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Ursprung des Deutschen : Runen aus Karthago

  • -Aktualisiert am

Runenstein im schwedischen Karlevi Bild: Picture-Alliance

Sprachwissenschaftler streiten über den Ursprung des Deutschen. Haben afrikanische Händler ihre Sprache und Schrift an die Nordseeküste gebracht?

          5 Min.

          Woher stammen die Runen? Von Odin persönlich, wenn man den germanischen Mythen glaubt. Der Göttervater empfing Visionen, die ihn lehrten, wie man die spitzwinkligen Zeichen ritzt und ihre magische Macht benutzt. Die Antworten der Wissenschaft fallen nüchterner, aber nicht unbedingt klarer aus. Als sicher gilt nur, dass die Germanen die Runen nicht erfunden haben. Sie griffen auf eine Vorlage zurück, die sie abwandelten. Doch welche das war, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die Lehrbücher bieten drei Möglichkeiten: das griechische, das etruskische oder das lateinische Alphabet, die alle auf die phönizische Schrift zurückgehen. Dass nur diese drei als Vorbilder für die Runen in Frage kommen, darin immerhin stimmt die ganze Fachwelt überein.

          Die ganze Fachwelt? Nein! Der Germanist Theo Vennemann von der Universität München und sein Kollege Robert Mailhammer von der Northwestern University in Sydney sind Dissidenten der herrschenden Lehre. Sie präsentieren ein Szenario, in dem die Phönizier selbst, genauer gesagt die nordafrikanischen Karthager, die Geburtshelfer der Runen waren. Wie sie die Schriftkultur ihrer hochentwickelten Zivilisation nach Germanien gebracht haben sollen, beschreiben Vennemann und Mailhammer in ihrem Buch „The Carthaginian North. Semitic influence on early Germanic“ (John Benjamins Publishing Company, 2019).

          Danach segelten die Punier, wie die Karthager von den Römern genannt wurden, von etwa 500 vor Christus an zu den Nordseeküsten im heutigen Schleswig-Holstein und Südskandinavien. Das sind tatsächlich die Regionen, wo auf Schmuckstücken, Waffen und Steinen die ältesten Runeninschriften – Namen, kurze Mitteilungen, Sprüche oder magische Formeln – gefunden wurden. Hier, so Vennemann und Mailhammer, legten sie Niederlassungen an, um Handel mit Bernstein, Holz und gesalzenem Fisch zu betreiben. Dabei kam es zwischen ihnen und den Germanen zu intensiven sprachlichen und kulturellen Kontakten. Sie dauerten mindestens bis zur Vernichtung Karthagos durch die Römer 146 vor Christus.

          Die Germanen im Umfeld der karthagischen Siedlungen übernahmen nicht nur das Alphabet. Sie lernten auch die punische Sprache, eine Variante des Phönizischen, die wie das Arabische und Hebräische zur semitischen Sprachfamilie gehört. Zugleich entlehnten sie zahlreiche Wörter ins Germanische. Ausdrücke wie „Volk“, „Erde“, „Pflug“, „Sippe“ oder „Adel“ führen Vennemann und Mailhammer auf semitische Wurzeln zurück. Auch die punische Grammatik soll dem Germanischen ihren Stempel aufgedrückt haben.

          Die Kolonisatoren, so die Theorie, lernten ihrerseits Germanisch und stülpten ihm dabei unbewusst ihr punisches Ablautschema über. Ihr Prestige sorgte dafür, dass dieses „Ausländer-Germanisch“ schließlich auch von den Einheimischen übernommen wurde. Unter dem Einfluss des Punischen hielten auch Zeitstufen wie Vergangenheit und Gegenwart Einzug in die Konjugation der germanischen Verben. Zuvor stand, wie in den indogermanischen Sprachen sonst, der „Aspekt“ im Mittelpunkt. Er kennzeichnet, ob ein Vorgang kontinuierlich oder punktuell ist.

          Kamm mit Runeninschrift aus dem dänischen Ort Vimose

          Die einzelnen Bausteine ihrer Theorie haben Vennemann und seine Schüler – zu denen auch Robert Mailhammer gehört – in den vergangenen zwei Jahrzehnten entwickelt. Das Buch führt nun diese Facetten erstmals zu einem Gesamtbild zusammen. Es dürfte, wie schon zuvor die Studien, auf denen es beruht, bei der großen Mehrheit der Germanisten, Skandinavisten und Indogermanisten kräftigen Widerspruch hervorrufen. Die gesamte Karthager-Theorie hat nämlich einen Schönheitsfehler. Ihr fehlen hieb- und stichfeste Beweise. Zwar ist belegt, dass Phönizier Expeditionen zu den Britischen Inseln unternahmen. Reisen nach Germanien jedoch sind weder in den schriftlichen Quellen noch durch archäologische Zeugnisse dokumentiert.

          Hinzu kommt, dass die ältesten gesicherten Runenfunde erst aus der Mitte des zweiten Jahrhunderts nach Christus stammen. Um die archäologische Leere in den Jahrhunderten zuvor zu erklären, verweisen Vennemann und Mailhammer auf die zahlreichen Überflutungen der Küsten in den vergangenen zweieinhalb Jahrtausenden und darauf, dass die meisten Runeninschriften wohl in vergängliches Holz geritzt wurden. „Außerdem könnte es sein, dass manche der Runenfunde eigentlich früher anzusetzen sind, denn die Datierungsmethoden sind nicht jahrhundertgenau“, sagt Robert Mailhammer.

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