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Atemwegsleiden : Die verspätete Infektionswelle

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Während der Pandemie zurückgedrängt, jetzt wieder zunehmend für Atemwegserkrankungen bei Kindern verantwortlich: Das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV), hier in animierter Darstellung Bild: Science Photo Library

Statt im Winter erkranken Babys jetzt an Atemwegsinfektionen durch das RS-Virus. Fachgesellschaften sind alarmiert und empfehlen Risikokindern eine vorgezogene Prophylaxe.

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          Kinderärzten bereitet zurzeit nicht nur das Coronavirus Sorgen, sondern auch das Respiratorische Synzytial-Virus RSV, einer der wichtigsten Erreger von Atemwegsinfektionen. Betroffen sind vor allem Säuglinge und Kleinkinder. Einer in der Fachzeitschrift The Lancet 2017 veröffentlichten Schätzung gemäß werden weltweit jährlich 3,2 Millionen Kinder wegen RSV im Krankenhaus behandelt, 118 200 sterben daran.

          Normalerweise treten RSV-Infektionen ähnlich wie Grippe oder Erkältungskrankheiten vor allem in den Wintermonaten auf. Dieses Jahr fiel aber die Wintersaison weitgehend aus, dafür erkranken die Kinder jetzt. Dies bemerkten zunächst Ärzte auf der südlichen Erdhalbkugel, etwa in Australien, Südamerika und Südafrika. Im dortigen Winter von Juni bis August 2020 war der übliche RSV-Gipfel angesichts von Lockdown und Hygienemaßnahmen ausgeblieben. Mit den Lockerungen kam es dort dann im Sommer von September bis Dezember 2020 zu einem verschobenen Gipfel. Mit Verzögerung registrierten auch Länder der nördlichen Hemisphäre dieses Phänomen, etwa die Vereinigten Staaten, Frankreich, Schweden, Island, Belgien und die Schweiz. Auch in Deutschland scheint sich das RSV mit einer verzögerten Welle zu äußern. Konkrete Zahlen gibt es nicht, denn RSV-Infektionen müssen nicht gemeldet werden. Es gibt aber indirekte Hinweise.

          Nach Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) in 16 der größten Kinderkliniken wurden allein in der zweiten Julihälfte bereits 50 Kinder mit RSV-Infektionen der unteren Atemwege stationär aufgenommen. Das entspricht bis zu fünf Aufnahmen pro Klinik pro Woche. „Auch wenn es nur wenige sind, ist das sehr ungewöhnlich für diese Jahreszeit“, sagt Tobias Tenenbaum, Präsident der DGPI und Chef-Pädiater im Sana Klinikum Lichtenberg in Berlin. Über das Labornetzwerk der virologischen Labore werden RSV- und andere Infektionen kontinuierlich erfasst; 43 Labore melden dort regelmäßig ihre Daten. Von September 2020 bis heute wurden 63 RSV-Infektionen nachgewiesen. Während über den Winter pro Monat maximal 0,1 Prozent der untersuchten Proben positiv waren, wurde im Sommer ein stetiger Anstieg verzeichnet. Im Juni waren es 0,3 Prozent, im Juli 1,6, im August 3,8 und jetzt 5 Prozent der Proben. „Solche Zahlen sehen wir sonst nur im Dezember“, sagt Tenenbaum. „Der frühe Anstieg der Erkrankungszahlen macht mir Sorgen. So könnten Risikokinder, die nicht zeitig die empfohlene Prophylaxe erhalten, schwer erkranken.“ Seit 2010 registrierte das Netzwerk in den Wintermonaten maximal zwischen 14 und 35 Prozent positive Proben, in den Sommermonaten gab es dagegen kaum Infektionen.

          Angesichts der Lockerungen erkranken mehr Kinder

          Dass sich der RSV-Gipfel verschoben habe, hänge wahrscheinlich mit den Pandemie-Maßnahmen zusammen, sagt Ortwin Adams, Direktor des Instituts für Virologie der Universität Düsseldorf. „Weil die Kinder im Lockdown zu Hause blieben und die Erwachsenen Abstand hielten, Maske trugen und sich ständig die Hände desinfizierten, sank das Risiko, sich mit RSV anzustecken. Mit den Lockerungen erkranken mehr Kinder, weil sie wieder Kontakt zu den Viren haben.“ Ob der jetzige Sommergipfel ein verschobener oder nur Zwischenstation auf dem Weg zu einem Wintergipfel ist, bleibt unklar. Zu wissen, ob RSV grassiert, kann aber Leben retten. Einerseits können sich Kinderstationen vorbereiten und Betten frei halten. Zum anderen können Risikokinder – etwa Frühgeborene mit Lungenschäden oder Babys mit angeborenen schweren Herzfehlern – prophylaktisch den Antikörper Palivizumab bekommen. Dieser verhindert zwar nicht, dass sich die Kinder anstecken, aber sie müssen weniger häufig stationär behandelt werden.

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