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Sprechen Sie Nostratisch?

Von ULF VON RAUCHHAUPT, 15. Juni 2016

Die babylonische Sprachverwirrung gibt es wirklich – sie ist das Ergebnis von Jahrtausenden. Trotzdem sind wahrscheinlich sämtliche Sprachen der Welt miteinander verwandt. Die Frage ist, ob sich das nachweisen lässt.

© AFP; Künstler: Marta Minujin Elfenbeinturm oder stabiles Gedankengebäude? Die Installation „Tower of Babel“ aus tausenden von Büchern in den verschiedenen Sprache der Welt

Am Pfingsttag, so berichtet die Apostelgeschichte, kam mit dem Heiligen Geist auch eine plötzliche Mehrsprachigkeit über die Jünger. Jedenfalls meinten die Bewohner des multiethnischen Jerusalems, Petrus und Kollegen in ihrer jeweils eigenen Muttersprache reden zu hören: Aramäisch, Griechisch, Persisch, Medisch, Elamitisch, Phrygisch, Ägyptisch und Latein. Die geistliche Geste zielte auf die alttestamentarische Erzählung, nach der einst alle Menschen dieselbe Sprache benutzt hätten, bis sie als Strafe für ihren Bau­frevel zu Babylon einander plötzlich nicht mehr verstanden.

Auch in der außerbiblischen Antike war man von der Existenz einer Ursprache überzeugt. Herodot berichtet, Pharao Psammetich I. (663 bis 610 v. Chr.) habe Kleinkinder in Isolation aufwachsen lassen, um zu sehen, in welchem Idiom sie zu reden begännen. Aufgrund eines methodischen Fehlers kam er auf Phrygisch. Von mindestens zwei weiteren Herrschern sind ähnliche Versuche überliefert. In jenem, den Jakob IV. von Schottland (1473 bis 1513) befahl, sollen die Kinder schließlich auf Hebräisch parliert haben. Realistischer ist hingegen, was der Franziskaner Salimbene von Parma über das Kinderexperiment des Stauferkaisers Friedrich II. (1194 bis 1250) berichtet: Die Kleinen starben aus Mangel an Zuwendung.

Kommt man hier mit modernen Mitteln weiter? Tatsächlich befasst sich heute ein eigener Forschungszweig mit der Geschichte der Sprachen und versucht, sie zurückzuverfolgen. Dabei gestatten es linguistische Methoden, bis in die Jungsteinzeit vorzustoßen. Einige Forscher aber glauben, das gehe noch viel weiter. Etliche von ihnen kommen aus Russland oder aus dem Umkreis des amerikanischen Linguisten Joseph Greenberg (1915 bis 2001) von der Stanford University und sind im Projekt „Evolution of Human Language“ (EHL) am Santa- Fe-Institut in New Mexico aktiv. Die Grafiken auf dieser Seite zeigen den jüngsten Stand ihrer Hypothesen. Demnach gehöre Deutsch als indoeuropäische Sprache zu einer fast ganz Eurasien umspannenden Superfamilie, dem „Nostratischen“, und wäre dadurch weitläufig mit dem Türkischen, Japanischen und sogar dem Eskimo verwandt. Die rätselhafte Sprache der Basken hingegen sieht das EHL-Projekt als Spross der dené-kaukasischen Superfamilie näher am Chinesischen.

Mutmaßlich verwandte Sprachgruppen

 

Nostratisch: Blaue und blaugrüne Farbtöne markieren Regionen, in denen Sprachen gesprochen werden,

die nach Ansicht der Moskau-Santa-Fe-Schule von einer Ursprache abstammen.

Tschuktscho-Kamtsch.

Eskimo-Aleutisch

Uralisch

Altaisch

Indoeuropäisch

Südkauk.

