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Die Indianerbilder des Edward Curtis

Von REBECCA HAHN

6. November 2020 · Vor hundert Jahren versuchte der Amerikaner Edward Curtis mit der Kamera festzuhalten, was von der Kultur der Ureinwohner seiner Heimat noch übrig war. Das Indianerbild, das er damit schuf, ist ebenso würdevoll wie stereotyp.

Sitting Bear blickt stoisch in die Kamera. Federn schmücken sein Haupt, Lederfransen sein Wams. Es fällt nicht schwer, sich ihn vorzustellen, wie er hoch zu Ross durch die Prärie reitet. Das Porträt bedient alle unsere Erwartungen davon, wie ein Indianer auszusehen hat.

Abgelichtet hat den Arikara-Häuptling der in Seattle ansässige Fotograf Edward Curtis (1868 bis 1952), als er Anfang des 20. Jahrhunderts für sein Werk The North American Indian die Kultur der Ureinwohner Nordamerikas festhalten wollte, bevor sie verschwunden war. Fünf Jahre lang wollte Curtis sich diesem Projekt widmen. Am Ende wurde eine Lebensaufgabe daraus: Zwanzig Portfolios füllten seine Bilder schließlichaufgenommen in mehr als dreißig Jahren. Kein anderer Fotograf widmete sich diesem Sujet in diesem Umfang.

Häuptling Sitting Bear im Jahre 1909. Er herrschte von 1881 bis 1915 über die Arikara, eine einst mächtige Stammesgruppe auf dem Gebiet der heutigen Bundesstaaten North und South Dakota. In der inzwischen fast ausgestorbenen Sprache seines Volkes lautet sein Name Kunuhtiwit.
Häuptling Sitting Bear im Jahre 1909. Er herrschte von 1881 bis 1915 über die Arikara, eine einst mächtige Stammesgruppe auf dem Gebiet der heutigen Bundesstaaten North und South Dakota. In der inzwischen fast ausgestorbenen Sprache seines Volkes lautet sein Name Kunuhtiwit. Foto: Northwestern University Library, Edward S. Curtis's „The North American Indian“

Möglichst ursprünglich und unverfälscht wollte Curtis die Lebenswelt der Indianer abbilden. Zuweilen nahm er sich dabei auch künstlerische Freiheiten heraus, wofür er bis heute vielfach kritisiert wird. Doch gerade indem seine Bilder so viele Klischees bedienen, zeigen sie uns diese heute auf.

Das Bild des Indianers war von Anfang an abhängig von den eigenen Interessen, sagt die Historikerin Heike Bungert von der Universität Münster. Als die Siedler auf die ersten Indianer getroffen seien, hätten sie diese vor allem als unzivilisierte Gruppe gesehen. Man hat auch gar nicht wahrgenommen, dass es verschiedene Indianergruppen gibt. Dabei gehörten die Indianer unterschiedlichen Stämmen und Volksgruppen an, die über den gesamten nordamerikanischen Kontinent verteilt waren. Am häufigsten werden die Gruppen in verschiedene Kulturregionen eingeteilt, sagt Bungert. Dazu zählen zum Beispiel die Nordwestküste, Kalifornien, der Südwesten sowie die Prärien und Plains. In diesen Regionen gab es wieder verschiedene Indianergruppen, die zum Teil aber ähnliche Lebensstile hatten. Heute erkennt die amerikanische Regierung etwa 560 verschiedene Indianergruppen an.


„Das Bild des Indianers war von Anfang an abhängig von den eigenen Interessen.“
Heike Bungert

Gone West: Vor Ankunft der Europäer gab es in der Prärie keine Pferde und daher auch keine Indianer.
Gone West: Vor Ankunft der Europäer gab es in der Prärie keine Pferde und daher auch keine Indianer.

