https://www.faz.net/-gwz-9abgo

Dreißigjähriger Krieg : Das große Sterben

Damals schon gab es eine Medialisierung des Krieges

Die Schlacht bei Lützen war vielleicht die folgenreichste des Krieges. Damals traten 18 000 Mann unter schwedischer Führung gegen die ähnlich starke Armee Wallensteins an. Die Schweden erlitten die größeren Verluste – vielleicht nicht hinsichtlich ihres Anteils an den 6000 bis 9000 Gefallenen, über den verschiedene Zahlen kursieren, aber wohl durch den Tod ihres Königs Gustav II. Adolf, den energischen Anführer der protestantischen Seite, der, hätte er überlebt, den Krieg möglicherweise bis nach Wien vor die Haustür des Kaisers getragen hätte.

Gustav Adolfs wegen ist der Dreißigjährige Krieg für manche Schweden bis heute eine große Epoche ihrer Nation. Und Lützen gilt seit der medial enorm einflussreichen Erfurter Relation als ein schwedischer Sieg, den manche Details noch strahlender machten. So zeigt etwa der unten wiedergegebene Stich die in der Relation erwähnten Schützengräben, welche Wallenstein beiderseits der Straße nach Leipzig habe anlegen und mit Musketieren bemannen lassen. Diese Gräben hätten Soldaten des Schwedenkönigs erst in hartem Kampf überwinden müssen. Zwei Stunden später, nachdem Feldmarschall Pappenheim die Kaiserlichen verstärkt hatte, starb Gustav II. Adolf. Wo man seine Leiche fand, werden bis heute Gedenkfeiern abgehalten.

Bleikugel-Statistik

Erst im Jahr 2006 begann man sich den Ort archäologisch anzusehen. Fünf Jahre lang wurde ein Drittel des Lützener Schlachtfeldes im Auftrag des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt prospektiert. Diese bisher umfangreichste Untersuchung eines Schlachtfeldes brachte rund elftausend Einzelfunde ans Licht. Allerdings keine Schwerter, Helme oder Feuerwaffen – dergleichen war gleich nach der Schlacht ebenso eingesammelt oder geplündert worden wie Schuhe und Oberbekleidung der Gefallenen. Doch abgerissene Knöpfe oder Schnallen, Münzen oder Munitionsreste sind, wenn sie sorgfältig kartiert werden, für moderne Archäologen oft nicht weniger interessant. Auch in Wittstock wurde die Walstatt von 1636 seit 2009 systematisch abgesucht.

Schon aufgrund ihrer schieren Menge gehören Bleigeschosse zu den aufschlussreichsten dieser Kleinfunde. Sie stammen aus Pistolen, Karabinern – das sind kurze Vorderladergewehre der Reiterei – oder Musketen und erlauben statistische Aussagen, etwa darüber, wo sich welche Art von Kampfgeschehen verdichtet hatte. In Wittstock wurden etwa 900 solcher Bleikugeln gefunden, in Lützen rund 2700. Doch mitunter passen die Kugelstatistiken nicht zum überlieferten Bild des Schlachtgeschehens. So war man zuvor davon ausgegangen, die Schweden hätten sich in Lützen nicht zuletzt aufgrund ihrer neuen Musketen behaupten können. Diese wogen nämlich nur etwas mehr als die Hälfte der bis dato üblichen mehr als sieben Kilo schweren Ungetüme und konnten ohne stützende Gabel abgefeuert werden. Doch wie die Projektilfunde zeigten, schossen in Lützen beide Armeen überwiegend mit Musketen alten Typs. Höchstens jeder zehnte schwedische Musketier war mit der neuen Feuerwaffe ausgerüstet. Und von Wallensteins Schützengräben, welche die Schweden angeblich erst heldenhaft hätten überwinden müssen, fand sich keine Spur.

Weitere Themen

Das Wundermittel für Diabetiker

FAZ Plus Artikel: 100 Jahre Insulin : Das Wundermittel für Diabetiker

Als die Insulin-Therapie vor hundert Jahren erfunden wurde, sprachen viele von Magie: Seither rettete das Hormon Millionen Menschen. Dennoch haben viele Diabetiker haben keinen Zugang zur lebensrettenden Arznei. Was bringt die Zukunft?

Topmeldungen

Ventil eines Großkonflikts: Stück einer russischen Gaspipeline bei Boyarka bei Kiew

Sanktionen gegen Russland? : Erdgas-Alarm wegen Putins Aufmarsch

Im Konflikt mit Russland um die Ukraine rechnen deutsche Politiker mit Lieferausfällen bei russischem Gas. Fachleute sagen: Europa kann sich Ersatz schaffen. Es könnte allerdings teuer werden.