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Bild: Illustration Charlotte Wagner

Ab in die Botanik : Die Überlebende von 9/11

Der Baum, der am 11. September 2001 die Hölle des Ground Zero überlebte. Es ist eine 30 Jahre alte Zierbirne.

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          Es gibt eigentlich keine schlimmeren Bedingungen, unter denen ein Baum in der Stadt wachsen kann, als in Downtown Manhattan“, sagte Tom Cox, Geschäftsführer einer auf heikle Parkbaumprojekte spezialisierten Firma, vor Jahren dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel. „Es gibt nur wenig Erde, es gibt kaum Licht, es gibt sehr viele Abgase, es ist heiß und kalt und windig. Und unter jedem Baum befinden sich acht, neun unterirdische Stockwerke.“

          Ulf von Rauchhaupt
          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Am Morgen des 11. September 2001 wurden die Bedingungen rings um das World Trade Center allerdings höllisch. Nach den Einschlägen der beiden entführten Flugzeuge in die Hochhaustürme und deren Kollaps, bei dem mehr als zweieinhalb Tausend Menschen starben, regneten toxische Stäube, Beton- und Stahlteile auch auf die dortige Parkvegetation herab, unter anderem auf eine damals etwa dreißig Jahre alte Zierbirne (Pyrus calleryana). Diese ursprünglich aus Ostasien stammende Art wurde erst in den 1960er-Jahren nach Amerika eingeführt, wo man sie heute allerdings nicht mehr so gerne anpflanzt, seit sie sich als invasive Spezies zu gebärden beginnt. Dabei sind Vertreter von P. calleryana eigentlich ideal für die Begrünung von Städten geeignet: Ihre Kronen wachsen nicht zu sehr in die Breite, und im Herbst verfärbt sich ihr Laub sehr ansprechend. Ihre kleinen harten Früchte sind für Menschen zwar ungenießbar, aber Vögel lieben sie. Auch tolerieren diese Bäume ein weites Spektrum an Bodenbedingungen und sind obendrein sehr widerstandsfähig gegen Pflanzenkrankheiten.

          Doch so hart im Nehmen wie jene Zierbirne am Word World Trade Center war selten ein Gewächs. Einen Monat nach dem Terrorakt fanden Rettungskräfte bei der Suche nach Opfern den verschmorten, entlaubten, oben abgehackten und halb entwurzelten Baum unter den Trümmern. Es gab Dringlicheres zu tun, als ihn gleich zu entsorgen, und so ließ man ihn vor Ort, bis sich an einem verbliebenen Aststumpf grüne Blätter zeigten – im Oktober. Als letzter gefundener Überlebender des 11. September wurde der Baum in die Gärtnerei der New Yorker Parkverwaltung in der Bronx gebracht. Eher aus Pietät denn aus dem Glauben, der Baum sei noch zu retten, pflanzte man ihn dort ein, und wider aller Erwartung kam er über den Winter. Neun Jahre lang hegten und pflegten ihn die städtischen Gärtner. Neue Äste sprossen aus den versehrten Stümpfen, und selbst die neuerliche Entwurzelung durch einen Sturm im März 2010 überstand er so gut, dass er bereits neun Monate später in das zur Gedenkstätte umgestalteten Areal des Ground Zero verpflanzt werden konnte.

          Dort steht der „Survivor Tree“ – für seine gärtnerischen Betreuer übrigens eine Sie – heute nahe dem abgesenkten, von Wasserfällen gesäumten Teich, welcher den Grundriss des zerstörten Südturms markiert. Ebenso wie rings um den entsprechenden Teich am Ort des Nordturms, übertönt das fallende Wasser den Lärm der Stadt und begleitet die Blicke der Besucher bei ihren Wanderungen über an den Teichumfassungen angebrachten Namen der Opfer. Überall auf diesem Platz stehen Bäume. Die meisten sind von Tom Cox und seinen Mitarbeitern gepflanzte Exemplare der Swamp White Oak (Quercus bicolor), eine im amerikanischen Nordosten heimische Art. Doch es ist die kleine Zierbirne asiatischer Abstammung, die einem, kaum dass man ihre Geschichte erfährt, unwillkürlich die Augen übergehen lässt. Der Baum, der sich nicht unterkriegen ließ, ist ein anrührendes Symbol für die Hoffnung und die Haltung, die am Ground Zero in Lower Manhattan nicht nur Amerikaner erfüllt.

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