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Kakao : Wichtig war die Schaumkrone

Kakao-Gottheit der frühklassischen Maya. Dieses Weihrauchgefäß ist noch bis zum 23. April 2017 in der großen Maya-Ausstellung im Historischen Museum der Pfalz in Speyer zu sehen. Bild: Museo Nacional de Arqueología y Etnología

Die Anfänge des Schokoladengenusses im alten Mittelamerika

          3 Min.

          Xocolatl hieß das Produkt aus dem Samen des Kakaobaums in Nahuatl, der Sprache der Azteken. Deren letzter Herrscher, Moctezuma II. (1465 bis 1520), soll täglich bis zu fünfzig Becher davon geleert haben. Das ist insofern nicht völlig unplausibel, als aztekischer Schokotrunk - anders als das Kaba unserer Tage - kein Zucker enthielt, allenfalls etwas Honig, und statt mit der im präkolumbischen Amerika unbekannten Kuhmilch mit Wasser angerührt wurde. Für die Sämigkeit sorgte gegebenenfalls Maismehl, weitere wichtige Zutaten waren Chili und Salz. Die oft zitierte Übersetzung von Xocolatl als „bitteres Wasser“ ist indes nicht ganz treffend. Zwar bedeutet „atl“ „Wasser“, „xococ“ aber kommt vom Wort „xocotl“ für „Frucht“ und bezeichnet den säuerlichen Geschmack der Mombinpflaume. Ein etwas herbes Vergnügen war Kakaogenuss im alten Mittelamerika aber trotzdem.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und ein exklusives. Im aztekischen Kernland in Zentralmexiko wachsen keine Kakaobäume. Das Produkt musste also aus dem tropischen Südwesten eingeführt werden, was es sehr verteuerte. Die im gerösteten Zustand recht haltbaren Kakaobohnen wurden so auch zu einem gängigen Zahlungsmittel - bis in die Zeit nach der Eroberung durch die Spanier. So überliefert eine aus dem Jahr 1554 erhaltene Preisliste, dass ein Truthahn damals 100 Kakaobohnen kostete. Demnach wäre der Aztekenherrscher Milliardär gewesen, berichtet doch der Zeitgenosse Francisco Cervantes de Salazar, in Moctezumas Magazinen hätten zeitweilig fast tausend Tonnen Kakao gelagert.

          Instant-Trinkschokolade als Kriegerverpflegung

          Die Barschaft zu verflüssigen war Oberschicht und Militär vorbehalten, wobei Aztekenkrieger bei Feldzügen Küchlein aus getrockneter Kakaosubstanz mit sich führten, aus denen sie sich auch im Felde ihr Xocolatl anrühren konnten. Die Frage ist, ob sie dabei immer so eine schöne steife Schaumkrone hinbekamen wie Moctezumas Mundschenke. Da die zerstoßenen Bohnen in der präkolumbischen Schokoküche nicht entfettet wurden, ließ sich ihre Suspension dank der verbliebenen Kakaobutter schaumig schlagen. Und dieser Schaum schien schon früh ein wichtiger kulinarischer Aspekt dieses Genussmittels gewesen zu sein.

          Wie früh genau, ist ebenso wenig abschließend geklärt wie die Frage, ob der Mensch den Kakaobaum aus dem Verbreitungsgebiet seiner Wildform im heutigen Venezuela nach Mittelamerika brachte oder ob er dort zwischen 1900 und 1750 vor Christus auch natürlich vorkam. Aus dieser Zeit stammen Keramikreste der Mokaya-Kultur an der südmexikanischen Pazifikküste, an denen Forscher 2007 die bisher frühesten Spuren von Theobromin feststellen konnten. Wie das Koffein gehört dieses Alkaloid zur Gruppe der Methylxanthine, die in vielen Pflanzen enthalten sind. Theobromin als häufigstes Methylxantin kommt aber in ganz Amerika nur in der Frucht des Kakaobaums vor.

          Am Anfang war der Alkohol

          Das bedeutet aber nicht, dass die Mokaya-Leute - mit die ersten in Mittelamerika, die überhaupt Keramik fertigten - bereits Schokolade zubereiteten. Wahrscheinlicher ist, dass sie lediglich das süße weiße Fruchtfleisch, das die Kakaobohnen umhüllt, zu einem alkoholischen Getränk vergoren haben. Darauf weist eine ebenfalls 2007 in PNAS veröffentlichte Entdeckung an Keramik hin, die kurz vor 1000 v. Chr. bei Puerto Escondido in Honduras hergestellt wurde. Daran klebten ebenfalls theobrominhaltige Rückstände, doch die Gefäße eigneten sich aufgrund ihrer Flaschenform nicht für aufgeschäumte Produkte - ganz im Gegensatz zu um mindestens ein Jahrhundert jüngeren Gefäßen vom gleichen Fundort, die ebenfalls positiv auf Theobromin getestet wurden.

          Sie verfügten über einen weiten Hals und eine separate Ausgusstülle. Das Umgießen aus bis zu einem Meter Höhe war denn auch die Methode, mit der abermals einige Jahrhunderte später die klassischen Maya ausweislich bildlicher Darstellungen ihre Schokolade aufschäumten. Die Autoren der PNAS-Veröffentlichung vermuten daher, dass die später so wertvollen fermentierten Kakaobohnen in der Frühzeit ein bloßes Abfallprodukt der Herstellung von Alkoholika waren. Erst um die Zeit zwischen 900 und 200 v. Chr. muss jemand auf die Idee gekommen sein, diese Bohnen zu rösten, zu probieren und dann kulinarische Experimente damit zu veranstalten.

          Der Name führt zu den Olmeken

          Zuzutrauen wäre das vor allem den Olmeken. Diese frühe mittelamerikanische Zivilisation, die für die Region eine ähnliche kulturelle Bedeutung hatte wie die alten Griechen für Europa, blühte zwischen 1500 und 400 vor Christus an der Südküste des Golfs von Mexiko. Ein Indiz dafür, dass es die Olmeken waren, die den Kakao erfanden, ist der Name. „Kakawa“ ist ein Wort aus einer Mixe-Zoque-Sprache und gehört zu einem dieser Sprachfamilie entstammenden Kernwortschatz, der in die Sprachen verschiedener anderer olmekisch beeinflusster Völker Mesoamerikas Eingang fand. Daher vermuteten der amerikanische Sprachforscher Lyle Campbell und sein Kollege Terrence Kaufman bereits 1974, dass die Olmeken eine Mixe-Zoque-Sprache benutzten und „Kakao“ olmekischen Ursprungs ist.

          Die unmittelbaren kulturellen Erben der Olmeken waren die Maya im Tiefland des heutigen Guatemalas sowie des äußersten Südwestens Mexikos. Bei ihnen hatte „kakaw“, wie sie sowohl den Rohstoff als auch das Lebensmittel nannten, bereits einen ähnlichen Stellenwert wie später bei den Azteken: Mit den Bohnen konnte man bezahlen, und der Genuss ihrer gewürzten und aufgeschäumten Suspension war dem Adel vorbehalten. Und lange nach dem Untergang ihrer klassischen Zivilisation im späten neunten und frühen zehnten Jahrhundert belieferten Maya sprechende Völker den Herrscher der Azteken mit „cacahuatl“. Das ist Nahuatl für „Kakaobohne“.

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