Dené-Kaukasisch

Afroasiatisch

Nilosaharisch

Austrisch

Amerind

Drawidisch

Niger-Kongo

Australisch

Khoisan

Indo-Pazifisch

Mutmaßlich verwandte Sprachgruppen vor der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus im Jahr 1492

Die Karte fasst die Hypothesen des amerikanischen Linguisten Joseph Greenberg zusammen sowie von Forschern aus Moskau und des

Santa-Fe-Instituts, das von dem zum Sprachforscher mutierten Physik-Nobelpreisträger Murray Gell-Mann mitgegründet wurde.

Ob die jeweils mit derselben Farbe dargestellten Gruppen, sogenannte Makro- oder Superfamilien, tatsächlich untereinander näher

verwandte Sprachen erfassen, ist allerdings in den meisten Fällen stark umstritten.





Viele Experten halten das bestenfalls für Spekulation, und die Debatte darüber ist nicht frei von schrillen Tönen. So schimpfte etwa der australische Linguist Robert Dixon, die Vertreter weitreichender Sprachverwandtschaften unterböten das Niveau dessen, was gute Wissenschaft ist, „bis an die Grenze zum Schwachsinn“, während Vitaly Shevoroshkin von der University of Michigan die Kritik an Greenberg und Co. als „plump und unehrlich“ abqualifizierte. Shevoroshkin allerdings hält es sogar für möglich, alle Sprachen der Erde als Abkömmling einer einzigen altsteinzeitlichen Sprache zu erweisen.

„Es ist definitiv nicht das Ziel der EHL-Forschungen, die Sprache von Adam und Eva zu rekonstruieren“, heißt es dagegen in einem 2014 verfassten Bericht aus Santa Fe. Dabei war schon die biblische Sicht auf das Thema Sprachgeschichte nicht völlig frei von Empirie. Schließlich gibt und gab es untereinander verschiedene Sprachen, die trotzdem mehr oder weniger große Ähnlichkeiten zeigen. Und mit den romanischen Sprachen stand den Gelehrten seit dem Mittelalter ein Fall vor Augen, in dem solche Ähnlichkeit ihren Grund unbezweifelbar in einer gemeinsamen Abkunft hatte – der vom Latein. Hier lag klar eine Art Abstammungslinie vor. Dass man diese noch ein ganzes Stück weiter zurückverfolgen kann, war spätestens klar, als der Brite Sir William Jones 1786 eine Verwandtschaft zwischen Griechisch, Latein und dem Sanskrit des alten Indien nachwies.

Ähnlich lautende Wörter, die in verschiedenen Sprachen die gleiche Bedeutung haben, lassen einen gemeinsamen Ursprung vermuten.

Später gelang es, diese indoeuropäische Sprachfamilie, wie sie heute heißt, noch auszuweiten: Auch die germanischen, slawischen, keltischen und iranischen Sprachen gehören dazu. Aber auch andere Verzweigungen dessen, was sich die Zeitgenossen Darwins immer mehr wie einen Stammbaum der Sprachen vorstellten, wurden erkannt. Die Verwandtschaft zwischen Finnisch und Ungarisch demonstrierte bereits 1770 der Jesuiten Jánis Sajnovics. Und die Beschäftigung mit den alten Sprachen des Vorderen Orients, dem Akkadischen, Aramäischen und Ägyptischen, offenbarte deren Verwandtschaft mit den semitischen Sprachen Hebräisch und Arabisch.

Um dergleichen festzustellen, entwickelte man die „komparative Methode“. Unter anderem werden dabei Listen von Wörtern verglichen, die in den betrachteten Sprachen gleiche Bedeutungen haben. Lauten sie ähnlich, wie etwa „Father“ im Englischen, „Patēr“ im Altgriechischen und „Piter“ im Sanskrit, könnte es sich um sogenannte Kognate handeln, Vokabeln gemeinsamen Ursprungs. Dann gilt es sicherzustellen, dass die Abweichungen der Laute in den potentiellen Kognaten, hier etwa die zwischen P und F, regelhaft erklärbar sind. Damit kann man dann, drittens, das Wort in der Vorgängersprache erschließen, hier „Pǝter“ (wobei das „ǝ“ ein kurzes e darstellt, wie in englisch „dinner“). Im Fall des Indoeuropäischen mit seinen gut 500 Sprachen aus mehr als drei Jahrtausenden hat man so die komplette Vorgängersprache rekonstruiert, wie sie einmal von einem jungsteinzeitlichen Volk gesprochen wurde.

