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Legionen in Marmor

Von ULF VON RAUCHHAUPT · 19. August 2020

Das Relief auf der Trajanssäule in Rom hat im 20. Jahrhundert unter der Großstadtluft gelitten. Zum Glück wurde es zuvor ringsum abgelichtet. Was ist darauf zu sehen?

Wer einst in Rom das Forum des Trajan betrat, dem bot sich ein überwältigender Anblick. An der Rückseite des Platzes, dessen Mitte eine Reiterstatue des Kaisers zierte, erhob sich die Fassade der monumentalen Basilica Ulpia, über der ein vergoldetes Standbild Trajans zu schweben schien. Dieses krönte in 35 Meter Höhe eine gewaltige Säule, die hinter der Basilica aufragte und von zwei kleineren Bibliotheken symmetrisch flankiert war, während ein Tempel des nach seinem Tode im Jahr 117 vergöttlichten Imperators den Abschluss bildete. Einmal fertiggestellt, war das Ensemble ein Juwel. Bis zur Vollendung des Petersdoms und dessen Vorplatzes dürfte es in der Ewigen Stadt kaum je etwas Schöneres gegeben haben. Doch versank es irgendwann zwischen Spätantike und Frühmittelalter in Trümmern. Nur die Säule blieb stehen.

Nicht weniger erstaunlich als ihre Erhaltung ist, was auf der Säule zu sehen ist: An ihrem aus massiven Marmortrommeln bestehenden Schaft windet sich spiralförmig ein durchgehendes Reliefband empor. Es ist zwischen 60 und 75 Zentimetern hoch, mehr als 200 Meter lang und gehört zu dem Bedeutendsten und zugleich Komplexesten, was römische Bildhauerkunst je hervorgebracht hat. Insgesamt 2639 menschliche Figuren sind darauf zu sehen, daneben Tiere, Bäume, Schiffe, Gebäude sowie jede Menge Waffen. Der Fries erzählt von den beiden Kriegen, die Trajan in den Jahren 101/102 und 105/106 gegen die Daker führte, ein den Thrakern verwandtes Volk im Gebiet des heutigen Rumänien.

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Das Imperium schlägt zurück
Diese erste auf der Säule gezeigte Kampfszene könnte die Schlacht bei Tapae im Jahr 101 darstellen – Trajans erster wichtiger Erfolg. Der Kaiser ist zweimal zu finden, anfangs steht er vor einem Lager 1 und überwacht den Feindkontakt seiner Auxiliartruppen. Die Legionäre und Prätorianer, erkennbar an ihren Spangenpanzern 2 , hält er in der Reserve. Auf römischer Seite kämpft auch ein Mann ohne Schutzpanzer 3 , der vermutlich die germanischen Hilfstruppen repräsentiert. Die Daker haben schlimme Verluste erlitten; ein römischer Soldat hält mit den Zähnen den abgeschlagenen Kopf eines Dakers 4 , während er zum nächsten Stoß ausholt. Der römische Gott Jupiter 5 schleudert unterdessen Blitze auf die Daker, deren König Decebalus 6 das Debakel vom Rand aus mitansieht. Der Baum hinter ihm trennt die Szene vor einer, die sich zeitlich unmittelbar an die Schlacht anschließt. Hier steht Trajan 7 vor einer mit Verteidigungswerken 8 bewehrten dakischen Festung; sein Blick fällt auf die dort präsentierten Totenköpfe 9 : Es sind Römer, die von den Dakern in einem früheren Konflikt in der Regierungszeit Domitians, Trajans Vorgänger, getötet worden waren. Die nach unten gerichtete Lanze des Kaisers ist ein Attribut des „Mars Ultor“ und symbolisiert Trajans Willen, die Schmach zu rächen.


Zwar zeigen längst nicht alle Szenen Kampfhandlungen und einige noch nicht einmal Bewaffnete. Dennoch hat der französische Althistoriker Gilbert Picard das Reliefband einmal als „das neben Caesars Werk vollständigste antike Dokument über die römische Armee, das wir besitzen“, bezeichnet. Tatsächlich hat Trajan, wie schon Julius Caesar anderthalb Jahrhunderte zuvor in Gallien, einen eigenen Bericht über seine Dakerkriege verfasst. Trajans „Commentarii de bellis Dacicis“ sind leider nicht erhalten geblieben, doch dem Archäologen Alexandre Simon Stefan zufolge, einem Experten für die Beziehungen Roms zu den Dakern, folgte der Schöpfer des Säulenfrieses wahrscheinlich dem Kriegstagebuch seines kaiserlichen Auftraggebers.

