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Politiker Bijan Kaffenberger : So lebt es sich mit dem Tourette-Syndrom

Das ist nicht die einzige offene Frage. Nach wie vor ist weder bekannt, welche Mechanismen im Gehirn zum Tourette-Syndrom führen, noch ist es gelungen, die genetischen Grundlagen der Krankheit zu entschlüsseln. Seit Anfang der 1960er Jahre ist immerhin belegt, dass eine organische Ursache besteht – und keine psychogene. Dank bildgebender Verfahren weiß man heute, dass verschiedene Hirnareale betroffen sind, beispielsweise die Basalganglien: Diese Region unterhalb der Großhirnrinde besteht aus mehreren Kernen, und die von Tourette-Kranken sind kleiner als die von Gesunden. An diesen Stellen funktioniert die Kommunikation offenbar nicht so, wie sie sollte, und der Botenstoff Dopamin scheint eine besondere Rolle zu spielen.

Das Tourette-Syndrom lässt sich auch deshalb schwer erforschen, weil Kranke neben ihren Tics oft noch andere Symptome aufweisen. Mehr als ein Dutzend sogenannter Komorbiditäten sind als Begleiterscheinungen bekannt. So treten relativ häufig Zwangs-, Aufmerksamkeits- und Angststörungen auf, außerdem Suchterkrankungen, Depressionen und Autoaggressionen. Den Drang, sich selbst zu verletzen, verspüren nur wenige, doch es kann für sie mehr als schmerzhafte Folgen haben. Manche zerbeißen sich Zunge und Lippe, prügeln mit Gegenständen auf sich ein oder bohren mit dem Finger tief ins Auge, bis sie erblinden. In solchen schwerwiegenden Fällen lassen sich die Zwangsstörungen oft nur chirurgisch behandeln, mit einer Operation, bei der zwei dünne Elektroden in die betroffenen Gehirnareale geführt werden, um mit schwachen Stromreizen deren Aktivität zu beeinflussen.

Medienprofi und Menschenfischer

Ein solch gravierender Eingriff bleibt Kaffenberger erspart, er gilt nicht als autoaggressiv, leidet aber unter ADHS, der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung. Er schweift ab, kann im Gespräch von der Kaninchenzucht zur Impfpflicht und Darmstadt 98 springen, ohne darin einen Themenbruch zu erkennen. Seine Gedankengänge erscheinen schnell und assoziativ, Kaffenberger ist schlagfertig und für einen Politiker ungewöhnlich geradeaus, was ihm selbst bei steifen Abendveranstaltungen Sympathien einbringt. Er ist ein Medienprofi und Menschenfischer, seine Karriere hatte er früh vor Augen. Noch in der Grundschule beschloss er, Politiker zu werden. Auslöser war der bildgewaltige SPD-Wahlwerbespot von 1998, in dem Gerhard Schröder in den Dünen herumschlenderte und den „Menschen eine Perspektive“ versprach.

Bijan Kaffenberger hat das sehr persönlich genommen. Doch seine Krankheit macht sich zu jener Zeit immer stärker bemerkbar. Bald nach der Diagnose mit elf verordnen ihm die Ärzte Neuroleptika. Er schluckt Tiapridex, Ritalin, Captagon, doch dann fühlt er sich müde, gedämpft, wie ausgeknipst. Wie ein alter Mann. Er wähnt sich irgendwo „zwischen Klapse und Altenheim“ und setzt mit 14 alle Medikamente ab. Seither nimmt Kaffenberger nichts mehr. Eine Entscheidung, die er nicht bereut. Er macht Abitur, studiert VWL, engagiert sich bei den Jusos und in der Kommunalpolitik. Im Januar 2016 tritt er seine erste Stelle an, wird Referent im Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitales.

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