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Dreißigjähriger Krieg : Das große Sterben

Das Massengrab von Lützen. Die grün markierten Körper wurden zuerst in die Grube gelegt, dann blaue und rote. Die gelben kamen am Schluss, als Letzter ein Mann mit erkennbar kürzerem Oberschenkel. Bild: Grafik Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Olaf Schröder/Stefanie Buchwald

Mit dem zweiten Prager Fenstersturz begann vor 400 Jahren für Mitteleuropa eine Katastrophe. Zeitgenössische Texte dokumentieren sie bestens. Trotzdem konnte die Archäologie in jüngster Zeit noch Neues darüber erfahren.

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          Fake News müssen sich bereits im frühen 17. Jahrhundert bevorzugt ausgebreitet haben. Wie sonst erklärt sich ein Titel wie „Warhaffte und eygentliche Relation von der blutigen Schlacht zwischen der Königl. Majestät zu Schweden und der Käyserlichen Armee den 5. und 6. Novembris deß 1632. Jahrs bey Lützen, zwo Meil wegs von Leipzig vorgangen und geschehen. Auß Erfurt vom 12. Novembris, 1632.“ Der anonyme Verfasser des so überschriebenen Berichtes, der sogenannten „Erfurter Relation“, war vermutlich Mitarbeiter der schwedischen Feldkanzlei und hatte es offenbar eilig, seinen mit dem königlichen Wappen versehenen Text weniger „warhafften“ und nicht „eygentlichen“ Beschreibungen besagter Schlacht entgegenzusetzen.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Tatsächlich gibt es zum Dreißigjährigen Krieg fast schon eine Überfülle an zeitgenössischen Schriftquellen. Denn so archaisch uns rückblickend die Kämpfe erscheinen, in denen die Soldaten teilweise noch eiserne Rüstungen trugen und mit langen Lanzen, den Piken, aufeinander losgingen – den Buchdruck gab es damals schon fast zweihundert Jahre. Außerdem sind dreißig Jahre eine lange Zeit. Sie begannen am 23. Mai 1618, als rund zweihundert Vertreter der protestantischen Stände Böhmens drei Repräsentanten des katholischen Königs im Alten Palast zu Prag aus dem Fenster warfen. Alle drei überlebten übrigens. Etwa 1,7 Millionen Soldaten und mehr als zehn Millionen Zivilisten hatten nicht so viel Glück. Die wenigsten Opfer des Dreißigjährigen Krieges fielen allerdings Waffen zum Opfer – selbst von den Soldaten starb nur etwa jeder siebte im Kampf, sondern Seuchen, Hunger und der allgemeinen Rechtlosigkeit und moralischen Verwahrlosung, in denen weite Teile des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation bis zum Westfälischen Frieden 1648 versanken.

          Bilderstrecke

          Über Details aus den vier Teilkonflikten (siehe Kasten „Abwesenheit von Frieden“) informieren uns aber nicht nur sich offiziell gebende Flugschriften wie die Erfurter Relation, sondern ein weites Spektrum an Texten. Es reicht von Originaldokumenten wie der Depesche des kaiserlichen Feldherrn Albrecht von Wallenstein an den vor Lützen getöteten Feldmarschall Pappenheim, dessen Blut das Papier durchtränkt hat, bis zu literarischen Verarbeitungen wie dem „Simplicissimus“ des Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen. Und es gibt persönliche Aufzeichnungen wie die Kriegserinnerungen des Söldners Peter Hagendorf, die erst 1988 entdeckt wurden.

          Aber da sind auch noch unmittelbare Spuren des Desasters: Überreste von Menschen und Material in den Böden einstiger Lager und Kampfplätze. Deren wissenschaftliche Untersuchung, die Schlachtfeldarchäologie, hat in jüngerer Zeit zu drei Schlachten des Dreißigjährigen Krieges neue Daten zutage gefördert: die 1636 geschlagene Schlacht bei Wittstock an der Dosse im Brandenburg, an der auch Grimmelshausens Romanheld teilnimmt, um die bei Alerheim in bayerisch Schwaben 1645 und um die „blutige Schlacht bey Lützen“ im Jahr 1632.

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