Die Militaria in der Darstellung waren auch einer der Gründe, warum sich Napoleon III., Kaiser der Franzosen von 1852 bis 1870, sich für die Säule interessierte. Einerseits war er familiär vorbelastet, seinen Onkel Napoleon I. Bonaparte hatte die Trajanssäule zur 1810 errichteten „Colonne de la Grande Armée“ auf der Pariser Place Vendôme inspiriert. Andererseits hatte er selbst ein ausgesprochenes Faible fürs Altertum. Die Säule war für ihn vor allem eine historische Quelle über die militärische Ausrüstung der Römer. Im Jahr 1861 beauftragte er Mitarbeiter der vatikanischen Museen damit, Abgüsse des gesamten Frieses anzufertigen. Zudem begeisterte sich Napoleon für die damals brandneue Technik der Photographie. Kaum waren die 455 Abgussblöcke aus Rom eingetroffen, ließ der Monarch sie nach allen Regeln der Kunst ablichten. Die Negative schlummerten fortan im Magazin des Musée d’Archéologie Nationale in Saint-Germain-en-Laye bei Paris. Vor wenigen Jahren wurden die Aufnahmen, digital freigestellt und zu Bildtafeln zusammengesetzt, in einem opulenten Buch publiziert. Darin laufen sie über breite Doppelseiten, so dass sich längere Kompositionseinheiten ohne Umblättern überblicken lassen. Ausführlich eingeleitet und kommentiert wurde das Ganze von Alexandre Simon Stefan. Eine deutsche Ausgabe des Werks kam unlängst bei Philipp von Zabern heraus.

Nun ist das nicht der erste Bildband zur Trajanssäule, und man fragt sich vielleicht, warum man sich im Zeitalter der Multi-Megapixel-Kameras noch 158 Jahre alte Lichtbilder anschauen soll. Doch sind es Aufnahmen von etwas, das seither gelitten hat. „Die wenige Monate nach dem Abguss und kurz nach der Ankunft der Repliken in Paris angefertigten Glasplattennegative aus dem Second Empire sind unersetzlich“, schreibt Alexandre Stefan in seiner Publikation. „Denn sie geben heute am genauesten den Zustand der Reliefs der Trajanssäule in der Zeit um 1861/1862 wieder, kurz bevor Rom als Hauptstadt des vereinigten Königreichs Italien zur Metropole aufstieg und in der Folge unweigerlich auch die Umweltverschmutzung zunahm.“ Auch die Abgüsse, die heute in Rom im Museo della Civilità Romana oder im Nationalmuseum für die Geschichte Rumäniens in Bukarest zu sehen sind, können den Fries nicht mehr in einem derart guten Zustand zeigen.

Natürlich hatten Wetter und Vandalismus schon vorher an den Figuren genagt. Hervorstehende Köpfe und Arme brachen ab; die Hände des nach Stefans Zählung insgesamt sechzigmal dargestellten Trajan traf es besonders oft, da sie zur Hervorhebung häufiger hinterschnitten sind. Von den dargestellten Legionären und Auxiliarsoldaten dürfte so mancher ein bronzenes Pilum in der Hand gehalten haben und der eine oder andere Gegner eine Falx, den gefürchteten dakischen Krummsäbel, der an der konkaven Seite geschliffen war und derart verheerende Verletzungen verursachen konnte, dass die Römer ihre Panzerungen eigens für die Dakienfeldzüge verstärkten. Die Metallapplikationen waren jedoch das Erste, was man dem Monument entriss, als Rom für einige Jahrhunderte zum Kuhdorf verkam. Die bronzenen und bleiernen Verklammerungen der Säulentrommeln waren das nächste Ziel. Um daran zu gelangen, schlug man brutal Löcher in einige der Marmorszenen. Damit war aber im Mittelalter Schluss: Vom 12. Jahrhundert an stand das Monument unter dem Schutz der Behörden. Papst Sixtus V. ließ im Jahr 1587 sogar wieder eine Bronzestatue auf die Säule setzen, denn die des Römerkaisers war natürlich auch irgendwann verschwunden. Die neue Figur stellte allerdings nicht mehr Trajan dar, sondern den heiligen Petrus.