Es gab von Beginn an das Bild des guten und des schlechten Indianers, sagt Bungert. Je weiter entfernt sie von der eigenen Lebenswelt waren, umso positiver wurden sie wahrgenommen. Wer als Europäer die ideale soziale Ordnung darstellen wollte, habe hervorgehoben, wie gut die Indianer miteinander umgingen. Das Bild des edlen Wilden, der im Einklang mit der Natur und seinen Mitmenschen lebt, hat sichvor allem auch in Deutschlandbis heute gehalten. Dabei waren Indianer nicht unbedingt Umweltschützer. Der Mensch wurde als Teil der Umwelt wahrgenommen, sagt Bungert. Deshalb wurden Rituale durchgeführt, damit die Jagd oder die Ernte erfolgreich waren. Gerade als der Handel mit den europäischstämmigen Amerikanern wuchs, nahmen die Indianer die Natur jedoch häufig als besonders freigiebig wahr. Dann jagte man eben sehr viele Biber, um im Austausch viele Gewehre und Metallkessel zu erhalten. In einigen Gebieten wurden die Biber dadurch praktisch ausgerottet.

Weniger verklärt als verteufelt wurden die Indianer von den Siedlern, die im Zuge der stetigen Einwanderung aus Europa immer weiter nach Westen vorrückten (siehe Karte unten). Wenn man vor Ort das Land besiedeln wollte, auf dem Indianer lebten, dann galten sie als heimtückisch, brutal, grausam, heidnisch und unzivilisiert. Auch sahen viele Siedler es als ihr gutes Recht an, Land urbar zu machen, das die Indianer scheinbar gar nicht brauchten. Dabei gab es gerade im Osten viele landwirtschaftlich tätige Indianergruppen, sagt Bungert. Diese hätten jedoch die Felder gewechselt und nicht unbedingt jedes Jahr im selben Dorf gelebt, so dass die Siedler sie als Nomaden wahrgenommen hätten.


„Wenn man vor Ort das Land besiedeln wollte, auf dem Indianer lebten, dann galten sie als heimtückisch, brutal, grausam, heidnisch und unzivilisiert.“
Heike Bungert, Historikerin an der Universität Münster

In der Folge sollten die Indianer weichen, damit die Zivilisation Einzug halten konnte. Eine systematischere, gesetzlich sanktionierte Umsiedelungspolitik begann in den 1830er Jahren, sagt Bungert. Da sollten die sogenannten fünf zivilisierten Stämme der Cherokee, Chickasaw, Choctaw, Creek und Seminolen aus ihrer angestammten Heimat östlich des Mississippis in das Gebiet des heutigen Oklahomas umsiedeln. Insgesamt 50 000 wurden es allein zwischen 1830 und 1840. Dort, im Indianerterritorium, würden sie niemanden stören. Stellte sich heraus, dass es in den Reservaten doch fruchtbares Siedlungsland gab, wurden sie noch weiter abgedrängt. Das war insofern völlig paradox, weil die Indianer in den Reservaten eigentlich Landwirtschaft betreiben sollten, sagt Bungert. Auch mussten sich die Gruppen umstellen, weil die Landwirtschaft aus europäischer Sicht Männersache war. Bei den Indianergruppen, die bereits zuvor landwirtschaftlich tätig gewesen waren, hatten aber traditionell die Frauen auf den Feldern gearbeitet, während die Männer für die Jagd zuständig gewesen waren.

Quelle: Putzger, Historischer Weltatlas, 1974 Karte: Sieber


Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts rückte die Frontier, die Grenze zwischen den für die Indianer vorgesehenen Gebieten und dem Siedlungsland der Einwanderer, immer weiter nach Westen. Zwar gab es zwischendurch auch Perioden des Friedens, dennoch brannten sich die Jahre zwischen 1865 und 1890 als die Zeit der Indianerkriege in das kollektive Gedächtnis der Vereinigten Staaten ein. Die Konflikte mit den Plains-Indianern prägten später auch das in Westernfilmen transportierte Indianerbild von den in Tipis lebenden Nomaden, die beritten Jagd auf Bisons machen und sich gegen das Vordringen der Weißen zu wehren versuchen. Dabei hatten die Plains-Gruppen lange Zeit ganz anders gelebt. Die nomadische Indianerkultur, wie wir sie kennen, mit der Betonung auf dem Pferd und der Büffeljagd, kam erst später auf, als die Indianer im großen Umfang Pferde übernommen und diese auch gezüchtet haben, sagt Bungert. Bevor das Pferd von den Spaniern wieder in Nordamerika eingeführt wurde, konnten die Plains nicht besiedelt werden. Gruppen wie die Arikara hätten stattdessen an den Rändern der Plains gelebt, an Flussläufen Landwirtschaft betrieben und zusätzlich Büffel gejagt.