Auch von anderen Sprachfamilien wurden solche Proto-Sprachen erschlossen und damit die gemeinsame Abstammung der Familienmitglieder erwiesen. Die „Ethnologue“-Datenbank unterscheidet aktuell 141 genetische Sprachfamilien mit insgesamt 6709 natürlichen, (noch) lebendigen Sprachen. Nicht mitgerechnet sind hier 46 bislang unklassifizierte Sprachen sowie 77, bei denen nach Ansicht der meisten Linguisten bis heute keine Verwandtschaft zu irgendwelchen anderen Sprachen, tot oder lebendig, festgestellt werden konnte, darunter das Baskische. Die Ethnologue-Liste zeigt aber bereits auch ein Problem der Vorstellung, alle Sprachen müssten sich in einer baumartigen Stammestafel einordnen lassen: Weitere 125 Sprachen sind dort als „gemischte“, als Pidgin- oder Kreolsprachen aufgeführt, also Verständigungssysteme, die nicht aus der Aufspaltung einer Vorgängersprache entstanden sind, sondern aus dem Kontakt mehrerer.

Dennoch scheint das Baummodell für die meisten Sprachen irgendwie zuzutreffen. Damit stellt sich die Frage, ob es vielleicht möglich ist, Verwandtschaften jenseits der komparativ erschlossenen Sprachfamilien aufzudecken. Joseph Greenberg war es, der in den 1950er Jahren eine Methode dafür ersann, den „Massen-“ oder „multilateralen Vergleich“. Anders als bei der klassischen komparativen Methode werden hier Wortlisten aus gleich einer ganzen Reihe von Sprachen nebeneinandergelegt und nach Kognaten gefahndet – und oft nur danach. Ähnlichkeiten in den grammatischen Strukturen, die erst einem detaillierten paarweisen Vergleich zugänglich sind, bleiben außen vor, ebenso wie viele eigentlich verwandte Wörter, deren Laute sich aber zu weit voneinander weg verschoben haben, um ihnen ihre gemeinsame Abstammung gleich anzusehen. Doch nach Greenberg macht es die Masse: Findet man mögliche Kognate in vielen verglichenen Sprachen, dürfe man auf deren gemeinsame Abstammung schließen – auch ohne eine Vorläufersprache zu rekonstruieren.

© Dieter Rüchel tipula ... cebolla ... Zwiebel

Nun ist schon die klassische komparative Methode anfällig für einen Fehler, der aus Abweichungen der Sprachgeschichte vom Baummodell resultiert: So haben etwa die Basken ihr Wort für Zwiebel (tipula) aus dem Spanischen (cebolla) entlehnt; wäre das Wort in der Liste eines Massenvergleichs europäischer Sprachen enthalten, würde es ein Kognat vortäuschen, aufgrund dessen man Baskisch fälschlicherweise unter die indoeuropäischen Sprachen einsortieren könnte. Um diese Fehlerquelle klein zu halten, vergleicht man nur Wörter, die typischerweise nicht oder nur selten von einer Sprache in eine andere entlehnt werden: Zahlwörter etwa, Personalpronomen oder Wörter für Körperteile – aber eben nicht so etwas wie die Namen von Früchten. Auch Greenberg verfuhr so, glaubte aber darüber hinaus, bei seinem Vergleich von vielen Sprachen auf einmal würden sich solche falschen Kognate gewissermaßen herausmitteln.