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Römischer Realismus
Diese Szene bildet den Abschluss einer langen Sequenz, die zu Beginn des zweiten Dakerkrieges spielt, also im Jahre 105, und die Reise Trajans von der Adria bis in die bereits römischen Gebiete Dakiens darstellt. Hier sieht man ihn beim Besuch einer dako-römischen Stadt. Noch in Reisekleidung führt der Kaiser 10 die ersten Handlungen eines Opferrituals durch, indem er Wein aus einer Schale in das auf einem Altar entfachte Feuer gießt. Hinter dem Kaiser stehen an sechs weiteren Altären Diener mit vier Opferstieren bereit 11 , offenbar wird hier gleich mehreren Gottheiten gehuldigt. Die Stadtbewohner, die der Feier beiwohnen, sind sowohl römisch gewandete und frisierte Männer und Knaben 12 als auch Familien in dakischer Kleidung 13 . Die Szene setzt das Thema des von den Römern gebrachten Friedens und Fortschritts fort, indem es eine große Gruppe von Männern zeigt, die Bäume fällen sowie durch Planieren 14 und Aufschütten von Erde 15 Straßen anlegen. Es handelt sich aber keineswegs um Sklaven oder zivile Bauarbeiter, sondern um Legionäre, erkennbar an den aufgestellten sechseckigen Schilden und dem bereits mit dauerhaften Ausbauten versehenen Legionslager 16 . Hinter dem die folgende Szene abtrennenden Baum versammeln sich indes dakische Kämpfer. Einer von ihnen 17 blickt mürrisch auf die römischen Zivilisierungsaktivitäten.


Das Wetter hatte da die Szenen auf der Wind und Regen besonders ausgesetzten Seite schon merklich angegriffen. Umstritten ist, ob der Regen der Jahrhunderte auch Farbe von den Reliefs gewaschen hat. „Polychromie wird seit dem 19. Jahrhundert und bis heute diskutiert, aber man hat dafür noch keine hieb- und stichfesten Beweise gefunden“, schreibt Alexandre Stefan. Doch das Fehlen von Belegen sei kein Beleg fürs Fehlen, sagt Vinzenz Brinkmann, Leiter der Antikensammlung des Frankfurter Liebieghauses. Seine Forschungen an griechischen Skulpturen haben mit zunehmender Verfeinerung der Analysemethoden an immer mehr Bildwerken Farbreste entdeckt. „So dass der enorme Zuwachs die Annahme zu bestärken scheint, Skulptur der europäischen Antike sei grundsätzlich farblich gefasst gewesen“, sagt Brinkmann. Auch Diana Kleiner, Expertin für römische Kunst an der Yale University, geht von einer bunten Trajanssäule aus: „Die meisten römischen Skulpturen waren bemalt, zum Beispiel die Marmorportraits.“

Wie aber die auf diesen Seiten gezeigten Reliefabschnitte demonstrieren – allesamt Abbildungen aus Alexandre Stefans Publikation jener Ablichtungen der Abgüsse von 1861/62 –, blieb eine außerordentliche Fülle von Details erhalten. Sie ermöglichten es Stefan und seinen Mitarbeitern, sieben verschiedene Bildhauer zu unterscheiden, die an dem Fries mitgewirkt haben müssen, dabei aber vermutlich nur ausführten, was ein künstlerischer Gesamtleiter ihnen vorgab. Wer das war, ist unbekannt. Dafür, dass es Trajans Chefbaumeister Apollodor von Damaskus gewesen sei, gebe es keine Belege, schreibt Stefan. Allerdings dürfte die Idee des Spiralfrieses auf ihn zurückgehen. Dieses Design war damals etwas völlig Neues, die ähnlich gestaltete Säule des Marc Aurel entstand erst achtzig Jahre später, und Apollodor war der leitende Architekt für das Trajansforum gewesen.