Zu der Zeit, als Edward Curtis sich für die Indianer zu interessieren begann, waren die Kriege auf den Plains gerade vorbei, und der überwiegende Teil der Stämme war in Reservate abgedrängt worden. In Seattle, benannt nach Chief Seattle, einem Häuptling der Duwamish und Suquamish, lernte Curtis 1895 Princess Angeline kennen. Kikisoblu, wie ihr indianischer Name lautete, war Chief Seattles Tochter. Curtis verdiente sein Geld zu dieser Zeit eigentlich mit Porträts der feinen Gesellschaft. Doch die alte Indianerin in ihrer kleinen Hütte am Stadtrand, wo sie sich als Wäscherin und mit dem Verkauf von Körben über Wasser hielt, faszinierte Curtis so, dass er ihr Geld bot, um sie porträtieren zu dürfen. Für jede Pose zahlte Curtis Angeline einen Dollar. Die schien Gefallen daran zu finden, notierte Curtis.


„Die nomadische Indianerkultur, wie wir sie kennen, mit der Betonung auf dem Pferd und der Büffeljagd, kam erst später auf, als die Indianer im großen Umfang Pferde übernommen und diese auch gezüchtet haben.“
Heike Bungert, Historikerin an der Universität Münster

Red Wing von den Apsarokee 1909
Red Wing von den Apsarokee 1909
Red Wing von den Apsarokee 1909
Lone Flag von dem Stamm der Atsina um 1908
Lone Flag von dem Stamm der Atsina um 1908
Lone Flag von dem Stamm der Atsina um 1908
Red Cloud vom Stamm der Oglala im Jahre 1908
Red Cloud vom Stamm der Oglala im Jahre 1908
Red Cloud vom Stamm der Oglala im Jahre 1908
Ein Mann vom Stamm der Piegan mit Medizinpfeife 1910
Ein Mann vom Stamm der Piegan mit Medizinpfeife 1910
Ein Mann vom Stamm der Piegan mit Medizinpfeife 1910
Foto: Northwestern University Library, Edward S. Curtis’s „The North American Indian“

Die Fotografien von Princess Angeline waren Curtis erste Aufnahmen einer Indianerin. Doch erst drei Jahre später sollte eine zufällige Begegnung dazu führen, dass Curtis sein Leben als Porträtfotograf der High Society ganz hinter sich ließ. Auf einer Bergtour am Mount Rainier lernte er eine Gruppe von Wissenschaftlern kennen, die sich beim Bergsteigen verirrt hatten. Unter ihnen war der Anthropologe George Bird Grinnell, ein ausgewiesener Indianer-Kenner. Curtis freundete sich mit ihm an, und Grinnell ermöglichte ihm, 1899 als Fotograf an der Alaska-Expedition des Eisenbahnunternehmers Edward Henry Harriman teilzunehmen. Ein Jahr später lud Grinnell Curtis zu einem Besuch bei den Piegan-Indianern in Montana ein. Seine Erlebnisse dort bewegten ihn so sehr, dass es ihn nach seiner Rückkehr nach Seattle bald wieder zurück zu den Plains-Indianern zog. 1906 gewann er den Bankier J. P. Morgan als Sponsor, der ihm 75.000 Dollar gab, um die Gebräuche und Traditionen der Indianergruppen Nordamerikas in Bildbänden zu verewigen.

