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Asteroidenabwehr : Vorsicht – Brocken auf Kollisionskurs

Bild: F.A.Z., B612

Immer wieder wird die Erde von erdnahen Asteroiden getroffen, wie ein Videofilm eindrucksvoll dokumentiert. Das die kosmischen Einschläge bisher glimpflich waren, ist reines Glück, meint die amerikanische Stiftung B612 und fordert ein effizientes Asteroiden-Frühwarnsystem im All.

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          Auf der Erde sind seit der Jahrtausendwende offenkundig zahlreiche erdnahe Asteroiden eingeschlagen. Das belegt ein jetzt veröffentlichtes Video der B612 Foundation, eine Nichtregierungsorganisation, die sich die Erforschung von erdnahen Objekten, dem Schutz der Erde vor einem Einschlag und dem Aufbau einer Asteroidenabwehrsystems zur Aufgabe gemacht hat. Auf dem Film sind 26 Orte zu sehen, an denen Asteroiden zwischen den Jahren 2000 und 2013 niedergegangen sind. Die Objekte hätten eine Sprengkraft von einer bis 600 Kilotonnen TNT entwickelt, so die Stiftung. Zum Vergleich: Die Detonation der Hiroshima-Bombe 1945 belief sich auf 15 Kilotonnen TNT.

          Kosmische Atombomben

          Manfred Lindinger

          Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die am Dienstagabend anlässlich des „internationalen Tags der Erde“ in Seattle präsentierten Einschläge stammen von Daten eines erdumspannenden Netzes von Sensoren, das rund um die Uhr das weltweite Verbot von Nukleartests überwacht. Die Geräte  registrieren Infraschallwellen, die etwa bei der Detonation einer Kernwaffe ausgelöst wird. Seit der Jahrtausendwende hat die „Organisation zur Überwachung des Verbots von Nuklearversuchen“, 26 Explosionen mit bis zu 600 Kilotonnen Sprengkraft nachgewiesen, die jedoch nicht von Kernwaffentests stammten. Verursacher waren eindeutig Asteroiden gewesen, die auf der Erde eingeschlagen waren.

          Künstlersiche Darstellung des Feuerballs über der russischen Stadt Tscheljabinski im Frühjahr 2013.

          Die Erde ist ständig bedroht von Einschlägen erdnaher Asteroiden. Die größte Gefahrenquelle geht von Gesteinsbrocken aus, die größer sind als 140 Meter und unserem Heimatplaneten näher als 7,5 Millionen Kilometer kommen. (Zum Vergleich: Der Abstand zwischen Erde und Mond beträgt im Mittel 400 000 Kilometer). Die Bahnen von rund 1400 dieser potentiell gefährlichen erdnahen Asteroiden sind mittlerweile bekannt. Von jenen Objekten, die tatsächlich mit der Erde kollidieren, explodieren die meisten, so weit oben in der Atmosphäre, dass keine große Schäden am  Erdboden entstehen. „Wir wissen nicht, wo und wann der nächste große Einschlag passieren wird. Das einzige, was bislang eine Katastrophe durch einen „City-Killer“-Asteroiden verhindert hat, ist pures Glück gewesen“, betont der amerikanische Astronaut Ed Lu in einer Mitteilung der B612 Foundation. Lu hatte die Organisation,die nach dem fiktiven Asteroiden aus der Erzählung „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry benannte ist, im Jahr 2001 mitbegründet.

          Verräterische Asteroidenhitze

          Zwischen 2000 und 2013 habe es Treffer mit mehr als 20 Kilotonnen Sprengkraft in Indonesien, dem Südpolarmeer, dem Mittelmeer und in Russland gegeben (siehe Kasten). Der Asteroid, der vergangenes Jahr über der russischen Stadt Tscheljabinsk niederging, habe eine Sprengkraft wie 600 Kilotonnen des Sprengstoffs TNT gehabt. Die Vereinten Nationen hatten daraufhin die Einrichtung einer internationalen Asteroiden-Warngruppe beschlossen.

          „Mittlerweile hat man die  meisten großen Asteroiden, die ein ganzes Land oder einen gesamten Kontinent zerstören können,  entdeckt. Von den mehr als eine Million gefährlichen Asteroiden , die eine Metropolregion zerstören können, haben alle existierenden Observatorien im Weltraum oder auf dem Erdboden weniger als 10.000 Objekte aufgespürt“, erläuterte Lu. Der Löwenanteil schwirrt noch immer unerkannt im all und kreuzt  die Erdbahn.

          Die Mitglieder der B612 Foundation sammeln Geld für ein Infrarot-Weltraumteleskop, das gefährliche kosmische Geschosse Jahre im Voraus entdecken soll, so dass genug Zeit für Abwehrmaßnahmen bleibt. Das Weltraumteleskop namens „Sentinel“ (nicht zu verwechseln mit den gleichnamigen europäischen Erdbeobachtungssatelliten) soll 2018 ins All geschossen werden und bereits im ersten Jahr mehr als 200.000 Asteroiden aufspüren. Dazu soll es nach der Wärmesignatur der Asteroiden spähen. Diese sei leichter zu entdecken  als das nur schwach reflektierte Sonnenlicht der meist dunklen Himmelskörpern, nach dem die irdischen Teleskopen Ausschau halten.

          „Wenn wir Asteroiden, die eine Stadt auslöschen können, früh genug entdecken, ist nicht viel mehr nötig, als nur ein kleiner Schubser, um sie auf einen ungefährlichen Kurs zu lenken“, betonte Apollo8-Veteran Bill Anders auf einer Pressekonferenz im Flugmuseum von Seattle. „Die Erde ist in der Vergangenheit wiederholt von Asteroiden getroffen worden, was das Leben auf dem Planeten verändert hat“, ergänzte Astronautenkollege Tom Jones. „Heute haben wir die Technologie, dies zu verhindern.“

          Asteroideneinschläge 2000 bis 2013

          1. 25.8.2000 (1-10 Kilotonnen TNT) Nordpazifik
          2. 23.4.2001 (1-10 kT)  Nordpazifik
          3. 9.3.2002 (1-10 kT) Nordpazifik
          4. 9.8.2006 (1-10 kT) Indischer Ozean
          5. 2.9.2006 (1-10 kT) Indischer Ozean
          6. 2.10.2006 (1-10 kT) Arabisches Meer
          7. 9.12.2006 (10-20 kT) Ägypten
          8. 22.9.2007 (1-10 kT) Indischer Ozean
          9. 26.12.2007 (1-10 kT) Südpazifik
          10. 7.10.2008 (1-10 kT) Sudan
          11. 8.10.2009 (>20 kT) Indonesien
          12. 3.9.2010 (10-20 kT) Südpazifik
          13. 23.12.2010 (1-10 kT) Tasmanisches Meer
          14. 22.4.2012 (1-10 kT) Kalifornien
          15. 15.2.2013 (>20 kT) Tscherljabinsk, Ural
          16. 21.4.2013 (1-10 kT) Santiago del Estero, Argentinien
          17. 30.4.2013 (10-20 kT) Nordatlantik

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