Zuerst wandte Greenberg die Methode auf die Sprachen Afrikas an. Er kam so auf eine Einteilung in vier Verwandtschaftsgruppen: das Afroasiatische, das Nilosaharische, die Niger-Kongo-Sprachen und die durch ihre Klicklaute bekannten Khoisan-Sprachen, wie sie etwa die Buschleute im südwestlichen Afrika sprechen. Diese Klassifikation räumte mit etlichen Verwirrungen früherer Zeit auf – etwa der Vorstellung, alle nichtsemitischen afroasiatischen Sprachen bildeten eine „hamitisch“ genannte Einheit – und machte Greenberg berühmt. Seine afrikanische Klassifikation wird heute zum großen Teil anerkannt, genauer gesagt zu drei Vierteln. Denn an Khoisan als eine verwandtschaftliche Einheit glaubt heute kaum noch ein Afrikanist. Und auch der Bericht des Greenberg wohlgesonneneren EHL-Projekts nennt das Beispiel des Hadza in Tansania, das ebenfalls Klicklaute kennt, aber mit dem Idiom der Buschleute in Botswana und Namibia mindestens so viel oder so wenig zu tun hat wie eine afroasiatische Sprache.

Auf ziemlich breite Ablehnung stieß hingegen das Ergebnis, das Greenberg in den 1980er Jahren durch einen Massenvergleich der indigenen Sprachen Nord- und Südamerikas erhielt. Demnach ließen sich die Dutzende von Sprachfamilien und vielen isolierten Sprachen, die andere Linguisten dort erkennen, nur drei Verwandtschaftsgruppen zuordnen: den beiden (allgemein anerkannten) Familien der Eskimo-Aleutischen und der Na-Dené-Sprachen und einer Superfamilie, die Greenberg „Amerind“ taufte. Tatsächlich passt dieses Bild gut zu den Vorstellungen über die Besiedlungsgeschichte des Doppelkontinents: Die linguistische Situation spiegelt demnach drei Einwanderungswellen wieder, von denen die ersten Ankömmlinge, die allein sich über die gesamte Landmasse ausbreiteten, ein Proto-Amerind sprachen.

© Picture Alliance Elfenbeinschnitzerei der Eskimo, ca. 1300 Jahre alt

Doch die historische Plausibilität beweist nicht, dass die Linguistik stimmt. Einer der sorgfältigsten Kritiker der Amerind-Hypothese ist Lyle Campbell, der heute an der University of Hawaii lehrt. In seiner Besprechung von Greenbergs Monographie „Language in the Americas“ aus dem Jahr 1987 gibt er ein Beispiel für die Defizite, die eine Mehrheit der historischen Linguisten bis heute am Amerind im Besonderen und weitreichenden Verwandtschaftsthesen im Allgemeinen so stören: So übernehme Greenberg etwa die Hypothese der Verwandtschaft zweier mittelamerikanischer Sprachen, des Xinca und des Lenca, die sich auf eine Liste von nur zwölf Paaren mutmaßlicher Kognate stützt. Doch davon habe eines in den beiden Sprachen verschiedene Bedeutung, ein weiteres sei lautmalerisch und daher kein Beweis für einen Zusammenhang, drei entstammen im Xinca einer gemeinsamen Wortwurzel, zählten daher höchstens einmal, bei einem weiteren stimmten die Laute nicht überein, und die übrigen sechs seien Lehnwörter, die beide Sprachen von anderswo, etwa aus dem Spanischen oder den Maya-Sprachen, übernommen hätten.

Aber mehr noch als am laxen Umgang mit den linguistischen Rohdaten reiben sich die Kritiker an Greenbergs Methode des Massenvergleichs. „Linguisten verlassen sich nicht nur auf Wörter, um Sprachen zu klassifizieren und hinter ihre Geschichte zu kommen“, sagt Campbell. Grammatik und Lautentsprechungen seien ebenso wichtig, betont er auf fast jeder Seite eines Buches, das er zusammen mit seinem Kollegen William Poser eigens als Reaktion auf Nostratisch und Amerind geschrieben hat.