Curtis sah sich in einem Wettlauf gegen die Zeit. Seiner Einschätzung nach konnte es nicht mehr lange dauern, bis von der indianischen Kultur nichts mehr übrig sein würde. Tatsächlich waren die Jahre um 1900 ein Tiefpunkt. Von den damals 75 Millionen Einwohnern der Vereinigten Staaten waren nur rund 237.000 Indianer. Von den Gruppen der Ostküste war besonders wenig übrig. Curtis konzentrierte sich deshalb auf die im Westen. Er hat jeden Sommer ein oder mehrere Reservate besucht, um das zu fotografieren, was sich noch fotografieren ließ, sagt Dennis Beckmann, Kurator einer aktuellen Ausstellung zum Thema im Kultur- und Stadthistorischen Museum Duisburg. Es gab zwar auch Reservate im Osten, sagt Beckmann. Weil die dortigen Indianergruppen jedoch früher mit der Kultur der europäischen Einwanderer in Berührung gekommen seien, hätte es im Osten kaum noch gelebten indianischen Alltag gegeben, der Curtis fotografierenswert erschien.

Bear’s Belly von den Arikara 1908
Bear’s Belly von den Arikara 1908
Bear’s Belly von den Arikara 1908
Wolf von den Apsaroke 1908
Wolf von den Apsaroke 1908
Wolf von den Apsaroke 1908
Foto: Northwestern University Library, Edward S. Curtis’s „The North American Indian“

Denn er wollte das typisch Indianische einfangen. Vielfach sind Curtis Bilder deshalb eher Inszenierung als Dokumentation. Bekannt ist zum Beispiel eine Fotografie, auf der Curtis nachträglich einen Wecker wegretuschierte. Moderne Objekte auszusparen oder zu retuschieren ist typisch für die Ethnologie seiner Zeit, sagt Beckmann. Vor allem auf seinen ersten Bildern versuchte Curtis zum Teil auch noch die Fremdheit zwischen seinen Modellen und den Betrachtern zusätzlich zu verstärken. In den frühen Bildern wirken die Indianer eher wie Geisterwesen, sagt Beckmann. Sie sind durch künstlerische Stilmittel komplett entrückt von unserer Realität.


„Moderne Objekte auszusparen oder zu retuschieren ist typisch für die Ethnologie seiner Zeit.“
Daniel Beckmann, Kurator der aktuellen Austellung im Stadtmuseum Duisburg

Curtis zeigte die Indianer, wie er sie sehen wolltewas unterschiedliche Reaktionen auslöste. Es gibt keine Informationen dazu, was die Porträtierten selbst von Curtis Arbeit hielten, aber man kann von ihrem Wohlwollen ausgehen. Die Indianer waren froh, dass jemand sich für sie und ihre Traditionen interessiert hat, sagt Beckmann. Durch sein wohlwollendes Interesse hat Curtis wahrscheinlich schon viel Vertrauen gewonnen. Hilfreich war sicher auch, dass Curtis seine Fotomodelle in der Regel bezahlte. Er habe gedacht, sagt Beckmann, wenn er mit dem Verkauf seiner Bücher Geld verdiene, schulde er den Indianern auch etwas. Zum Teil ging Curtis auch Risiken ein, etwa als er die Kwakwakawakw auf Vancouver Island darum bat, für ein Filmprojekt eigentlich bereits verbotene Rituale aufzuführen.

American Horse vom Stamm der Ogalala 1908.
American Horse vom Stamm der Ogalala 1908.
American Horse vom Stamm der Ogalala 1908.
Apuyotoksi trägt ein Wolfsfellkopfschmuck, 1910
Apuyotoksi trägt ein Wolfsfellkopfschmuck, 1910
Apuyotoksi trägt ein Wolfsfellkopfschmuck, 1910
Eine Frau vom Stamm der Ogalala um 1907
Eine Frau vom Stamm der Ogalala um 1907
Eine Frau vom Stamm der Ogalala um 1907
Bear Bull von den Blackfeet 1926
Bear Bull von den Blackfeet 1926
Bear Bull von den Blackfeet 1926
Foto: Northwestern University Library, Edward S. Curtis’s „The North American Indian“

Aus Interviews geht hervor, dass auch die Nachfahren der Indianer, die Curtis für The North American Indian porträtierte, seine Arbeit überwiegend positiv sehen. Curtis hat die Menschen sehr würdevoll dargestellt, sagt Beckmann. Damit standen seine Porträts im Gegensatz zu den Aufnahmen der Ethnologen seiner Zeit, deren Frontal- und Profilansichten eher an Verbrecherfotos erinnerten.

