https://www.faz.net/-gwz-9abgo

Dreißigjähriger Krieg : Das große Sterben

Multiethnische Musketiere

Denn auch über die Herkunft der Männer können die Knochen Auskunft geben. Stabile Isotope des Elementes Strontium werden dem heranwachsenden Skelett in einem Verhältnis eingelagert, das von geologischen Gegebenheiten zu Kindheitstagen bestimmt wird. Sauerstoff-Isotope geben Aufschluss darüber, in wie kühler oder warmer Umgebung oder in welcher Höhenlange jemand aufgewachsen ist. Mittels dieser beiden Werte bekamen die Archäologen heraus, dass ein Viertel der Wittstocker Toten mit Sicherheit auf schwedischer Seite kämpfte, denn die Hälfte kam aus Schweden, Finnland oder dem damals schwedischen Lettland, die andere Hälfte waren Schotten. Unter denen, deren Isotopenwerte nicht ganz so eindeutig sind, könnten weitere 32 aus Schottland stammen.

Von den Lützener Infanteristen der „Blauen Brigade“ waren die meisten keine echten Schweden. Bei der Hälfte von ihnen ist eine skandinavische Herkunft fast auszuschließen, nur bei einem ist sie sicher. Die meisten waren sehr wahrscheinlich Deutsche. Anders als völkisch gesinnte Gustav-Adolf-Fans es sich vielleicht vorstellen, hätte der Schwedenkönig die Truppen für seine Feldzüge durch die deutschen Territorien unmöglich alle in seiner Heimat rekrutieren können. Schweden hatte damals kaum mehr als eine Million Einwohner, sein König aber im Jahr vor der Schlacht von Lützen um die 80000 Mann unter seinem Kommando. Schwedische Untertanen stellten in der Kavallerie gerade mal ein Viertel der Soldaten, bei den Fußtruppen weniger als ein Zehntel. Nicht nur die Truppen des über einen Vielvölkerstaat gebietenden Kaisers glichen also einem multiethnischen Haufen – die seiner protestantischen Gegner ebenfalls. Hier sprechen Isotopen-Analysen und Schriftquellen dieselbe Sprache.

Sehen so Sieger aus?

Etwas anders sieht es bei der Frage aus, inwieweit man bei Lützen von einem schwedischen Sieg sprechen kann, so wie es die Erfurter Relation und eine bis ins 19. Jahrhundert reichende historiographische Tradition tat. Formal hatten die Schweden gewonnen, da Wallenstein den kaiserlichen Truppen den Rückzug befohlen hatte und die meisten seiner Kanonen zurücklassen musste. Doch nimmt man den Befund des Massengrabes ernst, ergibt sich ein verstörenderes Bild: Anders als vier Jahre später in Wittstock waren die schwedischen Einheiten in Lützen nicht einmal mehr imstande, ihre eigenen Toten zu bestatten.

Lokale zivile Stellen mussten das organisieren. Ausgeführt haben es am Ende vermutlich Angehörige der unter dem Krieg am meisten leidenden Landbevölkerung und die nahmen jedem Toten auch noch das letzte Hemd, bevor sie die nackten Leiber in die Grube zerrten. Ob Absicht oder nicht, den beiden zuoberst breiteten sie dabei die Arme aus. Und einer – es ist ausgerechnet der kaiserliche Kavallerist mit dem verkürzten Bein – liegt auf dem Rücken, wie drapiert zum Zeichen eines Kreuzes.

Literatur: Thomas Brock, „Archäologie des Krieges. Die Schlachtfelder der deutschen Geschichte“. Philipp von Zabern WBG, Darmstadt 2015. Harald Meller, Michael Schefzik (Hrsg.), „Krieg. Eine archäologische Spurensuche“, Begleitbuch zur Sonderausstellung 6.11.2015 bis 22.5.2016 im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle. Sabine Eickhoff und Franz Schopper (Hrsg.), „1636 – Ihre letzte Schlacht. Leben im Dreißigjährigen Krieg“, Theiss Verlag und Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege 2012.

Abwesenheit von Frieden: Die vier Phasen des Dreißigjährigen Krieges

Der Böhmisch-Pfälzische Krieg begann mit dem Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618 und der faktischen Entmachtung des katholischen böhmischen Königs Ferdinand von Habsburg. Der calvinistische Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz wurde Gegenkönig, doch Ferdinand wurde 1619 Kaiser und marschierte in Böhmen ein. Die Protestanten wehrten sich noch bis 1623, unterlagen dann aber dem kaiserlichen Heer. Damit hätte der Krieg zu Ende sein können.


Doch 1625 griff Christian IV. von Dänemark in die Konflikte im Reich ein. Im Dänisch-Niedersächsischen Krieg unterlagen seine Truppen und die seiner protestantischen Verbündeten aber 1629. Norddeutschland geriet unter direkte Kontrolle des Habsburgers


Das sah der Schwedenkönig Gustav II. Adolf gar nicht gerne und landete 1630 mit einer Streitmacht auf Usedom.Der Schwedische Krieg endete aber nicht mit dem Tod Gustav Adolfs vor Lützen, sondern erst 1635 nach der schwedischen Niederlage bei Nördlingen. Wieder hätte es eine Chance zum Frieden gegeben, aber nun neidete das eigentlich katholische Frankreich dem Haus Habsburg die Vorherrschaft im Reich. Im Bündnis mit Schweden hatte Frankreich damit am Ende Erfolg. Allerdings verlängerte der Schwedisch-Französische Krieg die Tragödie um weitere dreizehn Jahre.

Weitere Themen

Topmeldungen

Rätselraten um Tennis-Star : Was ist mit Alexander Zverev los?

Wie ein Stromausfall: Alexander Zverev scheidet bei den Australian Open bereits im Achtelfinale aus. Sein kraftloser Auftritt wirft Fragen auf, die auch er selbst nicht beantworten kann.
„Eine Impfplicht für Risikogruppen wäre ein guter Kompromiss“: Cihan Çelik im September auf der Corona-Isolierstation im Klinikum Darmstadt

Lungenarzt Cihan Çelik : „Es gibt kein Durchatmen“

Cihan Çelik behandelt weiter Covid-Kranke – und hält mittlerweile eine Impfpflicht für Risikogruppen für einen guten Kompromiss. Ein Interview über Omikron, die Endemie und das Zögern der Ständigen Impfkommission.