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Dreißigjähriger Krieg : Das große Sterben

Drei Massengräber

Öffentlichkeitswirksamer, aber auch wissenschaftlich oft aufschlussreich sind Funde menschlicher Überreste. Massengräber wurden auf den Schlachtfeldern von Alerheim, Wittstock und Lützen gefunden. Letzteres enthielt 47 gut erhaltene Skelette, die im November 2011 samt dem umgebenden Erdreich in einer spektakulären Blockbergung ins Landesmuseum nach Halle gebracht, dort umfassend untersucht und schließlich Mittelpunkt einer Sonderausstellung wurden. Hinzu kommen mehrere Skelettfunde jeweils weniger Individuen, die wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem Kriegsgeschehen zwischen 1618 und 1648 stehen, darunter Gräber von 21 Personen auf dem Areal eines schwedischen Feldlagers von Latdorf in Sachsen-Anhalt.

Diese Funde zeigen die ganze Bandbreite des damaligen Umgangs mit den Toten. Die 21 Bestatteten von Latdorf waren zwar notdürftig, doch mit einem gewissen Maß an Pietät unter die Erde gekommen, nämlich ordentlich bekleidet. An den 88 Skeletten von Wittstock dagegen fanden sich nur in wenigen Fällen Knöpfe und Ösen, die auf Oberbekleidung schließen lassen. Die meisten waren offenbar gleich nach der Schlacht bis auf die Unterwäsche ausgeraubt worden. In vier Lagen übereinander lagen sie dort wenigstens in Reih und Glied, was vermuten lässt, dass die Totengräber Soldaten waren, vermutlich Angehörige der bei Wittstock siegreichen schwedischen Verbände. In Alerheim wiederum waren die französischen, Weimarer und hessischen Truppen nach ihrem Sieg über die kaiserlichen Bayern längst abgezogen, als sich zwei Monate später jemand fand, der die insgesamt 1900 halbverwesten Leichen verscharrte.

Die Not in den Knochen

In den drei Massengräbern lagen ausschließlich junge Männer. Viele waren unter 20, nur wenige über 40. In Alerheim war der Anteil der unter Zwanzigjährigen viel höher als in Lützen und Wittstock. Das ist kaum verwunderlich, denn 1645 tobten die Kämpfe schon mehr als zwei Jahrzehnte, in denen immer jüngere Leute ausgehoben wurden oder sich aus blanker Not einer Armee anschlossen.

Die Soldaten in Lützen wie in Wittstock unterschieden sich hinsichtlich ihrer Körpergröße nicht signifikant von der allgemeinen Bevölkerung. Auch hatten gut 70 Prozent als Kinder Hunger oder andere Not gelitten, wie Defekte in der Bildung ihres Zahnschmelzes erkennen lassen. Das erlebten sie in der Regel noch vor 1618, was zeigt, dass auch Friedenszeiten damals nicht leicht waren. Tatsächlich begann kurz vor 1600 der Höhepunkt der sogenannten Kleinen Eiszeit, eine kühlere Klimaphase mit Missernten und besonders harten Wintern. Obendrein hatte schon vor Kriegsbeginn eine Geldentwertung eingesetzt, die „Kipper- und Wipperzeit“. Dahinter steckte unter anderem die Prägung von Kleingeld mit einem in Relation zum Reichstaler verminderten Silbergehalt durch verschiedene Landesherrn – unter Verstoß gegen die Reichsmünzordnung. Der Zerfall des Reiches in selbstsüchtige Territorialstaaten war auch hier die Geißel der Zeit.

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