Quelle und Vorlagen: Evolution of Human Languages: Current State of Affairs (03.2014) F.A.Z.-Karte Röttele/F.A.Z-Grafik Piron Diese hypothetische Stammtafel von Sprachen der halben Welt haben Linguisten der staatlichen russischen Universität in Moskau und des Santa-Fe-Institutes in New Mexico in ihrem Statusbericht aus dem Jahr 2014 entworfen. Dabei gehen sie von bereits hypothetischen Makrofamilien (fette, umrandete Schrift) aus, die ihrerseits auf eine spekulative Ursprache aller Idiome Eurasiens, Nordafrikas und des nördlichen Nordamerika zurückzuführen sein könnten, dem „Boräischen“. Nicht fett gedruckte Namen beziehen sich auf allgemein anerkannte Sprachfamilien, kursive auf einzelne Sprachen. Die Zahlen geben das ungefähre, sogenannte glottochronologische Alter (in Jahren vor heute) der Aufspaltungen an. Da die Methode, solche Zeiträume aus dem Ausmaß der Verschiedenheit zweier verwandter Sprachen abzuschätzen, äußerst umstritten ist, sind diese Angaben mit extremen Unsicherheiten behaftet. Viele Sprachforscher lehnen sie daher ganz ab.

„Die gesamte Methode taugt nicht, um Verwandtschaft von Sprachen nachzuweisen“, meint auch Paul Heggarty vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. Denn beim Massenvergleich ergäben sich statistisch zwingend falsch-positive Übereinstimmungen, also Wörter, die sich zufällig ähneln, ohne einem gemeinsamen Vorgänger zu entstammen. Und je mehr Sprachen verglichen werden, desto wahrscheinlicher wird es, dass genau dies passiert. Tatsächlich zeigte Lyle Campbell, wie man à la Greenberg genauso gut Finnisch als eine amerindische Indianersprache auffassen kann.

Noch weniger als vom Massenvergleich halten Forscher wie Campbell oder Heggarty von der sogenannten Glossochronologie, also dem Versuch, die Aufspaltungen im Stammbaum der Sprachen nicht nur festzustellen, sondern auch zu datieren. Das geschieht meist mittels Annahmen darüber, mit welcher Rate in Sprachen Wörter außer Gebrauch geraten oder neue auftauchen. „Damit bekommt man ganz klar falsche Ergebnisse“, sagt Heggarty. „Sogar für die letzten paar tausend Jahre, ganz zu schweigen jenseits von acht- oder zehntausend Jahren.“ Tatsächlich streiten sich die Archäologen seit geraumer Zeit, ob die Proto-Indoeuropäer vor sechs- oder vor neuntausend Jahren lebten.

© Picture Alliance Genaue Zeitangaben sind bei der Entwicklung von Sprachen eher schwierig.

Tatsächlich will George Starostin von der russischen Staatsuniversität die glottochronologischen Angaben in dem jüngsten EHL-Bericht nur als grobe Orientierungen verstanden wissen, insbesondere was absolute Zeitangaben angeht. „Die relativen Abstände sind wichtiger.“ Was die Kritik vieler Fachkollegen an dem ganzen Unternehmen angeht, ist Starostin inzwischen Kummer gewohnt, sieht sich aber von den Vorwürfen gegen Greenberg nicht getroffen. Das EHL-Projekt stehe nämlich gerade nicht in der Tradition des Massenvergleichs, sondern in jener der „Moskau-Schule“, deren prominentester Vertreter, Georges Vater Sergei Starostin (1953 bis 2005), die Existenz der Superfamilien Nostratisch, Dené-Kaukasisch und Austrisch sowie deren mögliche Verwandtschaft vertrat. Für die Moskauer gebe es zur klassischen komparativen Methode für nahe Verwandtschaften keinen grundsätzlichen Unterschied, betont Starostin. Denn auch dort bemühe man sich um die Rekonstruktion vermuteter Protosprachen – nur eben nicht jeweils einer, sondern mehrerer Sprachfamilien.

