen offenbar nur ungern ihr Ursprungsareal. Dies hat zur Folge, dass manch optimistische Zukunftsprognose ins Gegenteil verkehrt wird, da die Arten den Klimaveränderungen nicht hinreichend zügig folgen können. Solch wertvolle empirische Informationen zu Physiologie oder Ausbreitungsverhalten, basierend auf aufwendiger Labor- oder Feldarbeit, existieren leider nur für einen kleinen Teil der Arten. Umso wichtiger ist die Zusammenarbeit verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen und die Integration möglichst vieler vorhandener Daten sowie verschiedener methodischer Ansätze.

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