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Beschädigte Studienkultur : Wissenschaft neben der Spur

Denkwürdige Katastrophe: Die Pandemie hinterlässt überall Spuren. Bild: AFP

Schlampige Studien und Forscher, die über andere urteilen: Der Kampf um Aufmerksamkeit in der Pandemie ufert stellenweise aus und zeigt böse Schieflagen.

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          Seitdem die Trump-Administration mit ihren gezielten Desinformationskampagnen abgelöst ist, entwickelt sich in der schwer ramponierten amerikanischen Corona-Forschung eine weitere Angstneurose, die durchaus auch auf den alten Kontinent ausstrahlen könnte: „Sloppy Science“ heißt es dort. Die Klage über schlampige Wissenschaft hat die Wut über Lügen und Populismus abgelöst. Es geht um Pre-Preprints, also eine Art Vor-Vor-Veröffentlichungen von Befunden aus wissenschaftlichen Untersuchungen, die nicht nur noch ungeprüft sind (und deshalb zuweilen auch lücken- und fehlerbehaftet), sondern mitunter auch Züge grenzenloser Selbstüberschätzung enthalten. Wissenschaftliche Wichtigtuerei eben.

          Eine jüngst von der Hamburger Universität propagierte „Studie“ zum möglichen Ursprung von Sars-CoV-2, für die ein Nanophysiker der Hochschule kein schlüssiges Argument, dafür aber ein zusammenkopiertes Potpourri von Forschungs- und Laientexten ablieferte, macht das Problem ganz anschaulich. In denselben Themenkreis fallen einige der „Scariants“, mit denen sich die amerikanischen Virologen nun herumschlagen. Eine Wortkreation, die man mit angsteinflößenden Varianten übersetzen könnte. Aus jedem Winkel der Nation und auf teils selbstgestrickten Publikationsplattformen kriechen mittlerweile neue Sars-CoV-2-Mutanten hervor, die manchmal schon sorgfältig beschrieben sind und einprägsame Namen wie „Ohio-Variante“ erhalten, deren infektiologische Bedeutung aber mit keinerlei Funktionsanalysen untermauert ist. Kurz gesagt: Die entscheidende Frage, ob die Mutation das jeweilige Virus gefährlicher macht oder nicht, wird der öffentlichen Prahlerei überlassen. Hauptsache, im Internet. Ursache der schmerzhaften Variantitis ist das Virus, die Verunsicherung trägt das Volk. So wächst die digitale Müllhalde der Corona-Forschung inzwischen fast exponentiell.

          In anderer Hinsicht tut sich gleichzeitig am seriösen Ende des Publikationsbetriebs ein überraschendes Defizit auf: In den zehn einflussreichsten Medizinjournals der Welt kommt die afrikanische Seuchenforschung praktisch überhaupt nicht vor. Lediglich drei Prozent der Publikationen und selbst die allermeisten der Meinungsartikel über Afrikas Lage in der Pandemie stammen aus der Feder von Wissenschaftlern, die institutionell ohne jeden Afrika-Bezug sind, wird im „British Medical Journal Global Health“ beklagt. Die Spielarten der Wissenschaftsprotzerei in der Pandemie sind schon atemberaubend.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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