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Politiker Bijan Kaffenberger : So lebt es sich mit dem Tourette-Syndrom

„Tourette ist kein kleiner, süßer Hund“

Eingeschränkt fühlt sich Kaffenberger kaum. Ans Steuer eines Autos darf er zwar nicht, aber als Bus- und Bahnfahrer konnte er sich als Nahverkehrsexperte in der Partei einen Namen machen. Dafür nimmt der Politiker in Kauf, dass er manchmal eng sitzen muss, was er als unangenehm empfindet, wie auch Situationen, in denen seine Tics Kontakte herstellen, selbst wenn er keine Lust zu reden hat. Dass hin und wieder jemand glotzt, stört ihn nicht mehr. Seltsame Begegnungen sind selten, in der Disko sprach ihn mal ein Typ an: „So Drogen wie du will ich auch nehmen.“ Auch kam es seinetwegen schon zu Schlägereien. Nach einem Stadtfest hätten ihn ein paar Jungs dumm angemacht, erzählt er. Normalerweise habe er ein Vorgefühl für einen Tic. In der Aufregung hätte seine Hand aber die Bierflasche, die er bei sich trug, in ein Schaufenster geworfen.

Mit einem Wegbier in der Hand sieht man ihn heute noch gelegentlich durch Darmstadt schlendern, etwa nach einem Heimspiel seiner Lilien, des Fußball-Zweitligisten. Authentisch möchte Kaffenberger erscheinen, verstellen könne er sich ja nicht, betont er in Interviews. Und vielleicht verkörpert Bijan Kaffenberger einen neuen Typ Politiker, dem die Menschen jetzt vertrauen: unverstellt und ungeschliffen, nahbar und bodenständig, auch mal stotternd, stolpernd und grimassierend. Einer, der keine Angst vor Fehlern oder Peinlichkeiten hat und der mit dem ganzen Gewese und Gehabe nichts anfangen kann.

Oder gelingt es dem Tourette-Kranken nur besser als anderen Politikern, Authentizität vorzutäuschen? Bei der letzten Landtagswahl konnte er die Wähler jedenfalls überzeugen: Kaffenberger erreichte für die hessische SPD ein überragendes Ergebnis. „Natürlich hat die Erkrankung zum politischen Erfolg beigetragen“, sagt er im Gespräch. Sie habe ihm geholfen, bekannt zu werden, aber in seinem Buch schreibt er auch: „Tourette ist kein kleiner, süßer Hund, den man im Wahlkampf öffentlichkeitswirksam Gassi führt, um damit auf Stimmenfang zu gehen.“ Vermutlich ist das am Ende sein größter Wunsch: Auffallen durch gute Arbeit, weniger durch seltsame Tics.

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