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Archäologie : Der Reiseproviant der Globalisierer

  • -Aktualisiert am

Ausgrabungen an der archäologischen Stätte Tashbulak in Usbekistan. Hier führte die alte Seidenstraße entlang. Bild: Robert Spengler

Auch die Globalisierung hat irgendwann mal angefangen. Auf der Seidenstraße und entlang der Wikingerrouten hat man viele Belege entdeckt. Ein Blick in die Obstkörbe der Handelsreisenden.

          6 Min.

          Die „Neue Seidenstraße“, mit diesem Schlagwort propagiert China derzeit seine ökonomische Expansion über Zentralasien nach Westen. Vielleicht ein geschickter Schachzug, denn dieser Begriff weckt verheißungsvolle Assoziationen und weckt Erinnerungen. Schließlich hatte das Seidenstraße genannte Wegenetz, das sich von China bis nach Europa erstreckte, einst vielerorts Reichtum gebracht. Städte und Regionen entlang der Route profitierten nicht nur davon, dass viele Waren unterwegs mehrfach ihren Besitzer wechselten. Die Karawanen mussten auch versorgt werden. Mit ihren Lasttieren transportierten die Händler Luxusgüter wie Seidenstoffe und Keramik aus China oder Gold und Glas aus dem Mittelmeerraum. Sie hatten oft aber auch große Mengen Lebensmittel in ihrem Gepäck, teils als Handelsware, teils als Reiseproviant. Kein Wunder also, dass sich über die Seidenstraße diverse Nutzpflanzen ausbreiten konnten, von Osten nach Westen ebenso wie in umgekehrter Richtung.

          Wie reichhaltig im mittelalterlichen Zentralasien die Obstkörbe gefüllt waren, zeigt die archäologische Grabungsstätte Tashbulak im Nordosten von Usbekistan. Am Rand des Pamir-Gebirges, rund 2200 Meter über dem Meeresspiegel, existierte dort im Mittelalter eine Stadt mit Zitadelle, erbaut von Nomaden. Welche Rolle sie im sozioökonomischen Kontext der Viehzüchter spielte, ist zwar noch immer ungeklärt. Ein internationales Projekt (Archaeological Research of the Qarakhanids) hat aber bereits eine Fülle von Funden zutage gefördert. Unter anderem aus einer Mülldeponie, die ungefähr von 800 bis 1100 n. Chr. benutzt wurde, kamen Objekte aus Metall, Glas- und Tonscherben zum Vorschein. Aber auch mehr als sechstausend identifizierbare Pflanzenteile, vermutlich oft Abfall von einem Marktplatz.

          Robert Spengler hat dieses archäobotanische Ensemble ans Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena geholt, um es dort zu katalogisieren und dauerhaft aufzubewahren. Gemeinsam mit Wissenschaftlern um Farhod Maksudov vom Institut für Archäologie in Taschkent, Elissa Bullion von der Washington University in St. Louis, Missouri und Taylor Hermes von der Universität in Kiel hat er verkohlte Überreste von Früchten und Nüssen bereits genauer unter die Lupe genommen. Der lokale Markt, so stellte sich heraus, bot damals etliches, was vor Ort nicht gedeihen konnte. Diese Ware muss im milden Klima tieferer Lagen gereift sein, etwa rund um Oasenstädte wie Buchara und Samarkand. Direkt an der Seidenstraße hatten die Obstbauern stets Abnehmer für die Früchte ihrer Arbeit.

          Goldene Köstlichkeiten aus Samarkand

          Mehrere Traubenkerne und eine ganze verkohlte Weinbeere zeugen zum Beispiel von Weinbau, wofür das Klima in der Gegend von Tashbulak sicher zu rauh war. Ursprünglich im östlichen Mittelmeergebiet oder im westlichen Asien gezüchtet, wurden Weintrauben auch in Zentralasien nicht bloß als frisches Obst geschätzt oder in getrockneter Form als Rosinen. Wie historische Quellen bezeugen, war Wein in der Region von Westchina ein beliebtes Getränk. Vor allem seit im siebten Jahrhundert auch Einwanderer über die Seidenstraße kamen, die neue Sorten mitbrachten. Muslim zu werden war später offenbar noch lange kein Grund, die Trinkgewohnheiten zu ändern.