„Im Prinzip ist das methodisch vernünftig“, sagt Lyle Campbell. „Doch die Schwierigkeiten liegen in den Details, darin, ob die Methoden bei der Interpretation der verglichenen Wortformen auch richtig angewandt werden. Da sehe ich erhebliche Probleme in den meisten Vorschlägen, die hier vorgebracht werden.“ Dabei will auch Campbell keineswegs jede solche Bemühung von vorneherein verdammen. „In einigen Vorschlägen über entfernte Verwandtschaftsbeziehungen hat die Evidenz eine Ebene der Plausibilität erreicht, die weiteres Forschen rechtfertigt. Doch in den Fällen von Amerind und Nostratisch sieht es nicht so aus, als ob es da viel Raum für Hoffnung auf künftige Verbesserungen gibt.“

Tatsächlich ist es in verschiedenen Wissenschaften durchaus üblich, sich bei der Frage, wann eine Hypothese als annehmbar gilt, mit verschiedenen Graden an Gewissheit zufriedenzugeben. So ist die Sicherheit, die Physiker fordern, wenn sie an die Existenz eines aus Detektordaten erschlossenen neuen Teilchens glauben sollen, erheblich höher (das heißt die statistische Irrtumswahrscheinlichkeit geringer) als beispielsweise die Sicherheit, mit der Archäologen einer Radiokarbondatierung vertrauen.

© Picture Alliance Hoher Grad an Gewissheit: Exakte Messung im Neutrino-Observatorium Super-Kamiokande (Japan)

Das hat mit den verschiedenen Traditionen dieser Disziplinen zu tun, aber auch damit, wie genau man etwas messen kann, wenn man überhaupt etwas sagen möchte. Und die EHL-Forscher haben eben lieber eine wackelige und mit erheblich höherer als in der Linguistik sonst akzeptierter Wahrscheinlichkeit falsche Aussage über die Verwandtschaft, sagen wir von Baskisch und Chinesisch, als gar keine.

George Starostin sieht das natürlich anders und stellt die Frage nach der Deutungshoheit. Denn bei aller Distanzierung von Greenbergs Massenvergleichen hält er Campbells Diskreditierung des Amerind für ein wenig wohlfeil. Denn es gebe, so schreibt er 2014 in einem Beitrag für das Journal of Language Relationship, bislang keine Möglichkeit, quantitativ anzugeben, wie wahrscheinlich Campbells Evidenz für Finnisch als Amerind-Sprache im Vergleich zu der Evidenz für eine indigene Sprache Südamerikas als Amerind-Sprache ist. Es sei einfach eine Frage der Kriterien dafür, wann man einer Vermutung folgt oder nicht, und es sei legitim, diese Kriterien der Schwierigkeit des Problems anzupassen. „Lyle Campbells Forderungen an die Beweiskraft eines weiterräumigen Sprachvergleichs sind so streng, dass damit wahrscheinlich gar keine solche Hypothese zu seiner Zufriedenheit bewiesen werden kann“, schreibt Starostin.

Solange sich alle klar über die (möglicherweise riesigen) Ausmaße der Unsicherheit solcher Aussagen sind, ist dagegen im Grunde wenig zu sagen. Allerdings ist die Befürchtung, ein im Denken in Unsicherheiten schlecht trainiertes Pu­blikum könnte etwas in den falschen Hals bekommen, auch nicht immer unbegründet. In einer Zeit, in der viele von der Wissenschaft auch weltanschaulichen Halt erwarten, ist es manchmal schwierig zu verstehen, dass zwischen gelehrter Spekulation und vielfach abgesicherter Faktizität oft genug keine scharf definierte Kluft liegt, sondern ein Kontinuum, bei dem jeder selbst entscheiden muss, ab wann ihm etwas glaubhaft erscheint.





