https://www.faz.net/aktuell/wissen/aussehen-von-ausserirdischen-unsere-aliens-11876322.html

Aussehen von Außerirdischen : Unsere Aliens

Als Simpson dies schrieb, hatte der evolutionäre Determinismus bereits die Populärkultur erreicht. Das ikonische Bild des Außerirdischen mit schmächtigem Leib und übergroßem Kopf verfestigte sich in den 1960er Jahren und entsprang nicht zuletzt Überlegungen darüber, was Mutation und Selektion wohl mit einer humanoiden Rasse anstellen, bei der dank technischen Fortschritts die Muskulatur immer unwichtiger, das Denkvermögen dagegen immer bedeutender wird. Den Evolutionstheoretikern jedoch standen die Haare zu Berge. Neben Simpson kritisierten auch Theodosius Dobzhansky und Ernst Mayr die Alien-Mode. Projekte wie SETI waren für sie reine Geldverschwendung.

Kleckse, Kugeln, oder eine wabernde Masse

Stephen Jay Gould dagegen verteidigte SETI, auch wenn er aus den gleichen Gründen wie seine Harvard-Kollegen Simpson und Mayr nichts von humanoiden Aliens hielt. Würde man „das Band des Lebens zurückspulen“ - so Gould - und noch einmal auf einer jungen Erde die Evolution bei gleichen Anfangsbedingungen starten, so würde die Naturgeschichte völlig anders verlaufen und nichts dabei herauskommen, was uns Menschen auch nur entfernt ähnelte. Intelligent könne es aber trotzdem sein, meinte Gould. Denn wenn Intelligenz an sich evolutionär vorteilhaft ist, so könnte sie doch auch von Wesen ganz anderer Anatomie hervorgebracht werden, von irgendwelchen Klecksen, Filmen, Kugeln oder vielleicht auch einer wabernden Masse wie in Stanislaw Lems Roman „Solaris“, der Vorlage für Tarkowskis Film.

Goulds Sicht deckte sich hier mit der von Carl Sagan. Und da gerade diese beiden Forscher die erfolgreichsten Wissenschaftspopularisatoren im Amerika der 1970er und 1980er Jahre waren, wurde ihr Alien-Bild das für die gebildete Öffentlichkeit maßgebliche: Irgendwo im All sollte es noch andere intelligente Lebensformen geben, die wie wir wissenschaftliche und philosophische Interessen hegen und die dabei schon viel weiter sind - aber sie sehen natürlich ganz anders aus als die Produkte der Creature-Designer in Hollywood. Keinesfalls dürfe die Menschheit glauben, schon das Schlauste zu sein, was der Kosmos je hervorgebracht hat. Ein Kontakt mit solchen, uns weit überlegenen Wesen sei vorstellbar und, falls es dazu kommt, in seiner Auswirkung auf unser Selbstverständnis epochal. Aber das zweibeinige Personal aus „Star Wars“ und „Star Trek“, das sei natürlich eine Lachnummer.

„Sie werden ziemlich so aussehen wie wir“

Dass biologische Fremdartigkeit und geistige Nähe vielleicht doch nicht so gut zusammengehen, wie Sagan und Gould es sich träumen ließen, fiel schon früh auf. Denn wie Forscher täglich erfahren, die nicht nur am Schreibtisch, sondern auch im Labor oder Gelände tätig sind, bedarf es für Wissenschaft und Technik neben eines hinreichend großen Gehirns auch noch geschickter Hände. Ein denkender Plasmaklumpen täte sich mit der Erforschung und Manipulation seiner Umwelt doch etwas schwer. Im selben Jahr 1964, in dem George Gaylord Simpson den Alien-Enthusiasten die Leviten las, schrieb daher ein Biologe namens Robert Bieri: „Wenn es uns gelingt, mit Außerirdischen Kontakt aufzunehmen, dann werden das keine Kugeln, Pyramiden, Würfel oder Pfannkuchen sein. Sie werden ziemlich so aussehen wie wir.“

Das Argument dahinter ist ironischerweise im Grunde dasselbe, mit dem Stephen Jay Gould SETI gegen die Kritik seiner Kollegen aus der Evolutionsbiologie in Schutz nahm: Ja, Evolutionsprozesse sind massiv vom Zufall und den jeweiligen Umweltbedingungen abhängig, trotzdem führen ähnliche Anforderungen der Umwelt bei Organismen ganz verschiedener evolutionärer Herkunft oft zu äußerst ähnlichen Lösungen: Die Verhältnisse im Ozean sind es, die Ichtyosaurus, Thunfisch und Delphin den gleichen Körperbau verliehen haben, obgleich alle drei Tiere völlig verschiedenen Wirbeltiergruppen entstammen, die stammesgeschichtlich miteinander nicht mehr zu tun haben als ein Adler mit einem Seepferdchen oder einer Katze. Dieses von George Gaylord Simpson offenbar unterschätzte evolutionsbiologische Phänomen, Konvergenz genannt, ist weit verbreitet.

Weitere Themen

Topmeldungen

Ricarda Lang im Paul-Löbe-Haus in Berlin

Ricarda Lang im Porträt : Der neue Habeck

Ricarda Lang will Chefin der Grünen werden – mit gerade mal 28 Jahren. Sie muss die Partei zusammenhalten, wenn die Ampel-Kompromisse weh tun. Leicht wird das nicht.
Dmitrij Peskow im Dezember in Moskau

Forderungen zurückgewiesen : Putins Personal empört sich über den Westen

Der Westen hat Russlands wichtigste Forderungen in Osteuropa offiziell zurückgewiesen. In Moskau wird Unmut laut und mit der Aufrüstung der ostukrainischen „Volksrepubliken“ gedroht. Auch eine Anerkennung sei möglich.