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Forschungsschiff „Endurance“ entdeckt : Sie ist wieder da

Als hätten Shackletons Männer sie gerade erst verlassen: Das Expeditionsschiff Endurance auf dem Meeresgrund Bild: Falklands Maritime Heritage Trust

Ernest Shackletons Abschied von der „Endurance“ war keiner für immer: In 3000 Meter Tiefe wurde eines der berühmtesten Schiffswracks der Seefahrtgeschichte entdeckt.

          3 Min.

          Am 5. März hatte die Suche ein Ende. Im Februar dieses Jahres war die Agulhas II von Kapstadt aus in See gestochen, an Bord eine Forschergruppe auf der Jagd nach den Überresten der Endurance, die im November 1915 im Südpolarmeer gesunken war. Eine 2019 mit dem gleichen Ziel aufgebrochene Expedition war erfolglos geblieben, das Team von „Endurance 22“ hatte mehr Glück. In 3008 Meter Tiefe stieß der Tauchroboter auf das Wrack und sandte atemraubende Bilder nach oben: Das Schiff steht aufrecht und größtenteils frei, es hat offenbar kaum Schäden erlitten, auch nicht von den Organismen, die es bevölkern. Selbst der Schriftzug „En­durance“ am Heck des Wracks ist noch hervorragend sichtbar.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Dass dieses Schiff nach seinem Untergang weltberühmt wurde, verdankt es der Mannschaft, die das im Eis eingefrorene und von mächtigen Eisschollen bedrängte Fahrzeug unter dem Kommando von Ernest Shackleton im Oktober 1915 verlassen hatte, nachdem es einen riesigen Dreiviertelkreis im Weddellmeer zurückgelegt hatte. Dank ihrer massiven Bauweise konnte die in Norwegen erst fünf Jahre zuvor vom Stapel gelaufene En­durance dem Eisdruck lange genug widerstehen, dass die gesamte Mannschaft geordnet von Bord gehen und sich mit Geräten und Vorräten auf einer großen Eisscholle einrichten konnte. Dann aber sank das Schiff vor den Augen der Besatzung. „She’s gone“, soll Shackleton gesagt haben.

          Dass am 1874 im irischen Kilkea geborenen Kommandanten der Endurance-Expedition ein begabter Autor verloren gegangen war, konnte man in den vergangenen Jahren an einem Reprint der „South Polar Times“ studieren, jenes Periodikums, das zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts auf zwei britischen Antarktis-Expeditionen entstand und dessen erster Herausgeber Shackleton war. Die Zeitung in der Minimalauflage von genau einem Exemplar wurde zwischen 1902 und 1912 von den Expeditionsmitgliedern in Wort und Bild verfasst und diente nicht nur der Unterhaltung des Publikums, sondern auch der Beschäftigung der Mannschaft. Jeder, der mochte, war zur Mitarbeit aufgerufen, verfasste Verse, zeichnete die karge Umgebung oder verlor sich in Reminiszenzen an die im Vergleich dazu üppige Heimat. Shackleton wusste, wie wichtig eine solche Ablenkung bei konstant zweistelligen Minustemperaturen und polaren Stürmen war. In seinem ersten Editorial, verfasst zu Beginn des antarktischen Winters 1902, benannte er den Zweck der Zeitung und damit im Grunde auch aller übrigen Beschäftigungen der Expeditionsmitglieder: Jetzt, wo nach dem Untergang der Sonne monatelang kein Licht von außen mehr zu erwarten sei, müsse man eben für ein Licht von innen sorgen.

          Der Name ist noch sichtbar: Ernest Shackletons „Endurance“ in 3008 Meter Tiefe.
          Der Name ist noch sichtbar: Ernest Shackletons „Endurance“ in 3008 Meter Tiefe. : Bild: dpa

          Shackletons außerordentliches Talent, eine Gruppe auch in verzweifelter Lage zum Durchhalten zu motivieren, machte es 1915 überhaupt möglich, dass die auf dem Eis kampierenden Männer die Strapazen der folgenden Monate überstanden, darunter für einen Teil das Überwintern im Schutz eines umgedrehten Rettungsbootes auf der abgelegenen Insel Elephant Island und für den anderen eine weit über tausend Kilometer lange Fahrt auf einem der Rettungsboote bis nach Südgeorgien.

          Die Geschichte der Endurance-Expedition ist schon zu Shackletons Lebzeiten – er starb 1922 und wurde just hundert Jahre vor dem Auffinden seines Schiffes bestattet – oft erzählt worden. Welchen Beitrag die Entdeckung des Wracks noch dazu leisten wird, ist unklar. In den vergangenen Jahren waren etwa die Schiffe der Expedition John Franklins im kanadischen Polarmeer entdeckt worden, in wesentlich schlechterem Zustand, aber auch in weit geringerer Tiefe. Artefakte, die dort entdeckt und geborgen werden konnten, waren bereits auf Ausstellungen zu sehen. Und angesichts des Rätsels, die Franklins Expedition, die niemand überlebte, noch immer umgibt, könnten diese Funde erheblich erhellender sein als das, was auf der Endurance eventuell zurückgeblieben ist. Zumal dort nach internationalem Recht auch gar nichts geborgen werden darf, während manche immer noch davon träumen, in den Kajüten von Erebos und Terror, Franklins Schiffen, wasserdicht aufbewahrte Aufzeichnungen über die letzten Tage der Expedition vor dem Verlassen der Schiffe zu finden.

          Umso beeindruckender ist der Erfolg der Mitglieder von „Endurance 22“, die anhand der letzten Positionsbestimmungen von Shackletons Crew und Berechnungen über die Meeresströmung das Wrack an einer Stelle fanden, die fast durchgehend von Eis bedeckt ist – und Fotos der gesunkenen Endurance mitbrachten, die man so nicht für möglich gehalten hatte.

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