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Arzthonorare : Was darf’s denn kosten?

  • -Aktualisiert am

Erst einmal gibt es die Grundpauschale. Wie darüber hinaus abgerechnet wird, ist höchst undurchsichtig. Bild: dpa

Wie Arzthonorare zustande kommen, verstehen selbst die meisten Ärzte nicht mehr. Das ganze System scheint dringend reformbedürftig. Denn mit der Qualität der Behandlung hat es überhaupt nichts zu tun.

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          Erhard Meyer (Name geändert) ist Orthopäde, und er ist es gerne. Aber manchmal, sagt er, „wird einem der Beruf ganz schön verleidet“. Denn bei ihm muss es die Menge machen. Nicht nur, weil viele Patienten Termine wollen, sondern auch, weil er für jeden einzelnen ein Honorar bekommt, das aus seiner Sicht Reden und Zuhören kaum möglich macht. Rund zwanzig Euro sind es pro Kassenpatient und Quartal – egal, wie oft der Patient in dieser Zeit kommt. Manche nur einmal, um ein Rezept abzuholen. Aber andere, sagt Meyer, „stehen mehr als zehnmal auf der Matte“.

          So läuft es in vielen Orthopädiepraxen: Wer anderthalb Stunden im Wartezimmer gesessen hat, ist oft schon nach drei Minuten beim Arzt wieder raus. „Viele sind dann ungehalten“, sagt Erhard Meyer, „und das kann ich auch verstehen. Denn sie denken, dass wir dafür richtig Geld kassieren.“ Wenn er nachfragt, schätzen viele das Honorar auf fünfzig Euro pro Spritze und zweihundert bis dreihundert pro Untersuchung.

          Die zwanzig Euro „Kassenhonorar“, die er garantiert bekommt, sind allerdings nur eine Grundpauschale. Einige ärztliche Leistungen werden von den Krankenkassen zusätzlich vergütet. Außerdem verdienen Ärzte an Privatleistungen, die sie nicht nur Privatpatienten anbieten, sondern auch den gesetzlich Versicherten. Das macht nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes gerade bei Orthopäden einen großen Teil des Umsatzes aus. 47 Prozent betrug der Anteil 2011, neuere Zahlen liegen noch nicht vor.

          Ähnliche Mischkalkulationen gelten für die meisten niedergelassenen Ärzte, Die Höhe der Privateinnahmen kann freilich je nach Fachrichtung und Praxissitz sehr unterschiedlich sein. Bei Hausärzten ist sie geringer als bei Orthopäden, in Berlin-Neukölln geringer als in Baden-Baden. Auch das Honorar aus der gesetzlichen Krankenversicherung kann sehr unterschiedlich ausfallen. Nimmt man die Grundpauschale und addiert dazu die zusätzlich honorierten Kassenleistungen wie Röntgen, Ultraschall oder Akupunktur bei chronischen Rücken- oder Knieschmerzen, kommt man im Bundesdurchschnitt pro Arzt auf 66,36 Euro pro Behandlungsfall. Das hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) für das vierte Quartal 2013 ausgerechnet. Für Fachärzte in Brandenburg waren es aber nur 53 Euro, in Bayern dagegen 73 Euro. Ein niedergelassener Kardiologe in Bremen bekam mit 129 Euro dreimal so viel wie sein Kollege in Thüringen (43 Euro).

          Erhard Meyer findet das ungerecht. Und damit ist er nicht allein. Die regionalen Honorarunterschiede sind ein Dauerärgernis in der Ärzteschaft. Sie sind laut KBV „historisch gewachsen“, also ein Erbe früherer Abweichungen bei der Honorarverteilung vor Ort. Denn für den Gesamtetat, den die Krankenkassen für die Kassenärzte bereitstellen, wird bundesweit nur ein Rahmen vorgegeben. Details werden dezentral ausgehandelt, also in jeder der 17 Kassenärztlichen Vereinigungen anders. Das liegt unter anderem an der unterschiedlichen Finanzkraft der Kassen in den Bundesländern. Wo weniger Menschen arbeitslos sind, werden entsprechend mehr Beiträge gezahlt. Bayern und Baden-Württemberg liegen damit häufig an der Spitze der Honorartabellen. Natürlich ist es teurer, in München eine Praxis zu betreiben als in Cottbus. Aber eigentlich, sagt Klaus Reinhardt, Vorsitzender des Ärzteverbandes Hartmannbund, „sollte das zur Verfügung stehende Einkommen nach vergleichbarer Arbeit auch ähnlich ausfallen“.

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