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Behandlung verschlechtert sich : Das Allergie-Desaster

Schlimmere Beschwerden, längere Saison: Die Leiden der Allergiker nehmen zu Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Deutschland lässt die Behandlung von Allergien schleifen. Die Hyposensibilisierung nutzt nur noch eine kleine Minderheit, Fachärzte steigen aus der Impfung aus. Die Folge: Immer mehr und immer schlimmere Allergien.

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          In Deutschland werden Allergien offenbar massiv unterschätzt – von den Patienten, den Ärzten, den Kassen. Das wird deutlich, wenn man eine aktuelle Analyse des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen (AeDA) mit Daten von etwa 40 Millionen gesetzlich Versicherten sowie eine Befragung der Gesellschaft für Konsumforschung von 70.000 Menschen auswertet.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Inzwischen leiden schon 55 Prozent der Menschen mehr oder weniger stark an Heuschnupfen, jeweils ein Viertel reagieren auf Tierhaare oder Hausstaubmilben allergisch. Mehr als die Hälfte setzt auf Selbstmedikation, kaufen sich verschreibungsfreie Medikamente oder nutzen Hausmittel, und fast 35 Prozent lassen die Allergie gar nicht behandeln.

          Die Folgen dieser Entwicklung, so warnen die Fachärzte, treten immer deutlicher zutage: Es gibt immer mehr Allergiker in Deutschland und ihre medizinische Versorgung wird immer schlechter. Vor allem besteht die Gefahr, dass sich bereits vorhandene Allergien verschlechtern, wie die AeDA-Untersuchung von Jürgen Wasem von der Universität Duisburg-Essen ergeben hat. Nur noch sieben Prozent der Allergiker und fünf Prozent der Asthmatiker nutzen die Chance, ihre überschießende Immunreaktion ursächlich behandeln zu lassen – durch eine Hyposensibilisierung.

          Viele Asthmapatienten, auch Kinder, brauchen zur Entlastung ein Inhalationsgerät.

          Diese „Allergie-Impfung“, eine spezifische Immuntherapie, bei der die Allergene klassischerweise in steigenden Dosen mehrmals hintereinander über einen längeren Zeitpunkt unter die Haut gespritzt werden, ist von der Cochrane Collaboration und von der Weltgesundheitsorganisation als einzig nachweisbar wirksame Allergie-Behandlung empfohlen worden. Cochrane hatte in seiner Metastudie fast neunzig Studien mit mehr als dreitausend Patienten ausgewertet und festgestellt: Bei mindestens einem Drittel lässt sich durch die Hyposensibilisierung eine Verschlimmerung des Heuschnupfens hin zum Asthma verhindern. Auch wenn das Asthma schon da ist, können die Spritzen helfen: Jeder Fünfte braucht dann deutlich weniger Medikament.

          Die Behandlung hilft einer deutlichen Mehrheit, nur bei einem Drittel bleibt die Immuntherapie unwirksam. Vor wenigen Monaten ist zudem eine amerikanische Studie des American College of Allergy, Asthma and Immunology vorgestellt worden, die zeigte: Wenn die Allergie-Impfung während der Schwangerschaft verabreicht wird, profitiert das Kind. Es bekommt später deutlich seltener eine Allergie. Bei Partnerschaften von zwei Allergikern gibt es eine 75-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass das Kind auch eine Allergie entwickelt. Zurückhaltend sind viele Menschen offenbar auch, weil sie in der Regel auf mehrere Stoffe allergisch reagieren, aber nur „ein“ Allergen-Präparat verabreicht bekommen. Tatsächlich handelt es sich bei dem Präparat meistens um eine Zubereitung von „homogenen“, strukturell ähnlichen, aber zum Beispiel durchaus gegen mehrere Gräserpollen wirkende Impfungen handelt. In der Vergangenheit gab es bis zu sechstausend unterschiedliche Allergen-Präparate, die kein Arzt mehr überblicken, geschweige denn am Patienten zuverlässig testen konnte.   

          Am Beginn jeder Heuschnupfen-Behandlung: der Allergietest

          Im Deutschen Ärzteblatt haben im vorigen Jahr Randolf Brehler und seine Kollegen vom Universitätsklinikum Münster aufgezeigt, dass die Impfung „die einzige krankheitsmodifizierende Behandlungsmöglichkeit“ ist. Die Mediziner schätzen die gängige Verabreichung als Spritze unter die Haut für deutlich besser getestet und zuverlässiger ein, allerdings seien inzwischen auch Allergie-Tabletten - zumindest gegen Gräserpollen - erhältlich, die Wirkungen zeigten. Die Entscheidung, welche Behandlung wirksam, und vor allem nebenwirkungsärmer, sei, müsse der Patient mit entscheiden können. Auch die Münsteraner halten die Versorgung der Asthmatiker in Deutschland angesichts der Behandlungsoptionen für vollkommen unbefriedigend. Deutschland liegt bei der Hyposensibilisierung unter dem europäischen Durchschnitt.

          Unbefriedigend ist vor allem auch die Einstellung auf Seiten der Ärzte und Kassen: Im Zeitraum von 2007 und 2010 ist der Wasem-Studie zufolge die Zahl der behandelnden Praxen um ein Drittel gesunken. Immer mehr Fachärzte ziehen sich aus der Allergie-Impfung zurück. Das liegt nach Überzeugung des Allergologenverbandes vor allem am „schlechten Honorarsystem“. Für die  Ärzte sei die Behandlung nicht attraktiv – mit anderen Worten: Sie bekommen für die regelmäßige Behandlung mit Spritzen zu wenig bezahlt. Zudem erstatten nur wenige Kassenärztliche Vereinigungen ein zusätzliches Versorgungshonorar für die behandelnden Mediziner, weil „Allergologe“ lediglich eine Zusatzbezeichnung und keine Facharzt-Bezeichnung ist.

          Finanziell schlägt sich die Allergie-Misere deutlich in der volkswirtschaftlichen Bilanz nieder. Brehler und seine Kollegen haben vorgerechnet, dass die sozioökonomischen Kosten in Europa je nach Kalkulationsgrundlage jährlich zwischen 36 und 185 Milliarden Euro liegt.  Vor allem fortgeschrittene, schwerer behandelbare Symptome, also Asthma, schlagen ins Kontor. Ein Patient mit leichtem Asthma kostet das Gesundheitssystem 1670 Euro jährlich, mit schwerem Asthma kostet das Leiden rund 6000 Euro.

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