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Trinkfeste Kelten : Sie feierten wie die alten Griechen

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Aus solchen griechischen Trinkschalen becherten die frühen Kelten in Burgund Bier und Wein. Bild: akg-images / Landesmuseum Württemberg, Peter Frankenstein, Hendrik Zwietasch

Bei den Gastmahlen der Kelten floss selbstgebrautes Bier, aber auch griechischer Wein in Strömen. Getrunken wurde aus antiken Gefäßen, wie Funde aus Burgund zeigen.

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          Die Kelten gelten als äußerst trinkfest. Schon in der frühen Eisenzeit vor rund 2600 Jahren wussten sie wohl einen ordentlichen Schluck zu schätzen. Das lassen die zahlreichen Scherben verschiedenartiger Trinkgefäße vermuten, die bei archäologischen Grabungen zutage gekommen sind. Doch was ist einst aus diesen Bechern, Schalen und Pokalen in durstige Kehlen geflossen? Dieser Frage haben sich Wissenschaftler um Maxime Rageot von der Universität Tübingen, Angela Mötsch vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena und Birgit Schorer vom Landesmuseum Württemberg in Stuttgart gewidmet. Gemeinsam mit Kollegen aus Frankreich und der Schweiz studierten die Forscher organische Substanzen, die in den Poren der Tonscherben mehr als zweitausend Jahre überdauert haben. Dabei stellten sie fest, dass die Trinkgewohnheiten offenbar sehr vom sozialen Status der Konsumenten abhingen. Importierte Keramik war anscheinend eher einer Elite vorbehalten. Aus der griechischen Kylix, einer Trinkschale mit Henkeln, konsumierten die Privilegierten nicht bloß importieren Wein, sondern gern auch vor Ort produzierte alkoholische Getränke.

          Die von den Archäologen rund hundert untersuchen Scherben stammten allesamt aus der frühkeltischen Siedlung von Vix-Mont Lassois im nördlichen Burgund. Überwiegend waren es Bruchstücke von lokal hergestellter Töpferware, nur 16 Teile stammten von Importware aus dem Mittelmeerraum. Etwa zwei Gramm pulverisierte Keramik genügten jeweils, um mit Hilfe von Gas-Chromatographie und Massenspektroskopie nach verschiedenartigen Lipiden in den Proben zu fahnden. Das Spektrum dieser fettähnlichen Substanzen reicht von Tierfetten über pflanzliche Öle bis zu Harz und Honig.

          Importierte Keramik im attischen Stil

          Je nach Fundstelle waren Rageot und ihre Kollegen auf Überreste ganz unterschiedlicher Gefäße gestoßen. Kein Wunder also, dass sich der einstige Inhalt als sehr abwechslungsreich entpuppte. Auf dem Plateau der Siedlung in Burgund hat sich mutmaßlich eine frühkeltische „High Society“ getummelt, in deren gesellschaftlichem Leben offenbar alkoholische Getränke eine wichtige Rolle spielten. Das bezeugt nicht nur feinste einheimische Keramik. Auch Scherben von Gefäßen griechischer Herkunft wurden dort entdeckt: Trinkschalen, Amphoren und Krater genannte Behälter, die in der Antike zum Mischen von Wein mit Wasser dienten.

          Von den Kelten genutzte Trinkgefäße: Schnabelkanne, Stamnos, Rippenziste, Zierscheibe, Trinkhornbeschläge, attische Trinkschalen. Ensemble Kleinaspergle.
          Von den Kelten genutzte Trinkgefäße: Schnabelkanne, Stamnos, Rippenziste, Zierscheibe, Trinkhornbeschläge, attische Trinkschalen. Ensemble Kleinaspergle. : Bild: Landesmuseum Württemberg

          Importierte Keramik im attischen Stil mag bei einem festlichen Gelage den Gästen imponiert haben. Womöglich hatten sich die Kelten in der frühen Eisenzeit sogar die mediterrane Tradition des Festmahls zum Vorbild genommen. Sie waren allerdings so pragmatisch, sich aus den kostbaren importierten Gefäßen auch ihre einheimischen Alkoholika schmecken zu lassen. Wie die Forscher um Rageot in der Online-Zeitschrift „Plos One“  berichten, entdeckten sie auch in Töpferware attischen Stils oft spezielle pentazyklische Lipide. Diese gelten als Kennzeichen von alkoholischer Gärung, die nicht auf Trauben oder anderem Obst basiert. Das lässt darauf schließen, dass bei Feierlichkeiten vor allem Selbstgebrautes konsumiert wurde.

