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Archäologie : Die Insel der Zurückgebliebenen

Die Toteninsel auf dem Ostorfer See bei Schwerin diente in der Jungsteinzeit als Friedhof Bild:

Jäger und Sammler beherrschten Europa bis zur Jungsteinzeit. Dann kamen die Bauern und mit ihnen der Fortschritt. Die beiden Gesellschaften lebten parallel zueinander und tauschten sich aus, vermischten sich aber nicht miteinander. Wessen Erbe haben wir angetreten?

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          Um seine Hüften war ein Gürtel geschlungen, reich mit Tierzähnen besetzt. Ein Beil aus Grünstein und Feuersteinklingen führte er mit sich, außerdem 22 trapezförmige Pfeilspitzen. Auch Feuerschlagbesteck und eine Bernsteinperle durften nicht fehlen, als der Jäger seine letzte Reise antrat. Keine 30 Jahre alt - doch jene, die seinen Leichnam, ausgestreckt und auf dem Rücken liegend, ins Erdreich betteten, schätzten ihn offensichtlich und gaben ihm allerlei Werkzeug mit.

          Sonja Kastilan

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Vor knapp fünf Jahrtausenden wurde der Mann auf einer kleinen Insel im Ostorfer See nahe Schwerin bestattet. Tannenwerder, so der offizielle Name, wird im Volksmund „Toteninsel“ genannt, heute und vielleicht schon während der Jungsteinzeit, als man dort einen Friedhof anlegte und innerhalb von vier Jahrhunderten 41 Flachgräber aushob. „Für die Toten einer Jäger- und-Sammler-Gesellschaft“, sagt Thomas Terberger von der Universität in Greifswald. Die Grabbeigaben seien typisch für einen solchen Lebensstil. Als „mesolithisch“ ordnet der Archäologe den Charakter dieser Kultur ein, die nach dem Rückzug der Eismassen wieder Land gewinnen und sich zwischen Alt- und Jungsteinzeit gen Norden ausbreiten konnte. Diese frühen Europäer konnten Paläogenetiker der Universität Mainz nun mittels Erbgutanalysen genauer typisieren.

          Kontakt mit den Fortschrittspionieren

          Im Rahmen einer internationalen Studie zur neolithischen Revolution in Mitteleuropa, dem Beginn der Landwirtschaft vor 7500 Jahren, hatte das Team um Barbara Bramanti und Joachim Burger unter anderen sieben Skelettreste aus Ostorf untersucht. Sie erwiesen sich als Zeugen historischer Umwälzungen, nicht nur eines neuen Lebensstils. Und die Frage lautete: Ließen sich die Jäger auf den Wandel ein, oder blieben sie auf bewährten Pfaden?

          Zwischen 15.400 und 4300 Jahre alt waren die Gebeine von insgesamt 45 Jägern und Bauern, deren DNA im Mainzer Spurenlabor mit der nötigen Sorgfalt aus dem Knochenmaterial gelöst und sequenziert werden konnte. Fünf Jahre Laborarbeit, deren Ergebnis Science jetzt online präsentiert. „Knochenarbeit im wahrsten Sinne des Wortes, um aufschlussreiche Daten zu erhalten und Kontaminationen mit moderner DNA möglichst auszuschließen“, sagt Bramanti. Die Palaeogenetiker erfassten nicht nur den entscheidenden Zeitraum des kulturellen Umbruchs, sondern auch ein geografisch weites Gebiet, denn ihre Proben stammten von wichtigen Fundstätten in Litauen, Polen, Russland oder Ungarn; Deutschland war zum Beispiel mit dem Hohlen Felsen und der Falkensteiner Höhle vertreten sowie mit Flomborn, Derenburg, Schwetzingen und eben Ostorf.

          Beim Vergleich des mütterlich vererbten, mitochondrialen Genoms (mtDNA) zeichnen die Daten ein recht einheitliches Bild: „Europas Jäger und Sammler waren nicht die Vorfahren unserer frühen Bauern“, sagt Joachim Burger auf Basis der Genanalyse. Offenbar seien Letztere aus dem Südosten eingewandert, hätten sich dann hier niedergelassen und neben ihrer Agrarwirtschaft die Töpferkunst der Linearbandkeramik eingeführt. Die Alteingesessenen wiederum verschwanden nicht einfach, sie pflegten Kontakt mit den Fortschrittspionieren, blieben jedoch ihren Wurzeln treu. Das gilt für wohl ganz Mitteleuropa, und das frühe Ostorf macht da keine Ausnahme.

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