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Cheops-Pyramide : Die kosmische Kammer

„Wir wussten sofort: Da ist etwas Großes“

„Wir waren sehr überrascht, als die Myonen-Radiographie eine dicke Linie parallel zur Großen Galerie zeigte“, sagt Mehdi Tayoubi von der Software-Firma Dassault Systèmes, der Kodirektor des Projekts. Es habe sich ein Myonenüberschuss gezeigt, sehr ähnlich dem, den die Große Galerie selbst verursacht. Seine Ursache liege dabei ein ganzes Stück höher als jene Galerie, ansonsten müsse es sich aber um einen Hohlraum ähnlicher räumlicher Dimensionen handeln. „Wir wussten sofort: Da ist was Großes.“

Drei verschiedene Detektoren liefern das selbe Bild

Zu groß und zu sensationell, um damit allein aufgrund eines einzigen Datensatzes an die Öffentlichkeit zu gehen. Aber man hatte noch weitere Myonendetektoren in Stellung bringen können, die auf jeweils völlig verschiedenen Technologien beruhen und dennoch den Befund der Platten aus Nagoya auf ganzer Linie bestätigten. Eines dieser beiden zusätzlichen Detekorsysteme wurde ebenfalls in der Königinnenkammer plaziert. Das andere arbeitet mit erstickendem Argongas und durfte daher aus Sicherheitsgründen nicht im Inneren der Pyramide betrieben werden. Es konnte nur von außen auf den Bau schauen. Trotzdem sah man auch damit den gleichen riesigen Hohlraum oberhalb der Großen Galerie.

Warum also ist Zahi Hawass noch nicht überzeugt? Er wendet ein, dass die Steine, aus denen das Pyramideninnere aufgeschichtet wurde, alle möglichen Größen hatten. Irregularitäten und auch Lücken seien daher überall in dem Bau zu erwarten. „So einen Hohlraum kann man nicht als Irregularität auffassen, die sich beim Bau zufällig ergeben hat“, widerspricht Hany Helal von der Universität Kairo, der andere Kodirektor von Scan Pyramids. „Vom Standpunkt des Ingenieurs aus gesehen, ist da definitiv eine Aussparung“, sagt er. Wozu Cheops’ Baumeister sie hatten anlegen lassen, dazu würde sein Team keine Hypothesen aufstellen. Darüber mögen sich jetzt die Ägyptologen den Kopf zerbrechen.

„Bei den alten Ägyptern ist alles denkbar“

Die haben damit natürlich schon angefangen. „Um eine weitere Grabkammer wird es sich nicht handeln“, sagt der Bauforscher Felix Arnold vom deutschen Archäologischen Institut in Madrid, der auch viel an Pyramiden geforscht hat. „Obwohl natürlich bei den alten Ägyptern alles denkbar ist – etwa für die Bestattung eines weiteren Sonnenschiffes. Es spricht aber alles dafür, dass es sich um eine bislang nicht bekannte Entlastungskammer über der Großen Galerie handelt, vergleichbar den Entlastungskammern über der königlichen Grabkammer. Überraschend wäre das nicht.“

Bislang reichen die Daten allerdings nicht aus, um zu entscheiden, ob die Struktur wie die Galerie geneigt verläuft oder aber waagrecht. Man weiß nicht einmal, ob es sich um eine einzige, dann mindestens 30 Meter lange Halle oder um einen Komplex aus mehreren kleineren Räumen handelt. „Aus der Perspektive des Ingenieurs gibt es keinen Grund, die Große Galerie durch so einen riesigen Hohlraum statisch zu entlasten“, sagt Helal. Felix Arnold will da gar nicht widersprechen. „Statisch oder konstruktiv erforderlich wäre eine solche Kammer nicht, aber das war den Baumeistern nicht unbedingt bewusst.“

Rein kommt da in absehbarer Zeit niemand

Auch bei dem 2016 entdeckten Hohlraum hinter den Chevrons vermutet Arnold eine Entlastungskammer. Eine Verbindung zwischen diesem Raum und dem über der Galerie wäre dann wenig wahrscheinlich und damit auch, dass Letzterer in absehbarer Zeit direkt erforscht werden kann. Denn wenn es eine Begehung gibt – und sei es eine mit kleinen Robotern, die man durch Bohrungen schicken kann –, dann würde die sicher bei den Chevrons beginnen, glaubt Mehdi Tayoubi. „Eine gezielte Begehung des großen Hohlraums über der Galerie ist im Moment schwer vorstellbar.“

Ohnehin muss erst einmal die Hohlraumfrage im Grab des Tutanchamun geklärt werden. Zwei Radaruntersuchungen hat es dazu im Tal der Könige bisher gegeben, eine sah verborgene Kammern, die andere nicht. Für den laufenden Herbst war eigentlich eine dritte geplant, um die Frage zu entscheiden. Da diese Grabanlage unterirdisch ist, helfen Myonen hier leider nicht weiter.

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