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Rekordschmelze droht : Polareis im Sturzflug

Möwen über den Eisschollen. Bild: dpa

Alaska ist früh eisfrei, und auch der Rest der Arktis steuert auf ein Rekordminimum zu. Unbarmherzig beschleunigt sich die Eisschmelze am Pol. Und die europäische Hitze ist auch ein Faktor.

          Ein neuer Tiefschlag für den hohen Norden: Die Eisschmelze hat sich in diesem Sommer nochmal beschleunigt. Alaska trauert. Jeder kann es spüren, der die Reaktionen in den sozialen Netzen auf die jüngsten Statistiken und Bilder der Polarforscher verfolgt. Dass das Eis vor den Küsten sommers schmilzt ist nichts Neues, viele Bewohner sehen vom Ufer aus schon lange kein Eis mehr in den Sommermonaten. Früher oder später aber, ab Mitte September etwa, wenn die Temperaturen wieder anziehen, wachsen die Eisflächen normalerweise wieder.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Doch die Sommerhitze in diesem Juli und auch die rekordverdächtigen Monatstemperaturen davor haben dafür gesorgt, dass Alaska so früh und radikal wie nie zuvor sein schwimmendes Eis verloren hat. Die Entwicklung ist nicht auf den nördlichsten amerikanischen Bundesstaat beschränkt: Den aktuellen Daten- und Satellitenbildern des National Snow and Ice Data Center (NSIDC) zufolge steuert die Eisbedeckung der Arktis derzeit auf ein neues Jahres-Rekordminimum hin.

          Jahreschroniken: Die Kurven zeigen den Verlauf des arktischen Eisvolumens seit den achtzigern jeweils über ein Jahr gemessen.

          7,59 Millionen Quadratkilometer Fläche – so gering war die im Juli ermittelte Polareisfläche rund um den Nordpol noch nie in einem Juli. Das waren schon 80.000 Quadratkilometer weniger als im bisherigen Minusrekordjahr 2012, und auch der August kratzt am Allzeitminimum. Vor allem der Vergleich mit dem langjährigen Mittelwert zeigt, wie dramatisch sich die Situation zuspitzt: Minus 1,88 Millionen Quadratkilometer – gemessen an der mittleren Ausdehnung der Eisdecke in den dreißig Juli-Monaten seit 1980. 

          Die beiden Hitzewellen des Frühsommers über Europa haben die Polargebiete nicht nur gestreift, sondern ins Herz getroffen. So interpretieren Wissenschaftler des NSIDC die meteorologischen Ursachen der Eisschmelze. Zwischen vier und fünf Grad über dem langjährigen Mittel lagen die Juli-Temperaturen im nördlichen Alaska wie in der Tschuktschensee und der Beaufortsee – auch das hat es noch nie gegeben in der Messhistorie des nationalen Eisdatenzentrums. Noch ein anderer, entscheidender Faktor nagt immer stärker an den Eisreservoiren: Das sogenannte „alte“ Eis, sprich: die mindestens vier Jahre älteren Eisschichten, die vom Schnee aus dem zurückliegenden Winter bedeckt sind, schmelzen immer schneller dahin.

          Meereis-Konzentration am 13. August 2019. Die orangenfarbene Linie zeigt die äußere Grenze der Eisfläche im langjährigen Durchschnitt – ermittelt als der mittlere Wert zwischen 1981 und 2010.

          Man kann sich das vorstellen wie die Rücklagen eines Unternehmens, die in vielen aufeinanderfolgenden Jahren von operativen Verlusten aufgefressen werden – und deshalb auch immer weniger Zinsen abwerfen. Es “überlebt“ also immer weniger des alten Eises den Sommer. Vor knapp einem Jahr veröffentlichte der NSIDC einen Bericht, die Arctic Report Card,  wonach im Jahr 1985 die polare Eismasse noch zu 16 Prozent aus altem Eis bestand, im März 2018 waren es nur noch 0,9 Prozent.

          Die Kryosphäre rast gefährlich auf den „Kipppunkt“ zu, an dem nichts mehr rückgängig zu machen ist. Zumal die vom Eis befreite Wasserfläche immer größer wird und damit das helle Eis, das einen kühlenden Effekt hat, weil es Sonnenstrahlen zurückstrahlt in den Weltraum, durch die dunkle Wasseroberfläche ersetzt wird, die zusätzlich Wärme absorbiert (“Albedo-Effekt“). Die Abwärtsspirale hat also einen neuen Tiefpunkt erreicht, aber wie die Dinge sich entwickeln, wird es auch diesmal nicht die Talsohle sein.

          Abweichung der Lufttemperatur zwischen April und Juli 2019, gemessen am langjährigen Mittel der jeweiligen Region.

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