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Frühe Siedler : Ein Milchzahn vom frühen Europäer

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Grabungen in der Mandrin-Höhle unweit des französischen Städtchens Malataverne im Rhonetal. Bild: Ludovic Slimak, CNRS

Wann betrat Homo sapiens europäischen Boden? Ein Milchzahn aus dem Rhonetal liefert die Antwort.

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          Die ursprüngliche Heimat von Homo sapiens ist Afrika. Von dort aus ist dieser erfolgreiche Sprössling des Menschen-Stammbaums in den Nahen Osten und ins südliche Asien vorgedrungen. Vor etwa 65.000 Jahren war er auch in Australien angekommen. Europa, so schien es bislang, ist erst vor 43.000 bis 45.000 Jahren von Homo sapiens besiedelt worden. Verständlich, dass die frostigen Steppengebiete, die Mitteleuropa während der letzten Kaltzeit prägten, eher abschreckend gewirkt haben. Doch in Südeuropa, das hat ein internationales Forscherteam entdeckt, waren Vertreter unserer Spezies tatsächlich schon rund zehntausend Jahre früher präsent. Entsprechende Funde stammen aus der Mandrin-Höhle unweit des französischen Städtchens Malataverne im Rhonetal. Die drei Meter dicken Sedimentschichten, die sich im Laufe von mehr als 40.000 Jahren auf dem Höhlenboden abgelagert haben, zeugen von einer beliebten Unterkunft. Die Archäologen um Ludovic Slimak von der Université de Toulouse förderten dort fast 60.000 Objekte aus Feuerstein zutage und mehr als 70.000 mutmaßliche Überreste von Jagdbeute, hauptsächlich Pferd, Wisent und Hirsch. Außerdem menschliche Zähne, überwiegend Milchzähne.

          Diese Zähne stammen fast ausschließlich von Neandertalern. Ein kindlicher Backenzahn konnten Slimak und seine Kollegen jedoch eindeutig Homo sapiens zuordnen. Er lag in einer Sedimentschicht, die mit der Radiokarbonmethode auf ein Alter von ungefähr 54.000 Jahren datiert werden konnte. Außer dem kleinen Milchzahn hat unsere Spezies dort als Zeugnis ihrer Anwesenheit auch eine Vielzahl von Feuersteinklingen und -spitzen hinterlassen. Einige davon im Miniaturformat von nur einem Zentimeter und alle ganz anders geformt als Steinwerkzeuge der Neandertaler. Von deren Produkten, die aus der nächstälteren Sedimentschicht geborgen wurden, unterscheidet sich das Sortiment von Homo sapiens zudem durch das verwendete Rohmaterial. Vermutlich wegen höherer Ansprüche an die Qualität wurden die benötigten Feuersteine nicht selten aus einer Entfernung von etlichen Dutzend Kilometern herbeigeholt.

          Wärmere Phase begünstige Migration

          Verschiedene Zähne die man in den Erdschichten (Level C - G). In der Schicht E (Level E) sind die Forscher um Ludovic Slimak auf einen Milchzahn gestoßen, der offenkundig einem modernen Menschen gehörte.
          Verschiedene Zähne die man in den Erdschichten (Level C - G). In der Schicht E (Level E) sind die Forscher um Ludovic Slimak auf einen Milchzahn gestoßen, der offenkundig einem modernen Menschen gehörte. : Bild: Ludovic Slimak, CNRS.

          Dass die Funde aus der Mandrin-Höhle sämtliche Fertigungsschritte umfassen, lässt auf eine Produktion vor Ort schließen. Offensichtlich diente der Unterschlupf auch als Werkstatt. In der Herstellungstechnik gleichen die Klingen und Spitzen jenen, die aus einer – allerdings jüngeren – archäologischen Fundstätte namens Ksar Akil in Libanon stammen. Womöglich folgten Menschen, die vor etwa 54.000 Jahren im Rhonetal Proben ihrer Kunstfertigkeit hinterlassen haben, einer handwerklichen Tradition, die ihre Urahnen einst im östlichen Mittelmeergebiet entwickelt hatten.

          Ob Homo sapiens damals als Einwanderer dauerhaft in Südeuropa Fuß fassen konnte, bleibt freilich fraglich. Wie die Forscher in der Zeitschrift „Science Advances“ berichten, hat unsere Spezies die Mandrin-Höhle nur kurzzeitig in Beschlag genommen. Dass sich dort anschließend gleich wieder Neandertaler breitgemacht haben, bezeugen typische Steinwerkzeuge. Erst vor etwa 43.000 Jahren übernahm dann wieder Homo sapiens die Unterkunft mit Ausblick übers Rhonetal. Eine ähnlich datierte Fundstelle ist auch aus Bulgarien bekannt, aus Italien sogar mehrere. An der mittleren Rhone angekommen, war unsere Spezies auf dem besten Weg, weiter nach Norden in die Kältesteppen Mitteleuropas vorzudringen. Eine zeitweilig wärmere Phase vor rund 42.000 Jahren dürfte diese Migration begünstigt haben.

          Im angestammten Terrain der Neandertaler, die in Gesellschaft von Mammut und Wollnashorn von Anfang an der Kaltzeit getrotzt hatten, lernten die Zugewanderten ebenfalls, mit frostigem Klima zurechtzukommen. Auf Kosten des Neandertalers. Diese Menschenspezies verschwand dann bald von der Bildfläche. Allerdings nicht ganz, denn gelegentlich haben Homo sapiens und Homo neanderthalensis miteinander Nachwuchs gezeugt. Auf diese Weise konnte der einst in Europa entstandene Neandertaler bis heute Spuren hinterlassen: Bei Europäern und Asiaten entpuppten sich bis zu zwei Prozent des Menschengenoms als Erbteil der Neandertaler.

          Unser größter Stammbaum

          Im menschlichen Genom sind Unmengen an Informationen verborgen, die nun ein Team von der University of Oxford für eine besondere Verwandtenstudie genutzt hat. Ziel war es, einen Stammbaum des modernen Menschen zu konstruieren, der bis zu den Wurzeln des Homo sapiens in Afrika zurückreicht. Das Ergebnis dieser in „Science“ veröffentlichten Studie ist dieses im nebenstehenden Bild dargestellte, Raum und Zeit überwölbendes Verwandtschaftsgeflecht, das mehrere zehntausend Menschengenerationen berücksichtigt und einige Knotenpunkte der menschlichen Entwicklung – inklusive des Auszugs von Homo sapiens aus Afrika – umfasst. Grundlage der Analyse sind die molekularen Daten von acht Erbgutdatenbanken. Neben den großen Humangenomarchiven wie dem 1000 Genomes Project oder dem Human Genome Diversity Project, die inzwischen die komplette Erbinformation von Tausenden heutiger Menschen katalogisiert haben, gehören dazu auch die Gendaten, die aus Tausenden ausgegrabener Überreste prähistorischer Menschen – inklusive Neandertaler-Genomen – ermittelt worden waren. Indem man sich auf bestimmte Abschnitte im Erbgut konzentriert und diese sogenannten Haplotypen miteinander verglichen hat, wurden fast sechseinhalb Millionen Genvariationen erfasst. Das resultierende genealogische Netzwerk ist Basis eines Wanderungs- und Verwandtschaftsatlas – genauer: eines Computermodells – unserer Spezies, das schätzungsweise 27 Millionen Ahnen repräsentiert. Um die verbleibenden geographischen Lücken schließen zu können, bedarf es allerdings weiterer Abertausender von Genomdaten. JOACHIM MÜLLER-JUNG

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