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Atemwegsleiden : Die verspätete Infektionswelle

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Besser wäre eine Impfung, doch nach dieser suchen Forscher schon seit mehr als 50 Jahren. Die Hürden sind groß. Ein in den Sechzigerjahren entwickelter Impfstoff bot nicht nur geringen Schutz, sondern löste bei einer nachfolgenden Infektion sogar mehr Symptome aus. Zwei Kinder starben. Seitdem gelten hohe Sicherheitsanforderungen. Geimpft werden sollten Säuglinge, die jünger als ein halbes Jahr alt sind. Doch in diesem Alter ist das Immunsystem noch unreif und bildet weniger schützende Antikörper. Auch könnten die dann noch vorhandenen Antikörper der Mutter eine effektive Antikörper-Entwicklung im Kind stören. Die Infektion und die Effekte eines Impfstoffes lassen sich zudem schlecht in Tieren simulieren. Wirkt ein Impfstoff im Tier, heißt das noch lange nicht, dass er auch für Menschen funktioniert. Inzwischen werden aber mehr als drei Dutzend Impfstoffe mit unterschiedlichen Mechanismen getestet. Relativ weit entwickelt sind Impfstoffe für Kinder, die auf RSV-Mutanten basieren. Diese sollen eine Immunantwort auslösen, aber nicht krank machen. Ein anderer fortgeschrittener Ansatz sind Impfstoffe für Schwangere, die den natürlichen Antikörper-Nestschutz verlängern.

Keine Aussicht auf eine Routineimpfung

Johannes Trück, Oberarzt in der Immunologie der Universitäts-Kinderklinik Zürich, erwartet nicht, dass es in absehbarer Zeit eine Routineimpfung geben werde: „Umso wichtiger ist, dass wir die Risikokinder schützen.“ Die DGPI und drei andere Fachgesellschaften empfehlen daher in einer aktuellen Stellungnahme, dass Pädiater bei Kleinkindern mit Atemwegsinfektionen auch an RSV denken und eine entsprechende Diagnostik aus Rachenabstrich oder Rachenspülwasser veranlassen sollten. Das betrifft vor allem Kinder, die stationär behandelt werden müssen oder bei denen mit einem schweren Verlauf zu rechnen ist, etwa Babys, die jünger als ein halbes Jahr sind, die Geschwister im Kleinkindalter haben, deren Eltern zu Hause rauchen, die unterernährt sind oder die­jenigen mit chronischen Lungenkrank­heiten.

Abgesehen von allgemeinen infektionshygienischen Maßnahmen empfehlen die Leitlinien, dass Risikokinder normalerweise ab Anfang November Palivizumab intramuskulär gespritzt bekommen sollen, insgesamt fünf Dosen alle vier Wochen. Die Experten raten nun aber dazu, Risikokindern die Prophylaxe schon ab Anfang Oktober zu geben. Würde in einer Region die Zahl der RSV-Infektionen rasch steigen, und sollten beispielsweise mehrere Kinder in eine lokale Kinderklinik aufgenommen werden, könne ein Beginn mit der Antikörper-Therapie auch vor Oktober sinnvoll sein. Angesichts der nicht absehbaren epidemiologischen Entwicklung könne auch eine längere Behandlung erforderlich werden. Eltern ansonsten gesunder Kinder brauchten aber nicht in Panik zu verfallen, sagt Kinderarzt Trück aus Zürich. „Zum Glück verläuft die Infektion in den allermeisten Fällen wie eine Erkältung.“

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