Auf den Inhalt könnte Apollodor aber durchaus Einfluss genommen haben, hatte er Trajan doch nach Dakien begleitet. Zwischen den Kriegen erbaute er eine mehr als einen Kilometer lange Brücke über die Donau, von der noch heute nahe dem rumänischen Dobreta an der Grenze zu Serbien einige Stützpfeiler zu sehen sind. Auf der Trajanssäule ist dieses Bauwerk prominent abgebildet, die entsprechende Szene ist damit eine der wenigen auf dem Reliefband, die sich zweifelsfrei geographisch zuordnen lassen. In anderen Fällen liegt eine Lokalisation zumindest nahe, etwa im Fall des Abschnittes, der vermutlich die Eroberung der dakischen Hauptstadt Sarmizegetusa Regia im späteren Siebenbürgen zeigt.

Das führt zur Frage, wie getreu der Fries die historischen Begebenheiten, die er thematisiert, wohl wiedergibt. Denn natürlich war sein Zweck nicht Historiographie, sondern kaiserliche Propaganda. Viele Gelehrte sehen in dem Werk daher eher ein „Pseudonarrativ“ oder ikonographisches Pendent zu Trajans verlorenen „Commentarii“, die, wären sie erhalten, ähnlich wie Julius Caesars „De bello Gallico“ als historische Quelle nur mit Vorsicht zu genießen wären. Denn wenn das Relief die Daker meist würdevoll, tapfer und in Besitz moderner Kriegstechnik wie beispielsweise Torsionsgeschützen zeigt, dann natürlich deswegen, weil Trajans Sieg dadurch um so ruhmreicher erscheint: die Schleifung von Sarmizegetusa Regia, der Tod des Dakerkönigs Decebalus, die Annexion seines Reiches als neue römische Provinz Dacia. Sogar eine Erwähnung römischer Verluste transportiert eine politische Botschaft: Das Abkommen, den Trajans Vorgänger Domitian im Jahre 89 mit den Dakern geschlossen und der diesen Geld und Transfer römischer Technologie, Torsionskatapulten etwa, zugesichert hatte, sei eine Schmach gewesen. Er, Trajan, sei nun gekommen, das zu korrigieren.

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Der Anfang vom Ende
Der Höhepunkt des zweiten Dakerkrieges – und wahrscheinlich das Thema dieses Reliefabschnittes – war die Einnahme der dakischen Metropole Sarmizegetusa Regia. Vor den polygonalen Mauern der Stadt stürmen verschiedene römische Truppengattungen nach vorne: Bogenschützen 18 , Auxiliarsoldaten 19 , aber auch Legionäre 20 , die römische Bürger waren und von Trajan nur für die wichtigsten Operationen eingesetzt wurden. Manche Daker versuchen noch tapfer einen Ausfall 21 , doch an den Toten und ihren zu Boden gefallenen „falces“, dakischen Krummsäbeln 22 , ist ablesbar, wie aussichtslos ihre Lage ist. Andere Daker aber haben sich entmutigt abgewandt oder diskutieren aufgeregt ihre Situation 23 . Rechts sind die Legionäre schon dabei, die Mauern der eroberten Unterstadt einzureißen 24 , und ganz rechts fällen sie Bäume 25 , um daraus ein Lager zu errichten. Sie tragen dabei ihre Spangenpanzer, denn sie arbeiten nahe der Front, und noch ist der Krieg – und das Relief - lange nicht zu Ende. Der Dakerkönig ist geflohen und versucht, weiteren Widerstand zu organisieren. Bei den seltsamen Kästen 26 handelt es sich um Mündungen der Schlitze, mit denen die Trajanssäule versehen ist, um Licht und Luft in den knapp 27 Meter hohen und 3,7 Meter breiten Schacht im Säuleninneren eintreten zu lassen. Denn darin verläuft eine Wendeltreppe.


