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Elektronische Entlaubung : Monumental in Mexiko

Agnada Fénix im Lidar-Relief, hinten der Rio San Pedro. Kegel und Strich auf der Plattform bilden die „E-Gruppe“. Bild: Reuters

Forscher in Mexiko haben eine riesige Plattform aus der Frühzeit der Maya entdeckt. Wer sich dort hinbegibt, wird nichts sehen außer Feldern und Resten von Urwald. Erst auf dem Computerbildschirm kommt das Bauwerk zum Vorschein.

          3 Min.

          Aguada Fénix ist ein Ort, den Google Earth nicht kennt. Die „Phönix-Tränke“ liegt im äußersten Osten des mexikanischen Bundesstaates Tabasco nahe der Grenze zu Guatemala, rund zwanzig Kilometer östlich der Mündung des Rio San Pedro in den Usumacinta. Aber auch wer sich ganz reell dort hinbegibt, wird nichts sehen außer Feldern und den Resten von Urwald, die zwischen ihnen stehengeblieben sind.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Trotzdem vermeldeten Forscher um den Archäologen Takeshi Inomata von der University of Arizona vergangenen Donnerstag im Magazin „Nature“, sie hätten dort die Reste eines bisher unbekannten Zeremonialzentrums der Maya-Zivilisation entdeckt und dort das größte Maya-Bauwerk überhaupt: eine Plattform, fast 399 Meter breit, 1413 Meter lang und zehn bis fünfzehn Meter hoch.

          Damit wurde zu ihrer Errichtung mehr Material bewegt als für die Pyramide „La Danta“ in den Ruinen von El Mirador im Norden Guatemalas, die größte Pyramide der Maya, und auch mehr als für die Cheops-Pyramide, die größte der alten Ägypter. Allerdings bestehen die Plattform von Aguada Fénix und ihre Nebenstrukturen – darunter neun auf sie zuführende Dammstraßen sowie eine kleinere, aber bis zu 18 Meter hohe Plattform – nicht aus Steinquadern, sondern hauptsächlich aus Lehm und Erde.

          Zwanzig weitere monumentale Zentren entdeckt

          Auch deshalb hätte man kaum eine Chance gehabt, ihre vegetationsbedeckten Flanken am Boden von natürlichen Geländeformen zu unterscheiden. So kamen die Bauwerke erst auf den Computerbildschirmen der Forscher zum Vorschein, als sie aus der Luft gesammelte Lidar-Daten auswerteten. Lidar – das Akronym steht für Light Detection and Ranging – ist nicht nur vom Namensklang her dem Radar verwandt. Hier wie dort werden Entfernungen durch Aussenden und Wiederauffangen elektromagnetischer Strahlungen gemessen, nur nutzt Lidar Laserstrahlen statt Radiowellen. Daher kann man damit noch durch die kleinsten Lücken im Blattwerk von Bäumen und Büschen zum Boden dringen und bei ausreichend hoher Dichte der Messpunkte die Vegetation mittels geeigneter Software aus den Bildern herausrechnen.

          Diese elektronische Entlaubung ist mittlerweile zu einem Verfahren geworden, das drauf und dran ist, die Archäologie ähnlich zu revolutionieren wie einst die Radiokohlenstoff-Datierung organischer Funde. Tatsächlich haben Inomata und sein Team bei ihren Flügen über Tabasco nicht nur Aguada Fénix entdeckt, sondern auch zwanzig weitere, wenn auch weniger monumentale Zentren der gleichen Kultur. Und erst vor zwei Jahren hatten Lidar-Vermessungen ergeben, dass die berühmte Maya-Stätte Tikal in Guatemala kein dichtbebautes urbanes Zentrum war, sondern ein weitläufiges Agglomerat aus Höfen, Feldern und Gärten rings um die steinernen Tempel und Herrscherpaläste.

          Tikal allerdings ist eine Stadt der klassischen Maya-Zeit zwischen 250 und 900 nach Christus und damit viel jünger als Aguada Fénix und die anderen Erdwerke am Rio Usumacinta. Ausgrabungen und Radiokohlenstoff-Datierungen ergaben, dass mit dem Errichten der Plattformen in Aguada Fénix um das Jahr 1000 vor Christus begonnen worden sein muss und die Arbeiten etwa zweihundert Jahre später abgeschlossen waren.

          Damit handelt es sich um Bauten aus dem frühen mittleren Abschnitt der sogenannten präklassischen Periode. In dieser Zeit blühte weiter westlich die Kultur der Olmeken, die eine Art Mutterkultur des alten Mesoamerika gewesen zu sein scheint. Tatsächlich liegen die neuentdeckten Stätten genau zwischen den bisher bekannten präklassischen Maya-Städten im Tiefland von Guatemala und den olmekischen Zentren San Lorenzo und La Venta – was die Frage aufwirft, ob sie denn tatsächlich von Angehörigen der Maya errichtet wurden.

          Schließlich gibt es in San Lorenzo ebenfalls eine gigantische Zeremonialplattform aus der gleichen Zeit – sie ist sogar noch ein Stück größer als die in Aguada Fénix. Und auch die Olmeken kannten bereits Strukturen, wie sie Inomata und Kollegen auf ihren Lidar-Bildern vom Rio Usumacinta ebenfalls sehen: runde oder quadratische Erhebungen neben jeweils einer schmalen länglichen. Bei diesen „E-Gruppen“, wie sie die Maya-Forscher nennen, handelt es sich um Konstruktionen, die mit den Sonnenaufgängen zur Winter- und Sommersonnenwende verknüpft waren. E-Gruppen gibt es in vielen späteren Maya-Stätten, aber eben auch bereits im olmekischen San Lorenzo.

          Tatsächlich zeugt die „horizontale Monumentalität“ der Plattform von Aguada Fénix (im Gegensatz zur vertikalen Monumentalität der erst etwas später aufkommenden Pyramiden) zusammen mit anderen Indizien von einem olmekischen Einfluss in ritueller Hinsicht. Andererseits aber weisen Keramik- und Obsidianfunde deutlich auf eine engere Verbindung der neuentdeckten Zeremonialzentren mit den Maya im Osten als mit den Olmeken im Westen hin.

          Die Autoren der „Nature“ Veröffentlichung legen auch großen Wert auf ihre Beobachtung, dass dort bislang keinerlei Bildnisse von Menschen gefunden wurden, wie sie die Olmeken in monumentaler Manier anzufertigen wussten, mutmaßlich, um damit ihre Herrscher zu verewigen. Das könnte bedeuten, so Inomata und Kollegen, dass die Gesellschaft der präklassischen Maya am Rio Usumacinta weniger hierarchisch organisiert war als die der Olmeken oder der Maya-Stadtstaaten späterer Phasen der Maya-Präklassik und dann erst recht der klassischen Epoche. Und wenn das stimmte, dann wären monumentale, arbeitsintensive Bauwerke doch nicht notwendig etwas, zu dem Herrscher oder Oberpriester ihre Untertanen oder Gläubigen genötigt hätten. Dann könnten auch Mitglieder eher egalitärer Gemeinwesen sich zusammengetan haben, um Großes zu vollbringen.

          Doch dieser Gedanke schließt aus der Abwesenheit von Belegen auf die Anwesenheit bestimmter sozialer Phänomene. Und er sagt dann vielleicht doch mehr etwas über die politischen Präferenzen heutiger Archäologen aus als über die Gegebenheiten in Mesoamerika vor dreitausend Jahren.

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