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Bisphenol A in Lebensmitteln : Ist Kunststoff etwa doch gefährlich?

Bisphenol A war bis vor kurzem noch in Thermopapier enthalten. Bild: dpa

Der Grenzwert für Bisphenol A wurde von Europas Lebensmittelschützer korrigiert. Vorläufig. Ein politisches Minenfeld. Geht der Streit ums Vorsorgeprinzip in die nächste Runde?

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          Es ist ein Dokument mit vielen Fragezeichen und eines, das fast leichtfertig mit dem offenen Widerspruch spielt: „Gegenwärtig gibt es keine Gesundheitsrisiken für Verbraucher durch Bisphenol A“ lautete der eine - der fett gedruckte - Teil der Botschaft, und schon im nächsten Absatz folgt das Trotzdem: „Aufgrund neuer Daten und verfeinerter Methoden sind die Experten zu dem Schluss gekommen, den Grenzwert (die „tolerable tägliche Aufnahme“ pro Kilogramm Körpergewicht) von fünfzig Mikrogramm auf vier Mikrogramm zu senken.“

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Bisphenol A, seit Jahrzehnten ein Grundstoff für Polycarbonat-Kunststoffe und Harze, ist quasi ubiquitär im Lebensmittelbereich vorhanden, etwa in Konservendosenbeschichtungen, Plastikgeschirr und Plastikflaschen, Kosmetika, auch in Thermopapier und nicht zuletzt in geringen Mengen im Staub. Die Chemikalie mit der Abkürzung BPA ist, kurz gesagt, ein unvermeidlicher Begleiter der modernen Konsumkultur - und ein berüchtigter dazu. Seit Jahren gibt es politischen Streit und zunehmend heftigere Konflikte unter Fachleuten um die Sicherheit dieser Verbindungen.

          Bisphenol A ist unter anderem in einem Harz enthalten, das zur Auskleidung maroder Rohre verwendet wird - und kommt so aus so manchen deutschen Wasserhähnen.

          Das oben zitierte Dokument der Europäischen Lebensmittelbehörde Efsa, eine nach acht Jahren aktualisierte Risikoabschätzung, steht dabei Pate für ein viel grundsätzlicheres Problem der internationalen Verbraucherpolitik. Ein Problem, das die derzeit fast unüberbrückbare Kluft zwischen den beiden umweltpolitischen Philosophien diesseits und jenseits des Atlantiks spiegelt und im Streit um das Transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP) sichtbar wird: Das europäische Vorsorgeprinzip - bei Unsicherheit eher verbieten und Grenzwert senken - wird von vielen Wissenschaftlern abgelehnt, die nur das berücksichtigen wollen, was man sicher weiß. Insofern war es, vier Jahre nach der letzten Risikoeinschätzung der Efsa und mitten in den TTIP-Verhandlungen, ein deutliches umweltpolitisches Signal Europas an Nordamerika: im Zweifel Vorsicht walten lassen.

          Tausende Studien, in der großen Mehrzahl Tierexperimente, drehen sich mittlerweile um die Frage, wie giftig das BPA wirkt. Es geht um Schäden an Organen, Leber und Nieren etwa, aber auch um generationenübergreifende Effekte. Um die mögliche Störung der Fruchtbarkeit von Mann und Frau nämlich. Diese mutmaßliche „endokrine Wirkung“ beruht darauf, dass die Verbindung die Geschlechtshormone, insbesondere Östrogene, nachahmt und die entsprechenden Bindungsstellen im Körper blockiert beziehungsweise künstlich aktiviert.

          Hormone sind keine gewöhnlichen Chemikalien

          Lange war über die hormonelle Wirkung lediglich spekuliert worden. Doch spätestens seit den neunziger Jahren, nachdem die vor einem Monat verstorbene amerikanische Zoologin Theodora Colborn ihr Buch „Our Stolen Future“ veröffentlicht und die Öffentlichkeit aufgerüttelt hatte, gerieten immer mehr Chemikalien in den Fokus der Hormonforscher (siehe auch Bericht unten). Das Besondere an diesen endokrinen Substanzen: Paracelsus’ Satz, wonach erst die Dosis das Gift macht, ist höchst fraglich. Denn Hormone wirken schon in kleinsten Dosen. Einen klassischen Konzentrationsschwellenwert, wie ihn die üblichen toxikologischen Tests jeweils für jede einzelne Substanz zu ermitteln versuchen, ist bei endokrinen Substanzen zumindest heftig umstritten. Das gilt selbst für so intensiv erforschte Verbindungen wie Bisphenol A.

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