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Moderne Geschichtsforschung : Auf den genetischen Spuren der Völkerwanderung

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Was für Hypothesen kann die neue Forschung dann aufstellen? Geary erläuterte seine eigene Studie zu Grabfeldern in Westungarn und im Piemont. Die Textquellen schreiben, um das Jahr 568 seien Langobarden in Gruppen nach Italien gezogen. Doch lassen uns die Schriften im Unklaren darüber, ob mit diesen „fara“ genannten Einheiten nur Kriegertruppen oder ganze Familienverbände gemeint waren. Die Befunde jener Studie zeigen laut Geary, dass beide Antworten zugleich richtig sein könnten, aber auch falsch: Es fanden sich tatsächlich enge Verwandtschaftsgruppen in den norditalienischen Gräbern, bei denen sowohl Isotopen- wie DNA-Analyse auf eine landfremde Herkunft hinwiesen, während ihre Ausstattung einen privilegierten Status nahelegt. Es handelte sich aber ausschließlich um Männer, während die dort ebenfalls zahlreich bestatteten Frauen nicht mit diesen verwandt waren, zudem weniger privilegiert und abgetrennt plaziert. Wanderten die Langobarden also in Militäreinheiten, die zugleich Verwandtenverbände waren? Doch ließen sie ihre Frauen dabei einfach zurück und nahmen sich dann neue, die eher so etwas wie ihre Sklavinnen waren?

Auf den Kontext kommt es an

Obwohl eine solche neue Hypothese zur „fara“ faszinieren muss, warnte Geary davor, sie nun für validiert oder gar für verallgemeinerbar zu halten. Es gehe nur um wenige untersuchte Bestattungen, und ohnehin könne niemand wissen, ob diese Leute Langobarden gewesen seien oder ob sie sich ethnisch ganz anders zugeordnet hätten. Erst die sorgfältige Untersuchung vieler Grabfelder in ihrer jeweiligen Gesamtheit und mit einer wirklich multidisziplinären Methode, wie von HistoGenes vorgesehen, werde etwas mehr Gewissheit über die Wanderungsmuster bringen. Sicher seien nicht alle Migrationen gleich verlaufen.

Römische Goldsolidi aus der Zeit um 450 nach Christus, die in der Nähe von Groß Labenz im Landkreis Nordwestmecklenburg gefunden wurden. Der Goldfund bringt einen Lichtstrahl in das bislang als dunkel geltende Zeitalter der Völkerwanderung.
Römische Goldsolidi aus der Zeit um 450 nach Christus, die in der Nähe von Groß Labenz im Landkreis Nordwestmecklenburg gefunden wurden. Der Goldfund bringt einen Lichtstrahl in das bislang als dunkel geltende Zeitalter der Völkerwanderung. : Bild: ZB, dpa

In Anbetracht der großen Naivität gegenüber Daten aus dem Erbgut, wie sie in Nonsens-Aussagen à la „DNA lügt nicht“ zum Ausdruck kommt, verlangte Geary mehr Selbstreflexion. Hüten müsse man sich vor Kategorienfehlern durch den Abgleich alter DNA mit Datenbanken, die auf Samples heutiger Bevölkerungen beruhen. Missverständnisse könne auch die grafische Darstellung statistischer Ergebnisse begünstigen. Gearys Fazit: Genetische Daten können erst dann historisch aussagekräftig werden, wenn Teams von breit ausgebildeten Geistes- und Naturwissenschaftlern sie im Kontext auswerten.

So recht der interdisziplinäre Pionier aus den Vereinigten Staaten mit dieser Folgerung hat, so schlecht ist die deutsche Forschungslandschaft aufgestellt. Während sich in Österreich namhafte Mediävisten wie Walter Pohl (Wien) an HistoGenes beteiligen, gibt es von Seiten der Geschichtswissenschaft hierzulande noch kaum eine Reaktion auf die „Genetic History“, die über reflexive Abwehr hinausgeht. Anders als für Klima- und Umweltgeschichte entstehen keine Kompetenzzentren und Publikationsforen. Gegenüber der erwähnten internationalen Spitzenstellung deutscher Gen-Labore in der historischen DNA-Analyse, besonders des an HistoGenes beteiligten Jenaer MPI für Menschheitsgeschichte, besteht ein peinliches Missverhältnis. Es bleibt nur zu hoffen, dass Gearys nachdrückliches Berliner Plädoyer für ein kritisches Engagement nicht verhallt.

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