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Politiker Bijan Kaffenberger : So lebt es sich mit dem Tourette-Syndrom

  • -Aktualisiert am

Bijan Kaffenberger, Jahrgang 1989, sitzt für die SPD im Hessischen Landtag. Er ist vom Tourette-Syndrom betroffen und macht daraus kein Geheimnis. Könnte er auch gar nicht, denn seine Tics lassen sich nicht verstecken. Bild: Mart Klein und Miriam Migliazzi

Seltsame Laute, Schimpftiraden und Muskelzuckungen – dafür ist das Tourette-Syndrom bekannt. Ist das nur ein Klischee? Und wie lebt es sich mit der unheilbaren Krankheit, wenn man in der Öffentlichkeit steht? So wie der Politiker Bijan Kaffenberger.

          Nun ist der Moment gekommen, an dem man sich doch Sorgen um ihn machen muss. Ein Restaurant in Frankfurt mit Blick auf die neue Altstadt. Am Tisch sitzt ein Politiker, über den gerade sehr viel gesprochen wird. Als politischen Hoffnungsträger bezeichnen ihn manche, als jemand, der das Wort Erneuerung glaubhaft verkörpern könnte, als einen, der eine große Zukunft vor sich habe. Nur gibt es da ein Problem: Bijan Kaffenberger, 29, ist in der SPD. Aber jetzt hat er erst mal Hunger, die Politik kann warten. Er bestellt ein Schnitzel und verliert dann plötzlich die Kontrolle über seine linke Hand. Sie schießt ruckartig zur Wand, sein Zeigefinger kreist für Sekunden um eine Steckdose. Er wird doch hoffentlich nicht hineinfassen?

          Nein, wird er nicht. So schnell wie er seine Hand in Richtung der Steckdose ausstreckt, so rasch zieht er sie zurück. Ein Tic, mehr nicht. Einer von vielen während dieses Mittagessens, das so einen kurzen Einblick gewährt, womit er seit mehr als zwanzig Jahren leben muss: Bijan Kaffenberger, der junge Landtagsabgeordnete der hessischen SPD, hat das Tourette-Syndrom. Das zwingt ihn zu motorischen Muskelzuckungen, den Tics, nach dem französischen Wort für ein nervöses Zucken. Mediziner definieren die neuropsychiatrische Krankheit als Bewegungsstörung, benannt nach dem französischen Arzt Georges Gilles de la Tourette, der die Symptome im Jahr 1885 erstmals wissenschaftlich beschrieben hatte. Das Leiden setzt Kaffenberger also schon genug unter Strom: Alle paar Sekunden verliert er kurz die Kontrolle über seinen Körper, zuckt mit der Hand, wirft seinen Kopf zur Seite, kippt mit dem Oberkörper ruckartig nach vorne und stößt unwillkürliche Kiekser aus, während er spricht.

          Mit Tourette fällt man auf – ob man will oder nicht

          Kaffenberger fällt auf, ob er will oder nicht. Seine Krankheit lässt sich nicht verbergen oder abstellen, höchstens kurz unterdrücken. Aber dann ist die nächste Attacke umso heftiger. Er musste lernen, mit dem Tourette-Syndrom zu leben, akzeptieren, dass es unheilbar ist. Er konnte sich also nur zurückziehen oder offen damit umgehen – mehr Möglichkeiten hatte er nicht.

          Kaffenberger hat die Öffentlichkeit gewählt, in ihrer vielleicht brutalsten Form: Er ist Berufspolitiker geworden, sitzt seit diesem Jahr im Hessischen Landtag, muss Reden halten, mit Bürgern sprechen und steht permanent unter Beobachtung. Wie er das alles meistert? Mit Disziplin, Grips, Humor. Und einem gutgeführten Terminplaner. Kaffenberger taktet seinen Tag durch, ist pünktlich, zuverlässig, verbindlich. Stress versucht er zu vermeiden, der kostet Kraft und raubt ihm die Konzentration. Unter Anspannung überrumpeln ihn die Tics häufiger und stärker.

          Das Essen kommt. Die Bedienung reicht ihm den Teller und ein Glas Bier, Kaffenberger bedankt sich. Das größte Vorurteil widerlegt er gleich selbst. Nur weil er Tourette habe, bedeute das nicht, dass er permanent fluchen oder andere beleidigen müsse, erklärt er. Schwere vokale Tics seien bei ihm nicht ausgeprägt, obszöne Wörter gehen ihm nicht über die Lippen, zumindest nicht unwillentlich. Solche Schimpftiraden werden als Koprolalie bezeichnet und sind zweifelsohne das markanteste Symptom der Krankheit. Es tritt zwar nur bei einem Viertel der Betroffenen im Erwachsenenalter auf und gilt somit als selten, trotzdem hat es dazu beigetragen, dass die Krankheit hierzulande einen recht großen Bekanntheitsgrad hat. Dafür sorgte unter anderem das Kino mit dem Sozialdrama „Vincent will meer“ aus dem Jahr 2010 wie zuvor schon die Kifferkomödie „Lammbock“ von 2001, in der die Nebenfigur Frank, gespielt von Wotan Wilke Möhring, den folgenden Text aufsagen darf: „Ey, ihr Fotzen, Limbo, Scheiße.“

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