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Ursprung des Deutschen : Runen aus Karthago

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Die Indizienketten, auf die er und Vennemann sich stützen, sind der übrigen Forschergemeinde zu spekulativ. Zu den entschiedenen Kritikern gehört der Indogermanist Harald Bichlmeier von der Universität Halle. Die semitischen Etymologien germanischer Wörter findet er alles andere als zwingend: „Die meisten der angeführten Ausdrücke lassen sich viel plausibler aus dem Urindogermanischen herleiten.“ Auch die postulierten Einflüsse des Punischen auf die germanische Verbflexion sind für ihn „blanke Spekulation“: Die grammatischen Formen seien keine Besonderheit des Semitischen und Germanischen, ähnliche Strukturen gebe es auch in der balto-slawischen, keltischen und romanischen Sprachfamilie.

Beweiskraft des Runenalphabets

Am meisten Überzeugungskraft entfaltet die Karthager-Theorie, wenn es um die Runen geht. Auch Kritiker räumen ein, dass sie auf elegante Art einige Besonderheiten erklärt, durch die sich die Runenschrift vom griechischen, etruskischen oder lateinischen Alphabet unterscheidet. So beginnt die Reihe der 24 germanischen Buchstaben nicht mit einem A, sondern mit einem F. Außerdem hat jede Rune einen Namen mit einer konkreten Bedeutung. Er beginnt mit dem Laut, für den das jeweilige Zeichen steht. So bedeutet die F-Rune „fehu“, das heißt „Vieh“.

Bei den Griechen, den Römern und wahrscheinlich auch den Etruskern gab es solche Buchstaben-Begriffe nicht. Verblüffender noch ist eine andere Parallele: Der erste Buchstabe des phönizischen Alphabets hat die gleiche Gestalt wie die F-Rune, mit der die germanische Zeichenreihe beginnt. Er trägt den Namen: „’Aleph“, das „Rind“, woraus später im Griechischen das bedeutungsleere „Alpha“ wurde. In Wirklichkeit stand „’Aleph“ bei den Phöniziern allerdings gar nicht für den A-Laut, sondern für einen ganz am Anfang des Wortes stehenden Kehlkopflaut, den die Germanen nicht hatten. Sie orientierten sich deshalb nicht am Lautwert, sondern übersetzten das Wort „’Aleph“ mit „fehu“. Das F-Zeichen setzten sie dann für den Laut ein, der am Anfang dieses Wortes stand. So unmittelbar einleuchtend sind die phönizischen Herleitungen, die Vennemann und Mailhammer für die übrigen Runen anbieten, allerdings nicht. Eine andere Eigenart der Runenschrift, hinter der sie eine phönizische Herkunft vermuten, ist der Verzicht auf die Schreibung von Doppelkonsonanten.

„Der Anfang des Runenalphabets und die Runennamen sind in der Tat zwei starke Argumente für Theo Vennemanns Theorie“, sagt Michael Schulte, Sprachhistoriker an der norwegischen Universität von Agder. Doch er sieht auch „eine wesentliche Schwäche“: Die Germanen hatten Runen auch für die Vokale, während sich das phönizische Alphabet primär auf Konsonantenbuchstaben beschränkte. Erst die Griechen fügten systematisch Vokalzeichen hinzu, was die Etrusker und Römer übernahmen. Dass die Germanen ihre Vokalrunen unabhängig von solchen Vorlagen entwickelt haben, hält Schulte für unwahrscheinlich, zumal gerade diese Runen den entsprechenden lateinischen oder etruskischen Buchstaben stark ähnelten. Mailhammer und Vennemann verweisen dagegen auf die späte punische Schrift, in der Konsonantenbuchstaben zu Vokalzeichen umfunktioniert wurden. An dieser Praxis hätten sich die Germanen orientiert.

Wer, wie die Mehrheit der Runen-Forscher, an eine römische oder nordetruskische Vorlage glaubt, muss erklären, warum die ältesten Runeninschriften in Südskandinavien und nicht in den Alpen oder am Limes gefunden wurden. Für Wilhelm Heizmann, Professor für Nordistik an der Universität München, ist die Runenschrift Frucht einer kulturellen Blütezeit, die in Südskandinavien seit dem ersten Jahrhundert herrschte. Die germanische Oberschicht dort importierte Luxusgüter aus dem Imperium und orientierte sich am Lebensstil der römischen Elite. „In diesem Zusammenhang könnten die Germanen auch das Alphabet übernommen haben, das sie dann für ihre Zwecke abwandelten“, so Heizmann.

Solange Grabungen im Norden keine phönizischen Zeugnisse zutage fördern, liegen solche Rekonstruktionen näher als die Karthago-Theorie. Verdienstvoll ist sie gleichwohl, schon weil sie fruchtbaren Streit provoziert. Wie scharf der werden kann, wissen Theo Vennemann und Robert Mailhammer aus Erfahrung. Im Vorwort ihres Buches bitten sie vorsorglich um Entschuldigung, falls die Lektüre Zorn erregen sollte.

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