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Atomium-Umfrage : Wenn Open Access zur großen Politik gehört

Bild: F.A.Z.

Open Access bleibt umstritten. Was kommt - verbrannte Erde in der Verlagslandschaft oder eine neue Ära der Transparenz? Beispiel Irland: Wie die Freischaltung das Selbstwertgefühl der Nation gehoben hat.

          3 Min.

          Die Frage, ob ein Wissenschaftler seinen Artikel in einem herkömmlichen hochrangigen Fachjournal veröffentlicht, von denen die meisten noch teure Druckausgaben herstellen und vertreiben, oder ob er es in einem der neueren Open-Access-Internetjournale publiziert, ist längst zu einer eigenen Wissenschaft geworden. Die Landschaft des wissenschaftlichen Publizierens wird immer komplexer. Und dabei spielen die Kosten, die bei den unterschiedlichen Journalen ohnehin kaum vergleichbar oder auch nur halbwegs durchschaubar sind, nicht einmal die Hauptrolle. Der Markt als solches wird immer intransparenter.

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          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

           

          Denn digitales Publizieren wird immer stärker Teil politischer Forschungsstrategien auf den jeweils nächsthöheren Ebenen, im Extremfall wie schon in den Vereinigten Staaten oder Großbritannien auf nationaler Ebene. Präsident Obama hat die Durchsetzung einer „grünen Open-Access-Strategie“ für staatlich finanzierte Forschung verordnet, was bedeutet, dass sämtliche vom Steuerzahler finanzierten Studien spätestens ein Jahr nach der Erstveröffentlichung im Internet zugänglich gemacht werden sollen. Vor fünf Jahren wäre das ein revolutionärer Schritt gewesen. Damals war es auf der Ebene einiger nationaler Forschungsbehörden wie den National Institutes of Health eingeführt worden. Der Goldstandard der Open-Access-Bewegung ist längst ein anderer: der goldene Weg. Das britische Research Council etwa wird genannt, das Anfang April für seine sieben nationalen Fördereinrichtungen beschlossen hat, künftig Fördergelder für die sofortige Freischaltung einer Publikation im Internet zu vergeben. Die Herausgeber eines Fachjournals werden dafür bezahlt, dass sie die direkte digitale Freischaltung einer Studie mitsamt der für andere Gruppen interessanten Daten ermöglichen.

          Einiges ist noch unklar an diesem Konzept, etwa die Einbindung von zentralen digitalen Repositorien oder Bibliotheken. Immer wieder wird auch darauf verwiesen, dass der Open-Access-Prozess zwar an Fahrt gewinnt, aber die digitale Transformation erst in Gang gekommen ist. 2011 sind etwa elf Prozent der weltweit publizierten Artikel online im Open-Access-Modus erschienen.

          „Long Room“: Die historische Bibliothek am Trinity College in Dublin

          In Irland hat die Bewegung allerdings schon vor einigen Jahren enorm an Fahrt aufgenommen. Nahim Brennan, die Leiterin des Informationsservice am Trinity College, hat vor kurzem auf einer Veranstaltung der Organisation „Atomium Culture“ in Dublin eine geradezu euphorische Bilanz gezogen. „Irlands Forschung insgesamt ist von Platz 36 im Jahr 2003 auf Platz 20 gesprungen“, sagte sie, die Zahl der zitierten Arbeiten irischer Wissenschaftler wurde seit den achtziger Jahren um 1800 Prozent gesteigert. Der messbare „Research Impact“ habe früher auf der Höhe Polens, Griechenlands oder Portugals gelegen und bewege sich jetzt schon deutlich über dem europäischen Durchschnitt.

