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Ausgestorben und wiederbelebt : Jurassic Park, Teil fünf

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Die letzte ihrer Art: Mit Martha starb 1914 die amerikanische Wandertaube aus.
Die letzte ihrer Art: Mit Martha starb 1914 die amerikanische Wandertaube aus. : Bild: Robb Kendrick/National Geographic

Von der Wandertaube etwa verspricht sich Projektleiter Ben Novak an der University of California in Santa Cruz einen ökologischen Nutzen für den amerikanischen Forst. Wenn Wandertauben zur Brutzeit einst in großen Schwärmen über die Wälder herfielen, litten zwar die Bäume. Aber dadurch lichtete sich auch das Kronendach, mehr Sonne drang zum Waldboden durch. Eine dicke Schicht Taubenkot stände obendrein als Dünger zur Verfügung, ein neuer Lebensraum für Pflanzen würde geschaffen. Außerdem würden die Tauben bei ihrer Futtersuche kleinen Nagetieren Konkurrenz machen, diese wiederum seien oft ein Reservoir für Krankheiten, zum Beispiel für die Lyme-Borreliose, die sich durch die Wandertaube bekämpfen ließe, sagt Novak.

Eine Wissenschaftlerarmee für einen kleinen Vogel

Der Biologe und Ornithologe Michael Wink von der Universität Heidelberg hält von solchen Versprechungen wenig: Sie könnten sich nur erfüllen, wenn die Wandertaube extrem häufig würde; dazu brauchte es vermutlich Jahrzehnte oder Jahrhunderte. Und selbst dann würde die Taube sich wahrscheinlich eher über die Felder hermachen als, wie gewünscht, über die Wildstandorte.

Dass dieses Projekt überhaupt jemals Realität werden könnte, bezweifelt Michael Wink stark. So wie George Church den Asiatischen Elefanten als genetische Basis braucht, benötigt auch Ben Novak eine Spezies, deren Genom er verändern kann, um auf diese Weise irgendwie zur Wandertaube zu gelangen. Und Novak möchte sich auch nicht mit ein paar Eigenschaften zufrieden geben, sondern die komplette Wandertaube rekonstruieren. „Dazu müsste man eine verwandte Taubenart nehmen und in deren Genom alle Positionen umschreiben, die sich vom Erbgut der Wandertaube unterscheiden. Das wären etwa zehn bis zwanzig Millionen Änderungen. Der Aufwand, auch nur eine einzige Position anzupassen, ist erheblich. Um die Wandertaube zu rekonstruieren, brauchte man eine kleine Armee an Wissenschaftlern“, meint Michael Wink.

Mutanten statt Klone

Novak schreckt das nicht. Gemeinsam mit der Evolutionsbiologin Beth Shapiro hat er den DNA-Code der Wandertaube sowie der nahverwandten Schuppenhalstaube sequenziert. Nun vergleicht er die Daten, um herauszufinden, welche Positionen im Erbgut der Schuppenhalstaube angepasst werden müssten. Shapiro ist nach der Sequenzierarbeit allerdings aus dem Projekt ausgestiegen. Sie glaubt nicht daran, dass Mammuts oder Wandertauben zurückzuholen sind: „Wenn ein Tier ausgestorben ist und keine lebensfähigen Zellen vorhanden sind, ist es unmöglich, eine identische Kopie zu klonen. Man kann eine heute lebende Spezies vielleicht so verändern, dass diese der ausgestorbenen Art ähnelt, aber Organismen sind mehr als nur die Sequenz ihres Erbguts.“

Church und Novak wird es bei Licht betrachtet kaum gelingen, Original-Mammuts oder Wandertauben zum Leben zu erwecken. Die dazu nötigen, vollständig erhaltenen Zellen stehen nicht zur Verfügung. Falls es ihnen nach all den Manipulationen dennoch gelingen sollte, lebensfähige Tiere zu erzeugen, sind das lediglich Mutanten, eine gezüchtete Illusion. Denn wer weiß denn schon, wie das Mammut wirklich ausgesehen hat? Wie sich sein Tröten anhörte? Oder sein Brunftschrei?

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