Isoliert und untergegangen Antike Sprachen sind oft nur schriftlich überliefert, aber dennoch in den meisten Fällen gut verwandtschaftlich zuzuordnen. Aber es gibt einige, die stellen die Forscher vor ähnliche Rätsel wie isolierte Sprachen der Gegenwart.

Sumerisch
wurde bis um 1800 v. Chr. in Südmesopotamien gesprochen und war danach noch fast zwei Jahrtausende in Literatur und Kultus in Gebrauch. Eme Kiengira („Sprache von Sumer“) galt lange als die früheste Schriftsprache, was ihren möglichen Zusammenhang mit anderen Sprachen zu einem Politikum macht. Vorschläge zur Verwandtschaft des Sumerischen reichen von südkaukasischen über dravidische, uralische bis hin zu sinotibetischen und sogar austronesischen Sprachen. Keiner konnte bisher auch nur ansatzweise überzeugen. Der bedeutende deutsche Sumerologe Dietz Otto Edzard (1930 bis 2004) erachtete alle solche Bemühungen als völlig vergeblich.

Hurritisch
war die Sprache des Reiches Mitanni im Gebiet des nördlichen Syriens und der südöstlichen Türkei. Bevor Mitanni um 1300 v. Chr. von Hethitern und Assyrern zerschlagen wurde, war es ein zeitweise mächtiger Player in der spätbronzezeitlichen Staatenwelt, weswegen hurritische Keilschrifttexte von historischem Interesse sind. Außer zu dem ebenfalls ausgestorbenen Urartäisch konnten jedoch noch keine Verwandtschaften sicher nachgewiesen werden. Am ehesten könnte eine Verbindung zu den nordostkaukasischen Sprachen bestehen, welche die Forscher des EHL-Projektes (siehe Haupttext) zur dené-kaukasischen Superfamilie rechnen.

Minoisch
sprach die gleichnamige Hochkultur auf Kreta, bevor die Insel um 1430 v. Chr. von mykenischen Griechen erobert wurde. Als sogenanntes Eteokretisch hat das Minoische offenbar regional bis ins 3. Jahrhundert v. Chr. überlebt. Eine Zuordnung zu anderen Sprachen scheitert schon daran, dass die erhaltenen minoischen Texte noch nicht entziffert werden konnten.

Elamitisch
war schon zur Zeit der Sumerer im Südwesten des heutigen Irans verbreitet und noch mehr als tausend Jahre später eine der Staatssprachen des Perserreichs. Seine lange Karriere als Schriftsprache endete nach den Eroberungen Alexanders des Großen, gesprochen wurde es aber auch danach noch – laut des Pfingstberichtes in der Apostelgeschichte auch im Jerusalem des 1. Jahrhunderts – und starb möglicherweise erst im Mittelalter ganz aus. Sicher ist, dass Elamitisch weder mit dem Sumerischen verwandt noch eine indoeuropäische oder semitische Sprace ist. Einige Linguisten sehen aber einen Bezug zu den dravidischen Sprachen des indischen Subkontinents.

Etruskisch
konnte der philologisch interessierte Kaiser Claudius (10 v. Chr. bis 54 n. Chr.) zumindest lesen – möglicherweise als einer der letzten Menschen überhaupt. Denn von der im vorrömischen Italien blühenden Sprache sind nur wenige hundert Wörter überliefert und von diesen lange nicht alle verstanden. Verbindungen zu anderen Sprachen – vom Ural bis nach Indien – wurden schon viele vorgeschlagen, akzeptiert ist aber bisher allein eine Verwandtschaft mit der Sprache vorgriechischer Bewohner der Ägäisinsel Lemnos. Recht erklären kann man sich diese Verbindung aber nicht.

F.A.Z.-Multimedia: Bernd Helfert
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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 15.06.2016 12:03 Uhr