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Arktis-Konferenz : Eisgekühlte Hoffnung auf Frieden

  • -Aktualisiert am

Bohrplattform in der Arktis. Bild: AP

Auf der „Arctic Frontiers“ scheinen sich alle einig zu sein. Im Hohen Norden soll gelten: Kooperation zuerst. Doch Stabilität ist keine Selbstverständlichkeit mehr.

          3 Min.

          Man muss schon ganz genau hinhören, um auf der diesjährigen „Arctic Frontiers“ erregte Stimmen zu Russland zu finden. Auf dem Treffen, zu dem Wissenschaftler, Diplomaten und Geschäftsleute vor wenigen Tagen in die Stadt der Eismeerkathedrale anreisten, lautet das mantrahaft wiederholte Stichwort Kooperation, ja sogar „Modell“ für den Rest der unruhigen Welt.

          Und da ist auch viel dran: Trotz der lärmenden Schlagzeilen, die es seit der Tauchfahrt eines russischen U-Boots am Nordpol 2007 zum „Kampf um die Arktis“ und „Wettlauf“ um die Ressourcen „am Nordpol“ gibt, und trotz der geopolitischen Erschütterungen wird die Erforschung und Erschließung der Arktis bislang eher von Kooperation denn Konfrontation bestimmt.

          Die meisten der ins Blickfeld geratenen Öl- und Gasvorkommen befinden sich eben in Gebieten, an deren nationaler Zugehörigkeit kein Zweifel besteht. Das Knowhow ist ungleich verteilt. Und schon mit Blick auf Sicherheitsfragen im neuen arktischen Alltag, auf die unvorstellbaren Entfernungen etwa, die Rettungseinheiten im Falle von Unglücken zu bewältigen haben, sind die Herausforderungen derartig groß, dass es im Ernstfall selbst die Kräfte der größten und wichtigsten arktischen Macht übersteigen dürfte.

          Auch Nuritdin Inamov, der Direktor des russischen Ministeriums für internationale Kooperation, der unter anderem über Fortschritte bei der Entsorgung von Umwelt-Altlasten sprach, beteuerte mit Nachdruck, dass der Norden eine „Region der Kooperation“ sei. Auf den Einwurf der Moderatorin, dass sich viele Beobachter gerade fragten, ob die Arktis angesichts der allgemeinen politischen Lage auch künftig eine Region von „Frieden und Stabilität“ bleiben könne, entgegnete er freilich: „Diese Frage stellen wir uns manchmal auch.“ Er könne nur dazu raten, trotz der Emotionen der Öffentlichkeit sachlich zu bleiben.

          Forschungsschiff „MS Merian“ im Nordpolarmeer.
          Forschungsschiff „MS Merian“ im Nordpolarmeer. : Bild: Universität Tromso

          Admiral Robert Papp, der Arktis-Sonderbeauftrage der amerikanischen Regierung, sagte unterdessen in einem Interview mit der Nachrichtenagentur NTB, er kenne nicht ein Problem, das durch weniger Kommunikation gelöst werden könnte. Das war mit Blick auf den Arktischen Rat formuliert; in dem Gremium, das in den letzten Jahren einen erheblichen Bedeutungszuwachs erfuhr, haben die Amerikaner bis zur Übernahme der Finnen 2017 den Vorsitz .

          Umso begeisterter lobte Papp im politischen Teil der Konferenz die Errungenschaften des Rates, der in diesem Jahr zwanzigjähriges Bestehen feiert (und seit 2013 im selben Haus in Tromsø sein ständiges Sekretariat hat, in dem sich auch das Büro von „Arctic Frontiers“ befindet). Ohne den Arktischen Rat, sagte Papp, würde er sich Sorgen um die Welt machen, die seine Kinder vorfinden werden. Soll heißen: Wenn es den Rat nicht gäbe, müsste man ihn erfinden.