Gleichwohl schreibt Curtis mit seinen Darstellungen den Indianern auch eine Opferrolle zu. Er inszeniert sie als die letzten Überlebenden einer, wie er sagte, aussterbenden Rasse. Dieses Bild wird der Komplexität der Geschichte nur bedingt gerecht. Man darf natürlich nicht übersehen, dass neunzig Prozent der Indianer an Krankheiten gestorben sind. Man darf die ganzen Massaker nicht übersehen. Man darf den Rassismus nicht übersehen und die Diskriminierungen, sagt Heike Bungert. Aber Indianer haben immer auch versucht, Widerstand zu leisten. Auch zu Curtis Lebzeiten hätten sich wahrscheinlich viele Indianer gegen die stereotype Darstellung als Opfer der Geschichte gewehrt, vermutet die Historikerin. Damals formierte sich unter anderem die Society of American Indians (SAI), die erste gruppenübergreifende indianische Organisation ohne religiösen Unterbau. In ihr kamen vorwiegend junge Menschen mit indianischer Abstammung zusammen, die an Universitäten studiert hatten und zwischen indianischer und europäischer Kultur vermitteln wollten. Genau gegen solche einseitigen Darstellungen wie auf Curtis Bildern hat sich die SAI gewehrt, sagt Bungert. Die Organisation bemühte sich darum, Stereotypen wie dem des brutalen Kriegers, aber auch dem des edlen Wilden entgegenzutreten.


„Auf manchen der späteren Bilder lächeln die Personen in die Kamera wie auf einem Bild für das Familienalbum.“
Dennis Beckmann, Kurator der aktuellen Austellung im Stadtmuseum Duisburg


Auf den Bildern seiner letzten Reisen löste sich auch Curtis langsam von seinem Indianerideal. Gelegentlich zeigte er seine Modelle sogar in Kleidung aus synthetischen Materialien. Auch das Gesamtarrangement wurde alltäglicher. Auf manchen der späteren Bilder lächeln die Personen in die Kamera wie auf einem Bild für das Familienalbum, sagt Beckmann. Ich glaube, daran lässt sich auch ein Wandel von Fremdheit zu Vertrautheit ablesen.

Rund achtzig Indianergruppen fotografierte Curtis im Verlauf der Jahre. Ihm selbst brachte das Projekt wenig ein. Seine Ehe ging infolge seiner ständigen Reisen in die Brüche, immer wieder konnte er nur mit Mühe das Geld für weitere Expeditionen auftreiben. Im Alter zog er völlig verarmt zu seiner Tochter und deren Ehemann, wo er 1952 an einem Herzinfarkt starb.

Curtis Bilder zeigen eine Welt, die es heute nicht mehr gibt und die es auch zu seinen Zeiten vielfach schon nicht mehr so gab, wie er sie festhalten wollte. Sie mögen manch überkommenes Klischee bedienen, vom exotischen Fremden, vom heroischen Krieger oder vom stoischen Opfer. Allein durch die schiere Zahl seiner Bilder und die der von ihm besuchten Gruppen veranschaulicht Curtis aber auch die Vielseitigkeit der indianischen Kultur.

Diese ist indes keineswegs verschwunden. Knapp siebzig Jahre nach Curtis Tod identifizieren sich mehr Amerikaner denn je mit ihrer indianischen Herkunft, 2010 waren es 5,2 Millionen oder 1,7 Prozent der Bevölkerung. Den Indianer hat es nie gegeben. Die Indianer gibt es – entgegen Curtis Befürchtungen – immer noch, und es ist ihnen gelungen, ihr kulturelles Erbe zu bewahren. Viele indianische Traditionen wurden von Generation zu Generation weitergegeben und bestehen heute, integriert in die moderne Lebenswelt, fort.


Literatur: Heike Bungert: Die Indianer. Geschichte der indigenen Nationen in den USA. C. H. Beck, München 2020. Die Ausstellung:„The North American Indian – Faszination und Inszenierung in den Fotografien von Edward Curtis“ ist noch bis zum 10. Januar im Stadtmuseum Duisburg zu sehen.




Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Veröffentlicht: 06.11.2020 14:30 Uhr