          Ausgrabungsstelle in Tashbulak in Usbekistan. Die Forscher um Robert Spengler mussten zum Teil nur 30 Zentimeter tief graben, um auf ihre Funde zu stoßen. Bilderstrecke

          Auch die Pfirsiche, deren Kerne in der Grabungsstätte Tashbulak gefunden wurden, konnten nur in Tallagen gedeihen. Ursprünglich stammt dieses Obst wohl aus dem Mündungsgebiet des Jangtze. Pfirsichbäume wuchsen dort wild, wurden aber seit mindestens 7500 Jahren auch durch Züchtung optimiert. So berichten Yunfei Zheng vom Zhejiang Provincial Institute of Relics and Archaeology in Hangzhou und Gary Crawford von der University of Toronto in der Online-Zeitschrift „Plos One“. Als dann der Handel auf der Seidenstraße florierte, wurden die süßen Früchte mit der sprichwörtlich zarten Haut bald auch westlich von China bekannt. Im Mittelmeerraum gibt es erste Nachweise aus der späten Antike.

          Besonders berühmt für den Anbau von Pfirsichen war jedoch der Rand des Pamir-Gebirges: Die „Goldenen Pfirsiche von Samarkand“ schienen im siebten Jahrhundert sogar köstlich und kostbar genug, um sie dem Kaiser von China als Präsent zu schicken. Melonen wachsen ebenfalls nur da, wo der Sommer stets lang und warm ist und keine Spätfröste drohen. An dem Abschnitt der Seidenstraße, der durch Zentralasien führt, hat die Asiatische Melone (Cucumis melo ssp. inodorus) eine lange Tradition. In historischer Zeit wuchsen dort aber auch andere Vertreter der Gattung Cucumis, darunter die Cantaloupe-Melone (Cucumis melo ssp. cantalupensis) und die Gurke (Cucumis sativus). Wo erstmals Melonen gezüchtet wurden, bleibt eine schwierige Frage. Archäologische Funde machen sich rar, und genetische Studien geben keine eindeutige Antwort. Von welcher Cucumis-Variante die sechs Melonenkerne aus der Grabungsstätte Tashbulak stammen, lässt sich ebenfalls nicht klären.

          Pistazien und Apfelkerne aus der Region

          Die dort entdeckten Pistazien sind eindeutig regionaler Herkunft: Alle Züchtungen stammen von der Spezies Pistacia vera ab, die seit je in Zentralasien am Fuß der hohen Gebirge wächst. In Südeuropa ist sie erst später heimisch geworden. Die Walnuss (Juglans regia) ist dagegen von Natur aus weit verbreitet, von Südosteuropa bis zu den Berghängen Zentralasiens. Genetische Untersuchungen deuten darauf hin, dass sich die ursprünglich separaten Populationen mit der Zeit mehr und mehr vermischt haben. Kein Wunder, denn Nüsse waren als Reiseproviant oder Handelsware oft weit unterwegs. Die zahlreichen in Tashbulak ausgegrabenen Walnüsse können aber in der näheren Umgebung gewachsen sein, entweder in Kultur oder wild im Wald.

          Komplizierter wird es bei den Äpfeln, deren Kerne bei den Ausgrabungen aufgetaucht sind. Genetische Analysen haben Wildäpfel der Spezies Malus sieversii aus dem südöstlichen Kasachstan als Urahnen der Kulturform identifiziert. Dennoch war die Seidenstraße im Spiel, als sich eine Fülle großfrüchtiger, süßer Apfelsorten entwickelt hat: Nachdem die ersten Apfelbäume in Zentralasien gezüchtet worden waren, konnten sich Reisende dort mit diesem Obst eindecken. Wenn dann anderenorts aus den Apfelkernen neue Bäume heranwuchsen, knüpften die Bienen mitunter folgenreiche Kontakte: Falls sie die Blüten mit Pollen einheimischer Wildäpfeln bestäubten, konnte in Sibirien gemeinsamer Nachwuchs mit Malus baccata entstehen, im Kaukasus mit Malus orientalis und in Europa mit Malus sylvestris. Dass solche Hybridisierung das genetische Inventar vergrößerte, war wohl eine gute Basis, um durch gezielte Auslese neue Sorten zu züchten. Ob die in Tashbulak gefundenen Apfelkerne von Wildäpfeln stammen oder von kultivierten Obstbäumen, bleibt freilich ungeklärt. Es ist nicht einmal ganz sicher, ob es sich überhaupt um Apfelkerne handelt.