          Am Ende seiner Rede, in der Amerikas Interesse für die Arktis („Top-Priority“) ebenso zur Sprache kam wie der Wert freier Handelsrouten und das Unfallrisiko, das mit dem vermehrten Schiffsverkehr im Norden einhergeht, wies Papp per Nebensatz gleichwohl auf den Punkt der Landkarte, an dem amerikanische und russische Eigenarten aufeinanderstoßen könnzen: die Beringstraße.

          Durch sie verläuft die legendäre „Nordostpassage“, die den Weg zwischen Europa und Asien erheblich verkürzt und dank des schmelzenden Eises länger zu befahren ist als je – sehr zum Schrecken von Umweltaktivisten wie Bernice Notenboom, einer Filmemacherin, die 2014 „als einer der letzten“, wie sie sagt, per Ski von Nordpol nach Kanada fuhr und nun am Rande von „Arctic Frontiers“ auf ihren Dokumentarfilm „Seablind“ aufmerksam machte.

          Auch mit Blick auf dieses Thema dürfte sich das Gespür für das empfehlen, was der finnische Außenminister Timo Soini als „Top 3“ der finnischen Arktis-Strategie aufzählte: Erstens Umweltschutz. Zweitens Kooperation. Und drittens die „Fähigkeit, bei kaltem Wetter handlungsfähig zu bleiben“. Womit Soini allerdings die extremen Wetterlagen jeglicher Art meinte, die manche Wissenschaftler für die Arktis vorhersehen.

          Gefährliche Schönheit: ein Eisberg in der Arktis.
          Gefährliche Schönheit: ein Eisberg in der Arktis. : Bild: dpa

          Was genau sehen aber nun die Wissenschaftler für die Arktis voraus? Zu wenig, hieß es auf der Konferenz allenthalben. Zwar wird geforscht wie verrückt. Am Vorabend von „Arctic Frontiers“ berichteten Wissenschaftler wie Yngve Kristoffersen, der sich mit dem Hovercraft „Sabvabaa“ ins Eis gewagt und abenteuerliche Monate auf treibenden Eisschollen verbracht hatte, im „Framzentrum“ von modernen Expeditionen. Bei anderen Begegnungen schwärmten die Tech-Enthusiasten eines Energiekonzerns von „Wave Glidern“, die autonom durch die Arktis surfen können, um Daten zu sammeln.

          „Aber wir wissen immer noch mehr über den Mond als über die Tiefe des Ozeans“, klagte in Tromsö der frühere norwegische Außenminister Jonas Gahr Støre, in dessen Amtszeit einst Norwegens Arktis-Strategie vorgestellt worden war. Verlässliches Wissen über die Nordmeere sei nicht nur zum besseren Verständnis des Klimawandels, sondern auch zur Lebensmittel-Versorgung der wachsenden Weltbevölkerung dringend vonnöten.

          Russland fördert bereits Öl in der Arktis
          Russland fördert bereits Öl in der Arktis : Bild: AP

          Wie mehr Wissen ja überhaupt gut ist. Jedenfalls fanden sich in Tromsø auch Politikwissenschaftler ein. Sie beschäftigten sich unter anderem mit den recht guten, seit Jahrzehnten bereits beim Management der Fischbestände in der Barentsee helfenden norwegisch-russischen Verbindungen, die 2010 ein historisches Abkommen über den Grenzverlauf auf hoher See ermöglichten: „Russland, unser Nachbar in der Arktis.“

          Im Januar 2016 mag sich das selbst für norwegische Zuschauer wie eine Erinnerung aus verlorenen Zeiten ausnehmen. Norwegen und Russland sind gerade an derselben nordnorwegischen Landgrenze, die vor kurzem noch für die gelungene „Barentszusammenarbeit“ stand, über die Flüchtlingsfrage in Streit geraten. Aber, wer weiß: Das alles muss sich ja nicht auf die Arktis auswirken. Dafür steht hier für alle Beteiligten womöglich zuviel auf dem Spiel.

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