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Arzthonorare : Was darf’s denn kosten?

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Vor allem dann, wenn die Regionen kaum Unterschiede aufweisen. Der Präsident des Berufsverbandes für Orthopädie und Unfallchirurgie, Johannes Flechtenmacher, hat ausgerechnet, dass sein Kollege Meyer mit seiner Praxis auf ein Kassenhonorar von 45,28 Euro kommt – pro Patient und Quartal, inklusive aller Leistungen wie Fahrgeld oder Operationen. Nur wenige Kilometer weiter, in der benachbarten Kassenärztlichen Vereinigung, sind es 58,95 Euro. „Das ist nicht nachvollziehbar und hat allein politische Gründe“, kritisiert Flechtenmacher.

Tatsächlich ist der Ablauf der Verteilung auf Landesebene nicht transparent. Die Krankenkassen haben dazu keine Daten. Überhaupt sei die Honorarverteilung „nahezu irreal komplex“, sagt Klaus Reinhardt vom Hartmannbund. „Wie ein ärztliches Honorar zustande kommt, ist für die meisten Kollegen nicht mehr durchschaubar.“ Selbst Ärzte, die sich als Standesvertreter häufig damit befassen, verstehen nur selten alle Finessen.

Nun gelten finanzielle Klagen von Ärzten immer als Jammern auf hohem Niveau. Im Bundesdurchschnitt lag der Honorarumsatz pro Praxisinhaber im Jahr 2013 bei 205357 Euro. Die Orthopäden kamen auf 219527 Euro, lagen also darüber. Rechnet man zu dem Kassenhonorar die privaten Abrechnungen hinzu, kommt das Statistische Bundesamt auf einen durchschnittlichen Reinertrag pro Arztpraxis von 234000 Euro und pro Orthopädiepraxis von 293000 Euro. Dieser Reinertrag ist jedoch kein Nettoeinkommen (siehe „Honorar, Umsatz und Nettoeinkommen“).

Es steht in der Debatte um die Arzthonorare also immer mehr als eine Zahl im Raum. Und jede Seite jongliert gerne mit der für sie passenden. Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (ZI) rechnete aus, die Steigerung der Gesamteinnahmen je Praxisinhaber in den Jahren 2010 und 2011 sei von den gestiegenen Praxiskosten aufgezehrt worden. Das Plus sei also in Wahrheit ein Minus. Gerade bei Orthopäden und Psychotherapeuten, so das ZI, hätten sich die Jahresüberschüsse um durchschnittlich 1,7 Prozent verringert. Die ambulante Behandlung von gesetzlich Versicherten werde „nach wie vor schlechter vergütet als eine vergleichbar qualifizierte ärztliche Tätigkeit im Krankenhaus“.

Nach Verhandlungen zwischen Krankenkassen und Ärzteschaft wurde das Honorar für die Niedergelassenen 2013 immerhin um mehrere hundert Millionen Euro erhöht. Von einer „Unterfinanzierung der ambulanten Versorgung“ könne deshalb keine Rede sein, betont der Spitzenverband. Vielmehr gebe es innerhalb der Ärzteschaft „seit langem Verteilungsprobleme“.

Erhard Meyer kennt das alles. Natürlich, sagt er, komme man als Arzt mit dem Geld gut hin. Aber die Schwankungen der Honorare würden eine Kalkulation schwierig machen. „Für uns ging es die letzten acht Jahre finanziell stetig bergab. Die Kosten für Personal und Geräte sind dagegen gestiegen. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mich vermutlich nicht selbständig gemacht.“

Ein Beispiel macht den Unmut verständlich. Für ein Röntgenbild erhielten Orthopäden, die zwischen Kleve und Wuppertal, also im Bereich der KV Nordrhein, praktizieren, im vierten Quartal 2015 gerade mal 2,74 Euro. Die Betroffenen beschwerten sich schriftlich: Das sei unterirdisch. Selbst in einer großen Praxis mit gut ausgelasteter Röntgenabteilung verursache eine Röntgenuntersuchung Kosten von etwa 7,40 Euro.

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