          Der Warenkorb der Nordmänner

          Im Gegensatz zu den Anliegern der Seidenstraße hatten die Nordmänner in Grönland ein recht übersichtliches Sortiment von Waren im Angebot. Sie exportierten hauptsächlich Felle. Im zwöften Jahrhundert, mehr als zweihundert Jahre nach Ankunft der skandinavischen Siedler, wurden allerdings die Stoßzähne von Walrossen zu einem Verkaufsschlager. Dieses Elfenbein diente schon früher für kunstvolle Schnitzarbeiten. Als die Nachfrage dann rapide zunahm, waren die riesigen Robben an Islands Küsten bereits nahezu ausgerottet. Vermutlich konnten die Grönländer deshalb in eine Marktlücke stoßen. Dass sie gut zweihundert Jahre lang den europäischen Elfenbeinmarkt beherrschten, berichten Wissenschaftler um Bastiaan Star von der Universität Oslo und James Barrett von der University of Cambridge in den „Proceedings of the Royal Society B“. Mit genetischen Analysen hatten sie entdeckt, dass sich Walrosse, die an Kanadas Ostküste und an der Westküste von Grönland heimisch sind, von den weiter östlich lebenden unterscheiden lassen. Offenbar hat die eine Population auf der Ostseite des Atlantiks die Eiszeit überlebt, die andere auf der Westseite.

          Die Herkunft von Walross-Elfenbein ist also im Prinzip überprüfbar. Bei wertvollen Kunstwerken verbietet sich allerdings, so viel Material zu entnehmen, wie für Untersuchungen an jahrhundertealter DNA nötig wäre. Zum Glück war es üblich, dass die Stoßzähne noch fest im Kieferknochen steckten, wenn sie in den Werkstätten ankamen. Die Forscher konnten deshalb nicht nur auf drei unbearbeitete Zahnfragmente zurückgreifen. Sie studierten auch zwanzig abgetrennte Teile von Walrossknochen, die bei archäologischen Ausgrabungen aufgetaucht waren.

          Wie sich herausstellte, stammen bis zu Beginn des zwölften Jahrhunderts fast alle Funde aus dem nordöstlichen Atlantik. Danach schrumpfte dieser Anteil schlagartig. Von Norwegen bis Großbritannien und Frankreich wurden nun fast immer Stoßzähne westlicher Walrosse verarbeitet. Dass Grönland gerade in dieser Zeit, etwa um das Jahr 1125, ein selbständiges Bistum wurde, ist sicher kein Zufall. Die skandinavischen Siedler waren damals nicht nur zahlreich und wirtschaftlich stark genug, um sich einen Bischofsitz samt stattlicher Kirche leisten zu können. Sie wagten sich auch weit nach Norden, bis ins Reich der Walrosse. Bei solchen Ausflügen könnten sie Jagd auf die riesigen Robben gemacht haben. Sie könnten die begehrten Stoßzähne aber auch von der indigenen Bevölkerung eingetauscht haben. Passende Tauschobjekte wie Messer und anderes Werkzeug aus Eisen kamen regelmäßig mit den Schiffen aus Norwegen, die auch Holz und Getreide nach Grönland brachten. Offensichtlich waren die dort lebenden Siedler damals gut integriert in die europäischen Handelsbeziehungen.

          Mitte des 14. Jahrhunderts war das blühende Geschäft mit den Walrosszähnen aber plötzlich zu Ende. Vielleicht weil in Norwegen die Pest ausgebrochen war und dies die Wirtschaft ins Wanken brachte. Außerdem lieferten arabische Händler nun auch Stoßzähne von Elefanten bis nach Europa. Für die filigranen Schnitzereien gotischer Handwerker taugte dieses neue Elfenbein viel besser als die Stoßzähne von Walrossen. Womöglich hat mangelnde Nachfrage die ökonomische Basis der Grönländer erschüttert. Das könnte dazu beigetragen haben, dass die Siedlungen an der Labrador-See im Laufe des 15. Jahrhunderts nach und nach aufgegeben wurden.

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