          Für alles entscheidend hält Brennan die Umsetzung einer nationalen Open-Access-Strategie: Erst mit ihr sind irische Forschungsgruppen weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt und zitierfähig geworden. Im Oktober 2012 hat die irische Regierung im „National Open Access Statement“ deutlich gemacht, dass das Weiterentwicklung des nationenweiten zentralen Publikationsarchivs, des „National Open Access Portal RIAN“ im Interesse des gesamten Landes liege. Über das digitale Portal ist jeder irische Forscher mit seinen Arbeiten und biographischen Informationen erreichbar. Kosten soll ihn das nichts. Es ist ein elektronisches Netzwerk der Universitäten und quasi aller Forschungsstätten im Land, das auch über europäische Datenbanken wie „Dart“ und, wie Brennan andeutete, mit ausländischen Partner-Repositorien vernetzt ist. Besonders stolz ist man auf die Kooperationsbemühungen mit kommerziellen Fachzeitschriften-Verlagen: Sogar große Verlage wie Elsevier habe man mittlerweile mit im Boot. „Sie erlauben es den Forschern inzwischen, ihre Arbeiten direkt nach dem Druck auch digital im nationalen Digitalarchiv zu veröffentlichen - und zwar im Volltextmodus. Tatsächlich gilt das aber keineswegs für alle Journale. Vielmehr sagt die Vereinbarung mit den Verlegern, dass deren Publikationsbestimmungen voll und ganz akzeptiert werden. Die Vollversionen werden zwar nach dem Druck hinterlegt im Archiv, doch ein- oder zweijährige Embargos, die von Seiten der meisten großen Verlage gewünscht sind, werden eingehalten. Sofort zugänglich sind die Metadaten zur Publikation und die Profile der Forscher. Der irische Weg ist also ein „grüner“, Interessen der klassischen Fachverlage werden durchaus respektiert.

          Trotz dieser Einschränkungen wird Brennan zufolge „weiter in Richtung erweitertem Open Access“ gearbeitet. Die Veränderung hin zum freien digitalen Publizieren werde auf der Grünen Insel als gesellschaftliche Aufgabe verstanden: „Die Demokratisierung des Wissens kommt weiter voran.“ Dazu gehört als Teil der irischen Open-Access-Strategie auch die elektronische Öffnung ihrer historischen Bibliothek am Trinity College, die mit mehr als sechs Millionen Büchern, Abbildungen und 30 000 Fachzeitschriften bestückt ist. Vor kurzem ist die Digital Collections (digitalcollections.tcd.ie) online gegangen.

          Über die Sonderinitiative für Bürgerbeteiligung*

          Die Bürger haben das Recht - und es wird von ihnen erwartet -, sich an wichtigen Entscheidungen über die Gestaltung ihrer Zukunft zu beteiligen und mitzubestimmen, wie Wissenschaft und Technologie unser zukünftiges Leben verbessern können“

          (Bericht einer Expertengruppe an die Europäische Kommission, The Role of Community Research Policy in the Knowledge-based Economy)

          ------------------------------

          Wie bereits im Rahmenprogramm für verantwortbare Forschung und Innovation (RRI) dargestellt, gibt es eine höhere Erfolgschance bei der Bewältigung der großen Herausforderungen unserer Gesellschaft, wenn sich alle beteiligten Akteure umfassend an der gemeinsamen Suche nach innovativen Lösungen, Produkten und Dienstleistungen beteiligen. Das RRI wird deshalb zur Förderung einer Forschungs- und Innovationspolitik entwickelt, die in erster Linie an den Interessen und Bedürfnissen der Gesellschaft ausgerichet ist und alle Akteure über integrative partizipatorische Modelle einbindet.


          Die Sonderinitiative für Bürgerbeteiligung wird von Atomium Culture gerfördert und will Möglichkeiten erkunden, wie die Medien den Bürger im Rahmen eines Dialogs an der Diskussion wissenschaftlicher Themen beteiligen können. Auf diese Weise soll ein stärker auf Partzipation ausgerichteter Ansatz für eine Wissenschaftspolitik auf europäischer Ebene entwickelt werden.

          Die Ergebnisse dieser Initiative werden der Europäischen Kommission vorgelegt und unterstützen als Beitrag die Vorbereitung der Themen des ersten Aufrufs zur Einreichung von Vorschlägen für Horizont 2020 (besonders für das Einzelziel ‚Gesellschaftliches Engagement‘ des Bereichs Gesellschaftliche Herausforderung ‚Wege zu einer integrativen, innovativen und sicheren Gesellschaft‘ im Vorschlag der Kommission, früher SiS).

          * Dieses Projekt wird von der Generaldirektion Forschung und Innovation der Europäischen Kommission im Rahmen des Programms Wissenschaft in der Gesellschaft (SiS) finanziert.

          Für die auf dieser Plattform geäußerten Ansichten und Meinungen trägt der Autor die alleinige Verantwortung. Sie entsprechen nicht unbedingt der offiziellen Meinung der Europäischen Union.

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