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Bild: Charlotte Wagner

Ab in die Botanik : Blaues für den Pharao

Blaue Blumen, blaue Töpfe, blaue Steine: über die letzten bunten Blüten des Hochsommers die Lieblingsfarbe der alten Ägypter.

          2 Min.

          In der Hitze dieses Hochsommers entweichen selbst den Streuobstwiesen des Taunus allmählich die Farben. Das Grün wird mit jedem Tag stumpfer, auf den abgemähten Rapsfeldern bleichen die Stümpfe wie Rippen verscharrter Skelette. Und dann scheinen auch noch fast alle Blumen verschwunden. Bienen müssen sich um dröge Doldenblütler drängeln, die im spektralen Empfindlichkeitsbereich ihrer Insektenaugen hoffentlich mehr hermachen. Menschlicher Netzhaut aber bleiben auf unserem Spazierweg nur die Rosen eines besonders erfolgreichen Schrebergärtners und die jetzt allgegenwärtige Gemeine Wegwarte (Cichorium intybus) mit ihrem umso betörenderen Blaulila.

          Ulf von Rauchhaupt
          Redakteur im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es erinnert ein wenig an Amarna-Blau. Das ist ein Pigment aus Calciumsulfat und Cobaltaluminat zum Bemalen von Keramik, das im Ägypten des 14. Jahrhunderts vor Christus kurz in Mode war. Populär wurde es bereits zur Zeit Pharao Amenhoteps III., benannt ist es aber nach der Epoche seines Sohnes und Nachfolgers Echnaton, der sich nahe dem heutigen Tell el-Amarna in Mittelägypten eine neue Hauptstadt aus dem Wüstenboden stampfen ließ. Wenige Jahre nach Echnatons Tod wurde Amarna unter Tutanchamun wieder verlassen. Man verübelte dem Gründer der Stadt seine Religionspolitik und wollte mit ihm und seiner Zeit nichts mehr zu tun haben, offenbar nicht einmal mit der eben noch beliebten Geschirrfarbe.

          Die Gemeine Wegwarte (Cichorium intybus), Blume des Jahres 2009
          Die Gemeine Wegwarte (Cichorium intybus), Blume des Jahres 2009 : Bild: dpa
          Eine Kornblume (Centaurea cyanus) hat Besuch.
          Eine Kornblume (Centaurea cyanus) hat Besuch. : Bild: dpa

          Blau aber blieb weiterhin angesagt. Die Ägypter liebten diese Farbe – sie waren unter den alten Kulturen sogar die Einzigen, bei denen schon früh ein eigenes Wort für Blau („irtiu“) nachweisbar ist, während die Griechen oder Hebräer noch im ersten Jahrtausend v. Chr. offenbar gut ohne ein solches auskamen. Allerdings war „irtiu“ – ähnlich wie bei uns „orange“ – einem paradigmatisch gefärbten Naturding entlehnt: dem Lapislazuli. Zwar stellten die Ägypter spätestens seit der 5. Pharaonendynastie (Amenhotep und Tutanchamun gehörten zur 18.) blaues Pigment auch künstlich her, doch wo es ging, schmückte man sich mit Lapislazuli, das aus dem heutigen Afghanistan importiert werden musste und sich daher auch als Statussymbol eignete. Im Grab des Tutanch­amun fanden sich denn auch erhebliche Mengen des kostbaren blauen Gesteins.

          Doch Lapislazuli war nicht das einzige Naturblau, das man Tutanchamun mit ins Jenseits gab. In seinen Grabkammern und den drei ineinandergeschachtelten Särgen fanden sich etliche Blumenbouquets, deren Pflanzenmaterial nach 3245 Jahren zwar verwelkt, aber unschwer botanisch zu bestimmen war. Das Farbspektrum war reichhaltig, doch dominierten Gelb und Blau, Letzteres repräsentiert durch Nymphaea caerulea, den Blauen Lotos, und vor allem die Kornblumenart Centaurea depressa. Diese ist eng verwandt mit unserer Kornblume Centaurea cyanus und als Angehörige der Familie der Korbblütler auch, allerdings weitläufiger, mit der Gemeinen Wegwarte. Centaurea-Blüten sind indes dunkler als die der Gattung Cichoria, ihr Blau ist tatsächlich eher das des Lapislazuli als das der Amarna-Keramik.

          Und doch, auf der Stirn des anthropomorphen Goldsarges mit der königlichen Mumie, fanden die Archäologen einen einzelnen Kranz aus Olivenblättern und Blüten nur von Lotos und Kornblume, floral also ganz in Blau gehalten, dank des Lotos in einem helleren und violetteren Ton. Der Ausgräber Howard Carter stellte sich einmal vor, Anchesenamun, die Witwe des jungen Pharaos, die zugleich seine Schwester war, habe ihn mit eigener Hand dort hindrapiert. In Andenken, vielleicht, an die gemeinsame Kindheit am Hofe Echnatons, des Verfemten, ein letzter Gruß aus Amarna.

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