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Politiker Bijan Kaffenberger : So lebt es sich mit dem Tourette-Syndrom

Kaffenberger kennt den Film natürlich. Er spricht die legendäre Szene laut nach, grinst. Mittlerweile ist er selbst ein wichtiger Botschafter der Krankheit. Für das Jugendportal „Funk“ von ARD und ZDF hat er mehrere Folgen seiner „Tourettikette“ produziert, ein ulkiges Format über Benimmregeln, Stil und Etikette, vorgetragen von jemandem, der sich scheinbar nicht benehmen kann. Zudem beantwortete er Fragen in der Reihe „Frag ein Klischee“. Mit solchen Formaten will er Verständnis für die Krankheit schaffen und Vorurteile abbauen, da Aufklärung offensichtlich nötig ist: Bijan, gehst du zum Friseur? Kannst du dich rasieren? Wie ist es beim Sex, hast du da Probleme? Oder: Wie isst du eigentlich, füttert dich jemand?

Mit Entspannung klappt es auch beim Friseur

Entspannung, das ist seine Antwort auf solche Fragen, so klappe es mit dem Friseurtermin oder der Freundin. Mit der Rasur ohnehin: „Sich mit diesen modernen Nassrasierern zu schneiden kriegen nur Leute hin, die sich ritzen wollen“, meint er. Auch Essen gelingt selbständig und verletzungsfrei, allenfalls zerlegt er das Schnitzel etwas grob. Auch vom Bier wird nichts verschüttet, allerdings fuchtelt er zwischendurch im Teller seines Gegenübers herum, tunkt beinahe den Finger ins andere Bier, zieht die Hand wieder weg, ist ruck, zuck wieder da, diesmal unmittelbar vor dem Gesicht. Obwohl er nichts und niemanden berührt, irritiert Kaffenbergers Verhalten, es wirkt übergriffig. Mit seinen unabsichtlichen Bewegungen dringt er in den Nahbereich anderer Menschen ein, in eine intime Zone, die für Fremde eigentlich tabu ist. Die Tics überfallen also nicht nur ihn, sondern auch alle anderen.

Was das bedeutet, lässt sich ein paar Wochen später an der Lichtenbergschule in Ober-Rammstadt südlich von Darmstadt beobachten. Kaffenberger ist zu Gast an der inklusiven Gesamtschule, ein Antrittsbesuch, er trägt einen blauen Anzug, Brille, Siebentagebart. Die erste Landtagssitzung liegt da bereits hinter ihm. Er, der Neuling, hatte in der letzten Reihe gesessen, Laptop auf dem Schoß, und in den Pausen Roland Koch, Volker Bouffier und Hans Eichel auf dem berühmten Balkon gesehen. Wie die beiden Alten in der Muppet-Show, bloß zu dritt. Für seine Amtszeit hat sich Kaffenberger einiges vorgenommen. Neben Verkehr und Digitalisierung will er sich besonders um Bildung kümmern – und jede Schule in seinem Wahlkreis mit rund 70.000 Einwohnern zwischen Darmstadt und Odenwald besuchen. Er selbst stammt aus Roßdorf, einem Vorort von Darmstadt: 12.000 Einwohner, viel Fachwerk.

„Ich war ein schlimmer Schüler“, gesteht Kaffenberger im Büro des Schuldirektors. Er sei nur froh, dass an dem katholischen Gymnasium, das er besuchte, ihm niemand den Teufel austreiben wollte, obwohl er dazu gelegentlich Anlass geliefert hätte. Als Geschenk hat er sein Buch „Was machen Politiker eigentlich beruflich?“ mitgebracht, in dem sich solche Anekdoten nachlesen lassen. Die Atmosphäre ist locker, zwei Lehrer setzen sich dazu, ebenso die stellvertretende Direktorin. Sie sprechen über Digitalisierung und Individualisierung, über Schule für alle. Kaffenberger wirkt konzentriert, möchte „wie ein Schwamm sein und alles aufsaugen“. Er zuckt seltener als sonst, man kennt Kaffenberger hier – und seine Tics. Als er beinahe mit einem Finger im Kaffee des Direktors rührt, zeigt dieser keine Regung.

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