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Hörprobe aus Berlin : Nachtigall, ick hör dir trapsen

Bild: Conny Bartsch

Die Sprache der Nachtigall enthält Codes und Syntax: Was Berliner Forscher über den nächtlichen Gesangskünstler herausgefunden haben, verrät auch einiges über seine Zuhörer.

          Es sind noch immer noch welche zu hören mit ihrer zauberhaften Melodie, auch am Vatertag, Ende Mai. Vielleicht heute Nacht sogar ganz spezielle, die engagiertesten. Es sind die letzten unverpaarten Nachtigallen-Männer, die sich mit ihrem Gesang für die Nachwuchsarbeit zu qualifizieren suchen. Sie sind die Tapferen, die bis zum Letzten um ihr noch unerfülltes Vaterglück kämpfen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Man hört sie lange vor dem Morgengrauen, und wer genau hinhört, spürt, dass etwas Besonderes in der Stimme dieser Gesangskünstler liegt, etwas, das Goethe ebenso beschäftigte wie Shakespeare in „Romeo und Julia“: 

          Willst du schon gehen? Der Tag ist ja noch fern.

          Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche

          Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang;

          Sie singt des Nachts auf dem Granatbaum dort.

          Glaub, Lieber, mir: es war die Nachtigall.

          Nur vorübergehend gefangen: Ein Nachtigallen-Weibchen aus dem Trpetower Park.

          Ja, die Nachtigall ist unverwechselbar. Und sie ist es auch im buchstäblichen Sinn für ihresgleichen. In Berlin, im Treptower Park, ist die Juniorprofessorin Silke Kipper mit ihrer Ornithologen-Truppe unterwegs, dem unnachahmlichen Gesang  der Nachtigallen nachzuspüren. Seit Jahren sind Forscher der Freien  Universität dort auf Stimmenfang. Sie durchmessen buchstäblich den akustischen Lebensraum der Treptower Tierwelt, und ihre Schallmessungen waren bisher keineswegs bloß ein reines Hörvergnügen. Denn in diesem Frühjahr haben die Ornithologen zwei Studien veröffentlicht, die auf den nachtatkiven Vogel ihrer Wahl ein neues Licht werfen.

          Nicht nur, dass wenige Singvögel ein so reichhaltiges Repertoire an Gesangsstrophen besitzen wie die Nachtigallen-Männchen mit ihren an die zweihundert unterschiedlichen Strophen. Nein, hinter den Gesängen verbirgt sich offensichtlich eine besondere Systematik. Die Melodien sind, unserer Sprache nicht  unanähnlich, offenbar gespickt mit planvoll gesetzten Informationen - Botschaften und Signale, die selbstverständlich den zuerst  männlichen und weiblichen Artgenossen gelten.

          Suchbild mit Vogel: Verpaarte Männchen singen auch am Tag.

          Erstaunliche syntaktische Ähnlichkeiten des Vogelgesangs zur menschlichen Sprache wurden schon lange vermutet. Die Berliner Forschergruppe um Kipper und Michael Weiss hat nun die Gesänge von fast zwei Dutzend unvermählter Nachtigallen-Männchen sorgfältig aufgezeichnet einer Netzwerkanalyse-Analyse unterzogen, wie sie normalerweise etwa für Logistikstudien angewandt werden.  Ergebnis: Die Strophen der Vögel werden zwar nicht in einer ganz bestimmten Reihenfolge abgespult, aber auch offenbar nicht rein zufällig. In der Reihenfolge verbergen sich vielmehr Informationen über die Vögel selbst. Ältere Tiere singen ihre Strophen geordneter.„So können die Weibchen anhand der Sequenzordnung das Alter der Männchen abschätzen“, glauben die Berliner Ornithologen.

          Vielleicht noch entscheidender im Gesangsaufbau könnte eine weitere Beobachtung sein: Die Männchen verändern, wenn sie in ein Gesangsduelle mit einem Konkurrenten gezwungen werden, absichtlich die Reihenfolge ihrer Strophen. Conny Bartsch aus der Gruppe von Silke Kipper hat das zusammen mit Kollegen genauer untersucht. Sie hat, um akustisch den Überblick zu behalten, den Wildvögeln im Treptower Park Aufnahmen von paarungswilligen Nachthigallen-Männchen mit Lautsprechern und Tonband vorgespielt. Damit sie die Reaktion der in freier Wildbahn schwer zu findenden Weibchen auch beobachten konnte, hat sie zusammen mit Kollegen ein gutes halbes Dutzend Weibchen vorübergehend gefangen und künstlich beschallt.

          Die Erkenntnisse, die sie aus solchen gestellten Gesangsduellen gewinnen konnte, waren durchaus neu: Immer wieder lassen sich die unverpaarten Männchen auf Duelle ein und reagieren mit einem Verhalten, das die Forscher „Gesangs-Matching“ nennen. Ein Männchen singt, das andere anwortet mit der gleichen Melodie. Manchmal singen sogar beide mit der gleichen Melodie. Offensichtlich ist es das Ziel, die Führung in diesem Gesangswettstreit zu übernehmen und dem männlichen Artgenossen seine eigene Dominanz zu demonstrieren. Auch die Weibchen reagieren entsprechend: Sie wenden sich verstärkt dem Männchen zu, das in dem Strophenwettbewerb den Ton angibt. Überraschend ist das zwar nicht. Aber doch beeindruckend, wie universell die Gepflogenheiten der Kommunikation in der Natur offensichtlich angelegt sind. 

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