Andererseits kann man es mit der Skepsis auch übertreiben, meint Alexandre Stefan. Tatsächlich zeigt die Trajanssäule eine erstaunliche Reihe von Details, die auch durch andere antike Quellen oder archäologische Befunde belegt sind. So auch die vielleicht berühmteste Szene des ganzen Reliefbandes, in welcher der geschlagene und geflohene Dakerkönig sich ein Messer an die Kehle setzt, als römische Reiter ihn aufspüren. Diese Darstellung entspricht einer Gedenkstele, die im nordgriechischem Philippi gefunden wurde. In der Inschrift darauf berichtet ein pensionierter Reiteroffizier namens Tiberius Claudius Maximus, wie er einst von Trajan zum Decurio befördert wurde, weil er „Decebalus gefangen genommen und seinen Kopf nach Ranisstorum gebracht hatte“, einem Fort nahe Sarmizegetusa Regia, in dem der Kaiser sich gerade aufhielt. Mit der Ausnahme Trajans selbst sowie seines Gegenspielers Decebalus ist der Reitersoldat Maximus daher vielleicht die einzige Figur, die sich einer individuellen historischen Person zuordnen lässt. Alle anderen Identifikationen, die auf dem Fries etwa Trajans Generalstabschef Lucius Licinius Sura, seinen Thronfolger Hadrian oder den Chefingenieur Apollodor von Damaskus glaubten erkennen zu können, sind zumindest umstritten. Vermutlich sind jene Offiziere, die Trajan auf dem Fries begleiten, genau so wenig als Darstellung von Individuen zu lesen wie die unzähligen Soldaten.

Aber ist wenigstens deren Ausrüstung real? Kann das Relief als eine historische Quelle für die römische Bewaffnung dienen, wie Napoleon III. glaubte? Schließlich sind etwa die unterschiedlichen Kampfmonturen mit großer Liebe zum Detail dargestellt, zum Beispiel die aus dem „Asterix“-Comics bekannten Spangenpanzer der Prätorianer und Legionäre, die Kettenhemden der Auxiliareinheiten, die Schuppenpanzer für Bogenschützen. Auch die Formen der Schilde oder Details der Bekleidung bis hin zu den Halstüchern sind in den verschiedenen Truppengattungen konsequent einheitlich gehalten. Militärhistoriker, so Alexandre Stefan, hätten daraus lange auf eine im hohen Maße standardisierte Ausrüstung der römischen Armee geschlossen. Archäologische Funde legen aber eine erheblich größere Vielfalt nahe. „Letzten Endes“, schreibt Stefan, „traf der Urheber des Reliefs nur eine zwangsläufig subjektive künstlerische Entscheidung, in dem er aus der komplexen Realität einige Elemente auswählte.“ Auch sonst hat der Schöpfer des Reliefs der Trajanssäule sich manche Freiheit genommen, um sich einerseits die Arbeit zu vereinfachen, anderseits um die Deutlichkeit zu steigern. So waren römische Feldlager aus Erdwällen und Holz erbaut, der Fries aber zeigt sie zumeist mit Quadermauerwerk – vermutlich, weil die Geometrie der Mauerfugen ihre Sichtbarkeit im allgemeinen Gewusel erhöht. Dass die Daker zumeist in Zivil kämpfen, ist offenbar ihrer besseren Unterscheidung von den römischen Truppen geschuldet. Denn dakische Krieger trugen sehr wohl Helme und Kettenpanzer, wie schon der Abbildung erbeuteter dakischer Waffen am Sockel der Trajanssäule zu entnehmen ist.

Dieser Sockel übrigens birgt nicht nur den Zugang zu einer Wendeltreppe, auf der man im Inneren der Säule emporsteigen kann, sondern auch eine Kammer, in der nach Trajans Tod im Jahr 117 seine Urne beigesetzt wurde und fünf Jahre später die seiner Gattin Pompeia Plotina. Er war der Kaiser, unter dem das Imperium Romanum seine größte Ausdehnung erreichte, und sein Grab feiert die erfolgreichste Maßnahme dieser Expansion. Allerdings musste die Provinz Dacia schon 271 von Kaiser Aurelian wieder aufgegeben werden. Die Geschichte spülte nun andere Völker und andere Eroberer ins Land. Die Säule blieb. Noch kam niemand auf die Idee, sie zu stürzen.

Literatur: Alexandre Simon Stefan "Die Trajanssäule", wbg Philipp von Zabern, Darmstadt 2020. Museumsbesuch: Eine Ausstellung über die archäologischen Interessen Napoleons III. (D'Alésia à Rome, l'aventure archéologique de Napoléon III) eröffnet am 19. September 2020 im Musée d'Archéologie Nationale in Saint-Germain-en-Laye.

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 19.08.2020 15:01 Uhr