https://www.faz.net/-gwz-a3m91

Paläontologie : Der verschollene Krokodilschädel

  • -Aktualisiert am

Crocodylus checchiai ist ein gemeinsamer Vorfahre von Nilkrokodil und amerikanischen Krokodilen. Bild: Dawid A. Iurino

Ein sieben Millionen Jahre altes Fossil füllt die Lücke im Stammbaum der Krokodile. Italienische Paläontologen konnten den verloren geglaubten Schädel wieder aufspüren und analysieren.

          2 Min.

          Das Nilkrokodil, auch weiter südlich in Afrika heimisch, ist eng verwandt mit den amerikanischen Vertretern der Gattung Crocodylus. Das zeigen nicht nur molekulargenetische Untersuchungen. Ein ähnlicher Körperbau und ähnliche Parasiten sprechen auch für eine afrikanische Abstammung aller vier Crocodylus-Arten, die sich in der Neuen Welt tummeln.

          Ein fossiles Krokodil, das als gemeinsamer Vorfahre des Nilkrokodils (Crocodylus niloticus) und seiner amerikanischen Schwester-Arten in Frage kommt, wurde erst kürzlich identifiziert: Wissenschaftler um Massimo Delfino von der Università di Torino und Dawid A. Iurino von der Sapienza Università di Roma haben das „missing link“ in einem römischen Museum entdeckt. Es handelt sich um Crocodylus checchiai, ein Krokodil aus dem späten Miozän. Im Jahr 1947 hatte die italienische Paläontologin Angiola Maria Maccagno diese fossile Spezies wissenschaftlich beschrieben. Und zwar anhand eines Krokodilschädels samt Unterkiefer, der aus der Region As Sahabi in Libyen stammte. Diese Fossilfundstelle etwa 130 Kilometer südlich von Ajdabiya birgt vorzüglich erhaltene Knochen diverser Tiere, die vor rund sieben Millionen Jahren unterwegs waren.

          Der von Maccagno als Typus beschriebene Schädel von Crocodylus checchiai ist allerdings verschollen. Drei weitere Krokodilschädel derselben Herkunft kamen schon während des Zweiten Weltkriegs abhanden. Ein vierter, im Jahr 1939 in Libyen geborgen und 1952 von Maccagno als Crocodylus checchiai identifiziert, wurde von Delfino und seinen Kollegen aufgespürt, und zwar in Rom, im Museo Universitario di Scienze della Terra der Sapienza-Universität.

          Ältestes Fossil aus dem Pliozän

          Mit Hilfe eines Computertomographen ließ sich der fossile Krokodilschädel viel genauer unter die Lupe nehmen, als das noch Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts möglich war. Auf Grundlage dieser Studien wurde Crocodylus checchiai in der Nature-Zeitschrift „Scientific Reports“ jüngst noch einmal detailliert beschrieben. Anstelle des unauffindbaren Schädels, den Angiola Maria Maccagno damals vor Augen hatte, dient nun der gründlich durchleuchtete fossile Schädel als Typus. An ihm müssen sich nun alle künftigen Funde messen lassen, wenn sie der Spezies Crocodylus checchiai zugerechnet werden sollen.

          Der Schädel von Crocodylus checchiai
          Der Schädel von Crocodylus checchiai : Bild: Bruno Mercurio

          Beim Vergleich mit verschiedenartigen anderen Krokodilen stellte sich heraus, dass das sieben Millionen Jahre alte Fossil am stärksten jenen vier Krokodilarten gleicht, die heutzutage das tropische Amerika bevölkern. Deshalb kommt das Fossil aus Libyen als möglicher Vorfahre aller amerikanischen Vertreter von Crocodylus in Frage. Dazu passt, dass das älteste Fossil dieser Gattung, das jemals in der Neuen Welt entdeckt wurde, aus dem frühen Pliozän stammt. Damit ist es rund zwei Millionen Jahre jünger als Crocodylus checchiai. In der Zwischenzeit waren Krokodile der Gattung Crocodylus nicht nur westwärts nach Amerika ausgewandert. Dass sie auch nach in Europa geschwommen sind, bezeugen Fossilien von der Halbinsel Gargano in Apulien, die damals eine Insel war.

          Krokodile besiedeln weltweit die tropischen Gewässer

          Dank der Fähigkeit, auch in Salzwasser leben zu können, konnte sich die Gattung Crocodylus gegen Ende des Miozäns global ausbreiten. Auf neuem Terrain angekommen, verdrängten diese Krokodile jeweils alteingesessene, die sich mit dem Klimawandel am Ende des Miozäns ohnehin schwertaten. Heutzutage ist die Gattung Crocodylus in der Karibik und von Mexiko bis zum nördlichen Südamerika ebenso zu Hause wie in einem Großteil von Afrika, von Pakistan bis zu den Philippinen und den Salomonen sowie im tropischen Norden von Australien.

          Doch so erfolgreich Krokodile weltweit die Gewässer der Tropen bevölkert haben – in der Koexistenz mit Menschen ziehen sie oft den Kürzeren. Fünf der zwölf Crocodylus-Arten sind nach Einschätzung der „International Union for Conservation of Nature“ (IUCN) sogar akut vom Aussterben bedroht. Darunter auch das Kubakrokodil (Crocodylus rhombifer), das ausschließlich auf Kuba heimisch ist, derzeit aber bloß noch in Sümpfen der Zapata-Halbinsel und der Isla de la Juventud anzutreffen ist.

          Weitere Themen

          Die Einsamkeit, die keine war

          Michael Collins wird 90 : Die Einsamkeit, die keine war

          Nur wenige Menschen waren je so isoliert wie Michael Collins, der während der ersten Mondlandung im Apollo-Raumschiff allein um den Erdtrabanten kreiste. An diesem Samstag wird er 90 Jahre alt.

          Jetzt wird‘s igelig

          Ab in die Botanik : Jetzt wird‘s igelig

          Die Lebensräume der Igel schwinden. Felder werden in aufgeräumte Äcker für Monokulturen verwandelt und überall entstehen Straßen. Und in den Städten trifft man zunehmend auf Stein- und Schotterwüsten anstelle von grünen Gärten.

          Topmeldungen

          Kapazitätserhöhung in Person: Vanessa Op te Roodt im Labor in Ingelheim

          Immer mehr Corona-Tests : Deutschlands Labore sind am Limit

          Die Labore in Deutschland werten immer mehr Corona-Tests aus und verdienen gut daran. Doch nun schlagen Laborärzte Alarm: Noch mehr Untersuchungen seien unmöglich. Muss die Teststrategie geändert werden?
          Der belgische Premierminister Alexander De Croo informiert die Bürger nach den Beratungen über verschärfte Corona-Maßnahmen am Freitagabend.

          Corona-Spitzenreiter : Belgien scheut den Lockdown

          Belgien hat die höchste Infektionsrate in Europa. Die Maßnahmen werden verschärft, aber einen Lockdown wird es vorerst nicht geben. Aus Sicht von Fachleuten ist das viel zu wenig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.