          Manche Scherben von Misch- und Vorratsgefäßen enthielten noch chemische Spuren von importiertem Wein oder Olivenöl. Organische Substanzen, die aus dem Harz von Kieferngewächsen stammen, fanden die Forscher jedoch weitaus häufiger vor – in einheimischer Keramik ebenso wie in importierter und meistens ohne jede Spur von Wein. Bislang war der kulinarische Brauch, Kiefernharz zur Konservierung oder des Aromas wegen zu nutzen, nur aus dem Mittelmeerraum bekannt. Offenbar waren aber auch die Kelten der frühen Eisenzeit auf den Geschmack gekommen. Statt wie heutzutage Hopfen, haben sie wohl Kiefernharz dazu verwendet, ihr Bier haltbarer und schmackhafter zu machen.

          Bienenwachs und Bienenhonig

          Dass die Kelten von Vix-Mont Lassois die Kunst des Bierbrauens beherrschten, bezeugen nicht nur charakteristische Abnutzungsspuren in großen Gefäßen aus heimischer Produktion. Dafür sprechen auch die chemischen Spuren, die einschlägige Gärungsprozesse in den eigenen Behältnissen hinterlassen haben. Gerste als mutmaßliches Braugetreide war dagegen nur in Form von Körnern und Dreschabfällen nachzuweisen. Vermutlich haben typische Inhaltsstoffe dem Zahn der Zeit nicht trotzen können. Das für Hirse charakteristische Miliacin ist dagegen in der Keramik erhalten geblieben. Allerdings wurde es nur in Scherben von lokal produzierten Tongefäßen entdeckt und fast ausschließlich in einem tiefer liegenden Teil der frühkeltischen Siedlung von Vix-Mont Lassois. Dort wohnten vermutlich Kelten von minder hohem sozialen Rang, Handwerker zum Beispiel. Bei ihnen stand oft Hirse auf dem Speiseplan, als Brei wahrscheinlich ebenso wie als Bier.

          Auf der anderen Seite des Plateaus, dicht an der Seine gelegen, wurde offenbar gar kein Bier produziert. Die hier gefundenen Scherben deuten darauf hin, dass angelandete Vorräte für den höher gelegenen Teil der frühkeltischen Siedlung gelagert und verarbeitet wurden. Ausschließlich dort, wo wahrscheinlich die Prominenz ihre Feste feierte, stießen die Forscher vereinzelt auch auf spezielle Triterpene, die von Birken stammen. Vielleicht wurden im Frühjahr Birkenstämme angezapft, um den Saft anschließend in Tonkrügen zu vergären, mutmaßen die Archäologen.

          Maxime Rageot bei der Analyse von Nahrungsrückständen, extrahiert aus frühkeltischer Keramik.
          Maxime Rageot bei der Analyse von Nahrungsrückständen, extrahiert aus frühkeltischer Keramik. : Bild: Victor S. Brigola

          Abbauprodukte von Bienenwachs ließen sich in allen drei Siedlungsteilen aufspüren. Vermutlich waren Erzeugnisse der Honigbiene ein essentieller Bestandteil der frühkeltischen Kultur. Entsprechende chemische Substanzen fanden sich nämlich nur in Keramiken aus einheimischer Produktion. Und zwar ausgesprochen häufig, in der Hälfte der untersuchten Proben. Wie das zu interpretieren ist, bleibt eine offene Frage: Bienenwachs könnte dazu gedient haben, die Töpferware abzudichten. Wahrscheinlich bezeugt es aber auch, dass sich Honig großer Beliebtheit erfreut hat: Beim Leeren der Waben dürfte sich stets ein bisschen Wachs mit dem Bienenhonig vermischt haben. Die auch für Mikroben leicht verdaulichen Zucker konnten anders als das Wachs keine dauerhaften Spuren hinterlassen.

          Haben sich die Kelten von Vix-Mont Lassois also gern das Leben versüßt und ihr Selbstgebrautes deshalb mit Honig aufgebessert? Der häufige Fund von Wachsresten deutet jedenfalls darauf hin, dass schon die Menschen der Eisenzeit eine Art von Imkerei betrieben und den Honigbienen passende Wohnhöhlen bereitgestellt haben. Womöglich hatten sie sogar schon begonnen, die ertragreichsten und friedlichsten Bienenvölker bevorzugt zu beherbergen, die wilden Insekten also allmählich zu domestizieren.

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