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Schlacht von Waterloo : Vollständiges Skelett eines Soldaten gefunden

Nahezu komplett: Veteranen und Archäologen von „Waterloo uncovered“ haben in den vergangenen Tagen das Skelett des Soldaten gemeinsam freigelegt. Bild: Foto Chris van Houts

Erst zum zweiten Mal überhaupt wurden die gut erhaltenen Überreste eines Soldaten bei Waterloo ausgegraben. Gefunden haben ihn Veteranen, die sich an einem besonderen Projekt beteiligen.

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          Was haben die Veteranen nicht schon alles ausgegraben: jede Menge Kugeln von Mus­keten zum Beispiel, Uniformknöpfe, auch von Soldaten der Cold­­stream-Garde, eines der ältesten ­Regimenter der britischen Armee, das zu den fünf Leibregimentern von Königin Elisabeth II. gehört. Einige abgetrennte Gliedmaßen wurden ebenfalls gefunden, die zeigen, wie massiv die Verletzungen der Soldaten wa­ren – deshalb mussten ihnen Arme und Beine amputiert werden. Ein ganzes Skelett eines Menschen aber war noch nicht darunter. Was erstaunlich scheint, denn unweit von Waterloo fielen an einem einzigen Tag im Juni 1815 mehr als 20 000 Männer, als Napoleons Ar­mee in ihre letzte große Schlacht zog und gegen die alliierten Truppen des englischen Generals Wellington und des preußischen Feldmarschalls Blücher unterlag.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Viel kann selbst einer der archäologischen Leiter des Ausgrabungsprojekts, Tony Pollard, über den Toten noch nicht sagen, außer dass es ein Mann war. Selbst die Todesursache erschließt sich nicht. Auffällige Verletzungen oder Schuss­wunden sind nicht zu sehen, wie Pollard berichtet. Das Skelett ist vollständig er­halten. Ein Bein musste zwar amputiert werden, es liegt aber neben den sterb­lichen Über­resten. Gefunden wurden sie in einer Art Massengrab, einer ehemaligen Grube hinter dem einstigen Feld­lazarett Wellingtons unweit seines damaligen Hauptquartiers, des Château d’Hougoumont im belgischen Braine-l’Alleud.

          Drei Pferdeskelette und Munitionstaschen

          Auf der einen Seite der einstigen Grube fanden die Ausgräber drei Pferdeskelette. Eines hatte ein gebrochenes Bein. Womöglich sei das Pferd damals selbst in die Grube gestürzt, wo es mittels Kopfschuss von seinen Qualen erlöst worden sei, glaubt Pollard. In der Mitte lagen Munitionstaschen, wie sie den Soldaten abgenommen wurden, wenn sie verletzt ins Lazarett kamen, und obenauf drei amputierte mensch­liche Gliedmaßen. In einem der Körperteile steckte noch eine napoleonische Kugel. Gleich daneben konnte nun das Skelett des unbekannten Soldaten freigelegt werden.

          „Ich habe so ein Massengrab in 20 Jahren noch nicht gesehen“, sagt Pollard, der als Archäologe auf Schlachtfeldarchäologie spezialisiert ist. Nur einmal vor zehn Jahren, so Pollard, sei bisher ein ganzes Skelett von der Schlacht bei Waterloo gefunden worden. Und weil das so etwas Besonderes war, wurde der Tote als „der Waterloo-Soldat“ bekannt. Die Knochen des 23 Jahre alten Hannoveraners, der für Wellingtons Armee kämpfte, befinden sich heute un­weit der Fundstelle im Museum, im 2015 eröffneten „Mémorial Waterloo 1815“.

          Anders als bei dem nun gefundenen Toten fehlten beim ersten Skelett nur Uniform und Waffe. Der Deutsche, der eine Ku­gel in die Lunge bekommen hatte, hatte aber zum Beispiel noch eine Geldbörse mit Münzen bei sich, was dafür spricht, dass er an jenem 18. Juni von einem Kameraden auf die Schnelle und heimlich begraben wurde, sodass sein Leichnam nicht sofort oder später ge­fleddert werden konnte. Denn genau das war üblich, wie Pollard berichtet: „Tote ­Soldaten wurden nackt be­stattet. Alles, was sie hatten, wurde weiter verwendet oder wiederverwertet.“

          Grabräuber suchten Souvenirs

          Später kamen nach Waterloo zuerst Grabräuber, um nach verkäuflichen Souvenirs zu suchen. Seit den Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts wurden dann planmäßig alle sterblichen Überreste in und um Waterloo ausgegraben und zu Knochenmehl verarbeitet. „Das wurde an Bauern in England und Schottland als Dünger für ihre Felder verkauft“, erzählt Pollard. Andere große napoleonische Schlachtfelder, etwa bei Austerlitz und Leipzig, wurden ebenfalls auf diese Weise ausgebeutet. Der Handel mit mensch­lichen Überresten wurde erst eingestellt, als um 1860 Zeitungsartikel über das „in­humane Vorgehen“ erschienen.

          Tony Pollard, der Professor an der Glasgow-Universität ist, begleitet das Projekt in Belgien schon seit dem Jahr 2015. Damals, genau 200 Jahre nach der berühmten Schlacht bei Waterloo, hatten zwei Afghanistanveteranen die Idee, gemeinsam mit anderen Soldaten nach Überresten des einstigen Kriegsschauplatzes zu suchen. Mark Evans und Charlie Foinette dienten selbst in der Coldstream-Garde Ihrer Ma­jestät, beide hatten zudem Archäologie studiert. Evans litt darüber hinaus an einer posttraumatischen Belastungsstörung in­fol­ge seines Einsatzes in Afghanistan. Ihr Wohltätigkeitsprojekt „Waterloo un­covered“, an dem bis heute mehr als 200 ehemalige Soldaten aus einer Reihe von Ländern, darunter auch Deutschland, teilgenommen haben, kommt darum nicht nur der Archäologie zugute, es soll auch Kriegswunden heilen und Veteranen helfen, zurück ins zivile Leben zu finden.

          Gesucht wird zwei Wochen in jedem Sommer. Erstmals in diesem Jahr wurde auch im kleinen Ort Plancenoit gegraben, wo Napoleon vor allem gegen preußische Truppen kämpfen musste. Auch von einer großen geophysikalischen Untersuchung des gesamten Schlachtfelds erhofft sich Pollard neue Erkenntnisse, die ihn und die Veteranen im nächsten Jahr zu neuen Funden, bisher waren es schon mehr als 6000, führen sollen. Und das auch in dem noch längst nicht völlig erschlossenen Massengrab, in dem womöglich sogar ein weiteres Skelett verborgen sein könnte. Die diesjährige Ausgrabungssaison geht an diesem Freitag zu Ende. Ob sie 2023 zurückkehren können, wissen die ehemaligen Soldaten allerdings noch nicht. Schon 2020 und 2021 ruhten coronabedingt alle Arbeiten auf einem der meistbeschriebenen und be­sungenen Schlachtfelder der Geschichte.

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