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Interview mit Salvatore Ortisi : Es spricht alles für die Varusschlacht

Sorgt für Forschungsdiskussionen: die Rekonstruktion des sogenannten „Germanenwalls“ in Kalkriese Bild: Picture-Alliance

In Kalkriese hat wohl eine der spektakulärsten Schlachten der Antike getobt. Ständig bringen Ausgrabungen neue Überraschungen ans Licht. Ein Interview mit dem Archäologen Salvatore Ortisi.

          11 Min.

          Warum ist die Frage nach dem Ort der Varusschlacht eigentlich so wichtig?

          Uwe Ebbinghaus
          Redakteur im Feuilleton.

          Ich denke, diese Frage ist deshalb für viele so wichtig, weil man geschichtliche Ereignisse mit ganz konkreten Orten in Verbindung bringen möchte. Die Suche nach sagenhaften Plätzen beginnt schon im Mittelalter. Hier wurde bereits versucht, Orte, die man aus der römischen Literatur kannte oder gerade kennen gelernt hatte, im Gelände zu lokalisieren.

          Welcher Ort wäre im Umfeld der Varusschlacht, an der drei Legionen beteiligt waren und die sich über mehrere Quadratkilometer hingezogen haben muss, von besonderem Interesse?

          Ich denke, es wäre vermessen, den Ort finden zu wollen, an dem Varus sich in sein Schwert stürzte. Da sind wir in der Forschung auch schon weiter. Mittlerweile ist es allgemein akzeptiert, dass wir von einem großen Kriegsgeschehen ausgehen müssen. Auch aus römischer Sicht handelte es sich um den „Varianischen Krieg“ und nicht um die „Varianische Schlacht“. Man ging aus von einem großen Aufstand in Germanien, bei dem die Armee des Varus letztlich untergegangen ist. Am Wahrscheinlichsten ist wohl die Annahme, dass sich die römische Armee, bestehend aus drei Legionen, in mehreren Kolonnen durch das Gelände bewegt hat, bevor dann eine nach der anderen – sicher an unterschiedlichen Orten zu unterschiedlichen Zeiten – aufgerieben wurde. Ob die drei Legionen im Jahr neun nach Christus in voller Stärke ausrückten, ist eine offene Frage. Möglicherweise waren es auch nur Teile der Germanien-Armee, die mit Varus unterwegs waren – sobald der Legionsadler mitgeführt wird, sprechen die Römer gerne schon von einer Legion. In jedem Fall waren es mehrere Orte, die in der Varus-Katastrophe eine Rolle spielten. Und es gibt gute Indizien dafür, dass im Raum Kalkriese eine relativ prominente römische Armee unterwegs war.

          Was sagen die Quellen über das Schlachtgeschehen? Geben sie aus Ihrer Sicht ein klares Bild wieder?

          Salvatore Ortisi lehrt am Institut für Provinzialrömische Archäologie der Ludwig-Maximilians-Universität München, bis 2020 war er Leiter der Wissenschaftsabteilung am Museum und Park Kalkriese
          Salvatore Ortisi lehrt am Institut für Provinzialrömische Archäologie der Ludwig-Maximilians-Universität München, bis 2020 war er Leiter der Wissenschaftsabteilung am Museum und Park Kalkriese : Bild: privat

          Die Quellen klingen plausibel. Es sind einige Stereotypen im Spiel, die bei solchen militärischen Katastrophen häufig vorkommen: schlechtes Wetter, ungünstiges Gelände. Insgesamt ergibt sich aber ein schlüssiges Bild von einer Armee, die sich auf dem Rückmarsch von ihrem Sommerlager befindet und durch ständige guerilla-artige Angriffe zunehmend demoralisiert und dezimiert wird, bevor sie sich in wilder Flucht auflöst. Das Bild, das in den Quellen überliefert wird, ist aber nicht so detailgenau, dass wir allein aus der Beschreibung heraus sicher sagen könnten, wo die letzten Akte dieses Untergangs gespielt haben.

          Wie groß ist das Gebiet, das letztlich für die kriegerische Auseinandersetzung zwischen Varus und den germanischen Stämmen in Frage kommt?

          Wir sprechen ganz grob von einem Raum zwischen Weser und Rhein, dem Gebiet des germanischen Stamms der Cherusker und ihrer Nachbarn. Kalkriese markiert letztlich schon den nördlichsten Punkt dieser Region. Es ist aber durchaus möglich, dass sich einige Legionen weiter südlich durchs Gebirge bewegt haben. Das ist sogar recht wahrscheinlich. Ein Kollege, Bert Wiegel, hat sich mit den Bewegungen neuzeitlicher Armeen im norddeutschen Raum beschäftigt. Dabei zeigte sich, dass sich Armeen meist in denselben Korridoren von Ost nach West bewegt haben. Auch die großen Schlachten finden oft in ähnlich gearteten Regionen statt. Die Topographie gibt mehr oder weniger vor, wo eine größere Armee mit Wägen, Tross und Begleitung überhaupt durchkommt. Die Vermutung, dass die Römer unter Varus die gleichen Wege genommen haben wie die Truppen im dreißigjährigen Krieg oder in den Napoleonischen Kriegen, ist recht naheliegend.

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