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Archäologie : Der Reiseproviant der Globalisierer

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Der Warenkorb der Nordmänner

Im Gegensatz zu den Anliegern der Seidenstraße hatten die Nordmänner in Grönland ein recht übersichtliches Sortiment von Waren im Angebot. Sie exportierten hauptsächlich Felle. Im zwöften Jahrhundert, mehr als zweihundert Jahre nach Ankunft der skandinavischen Siedler, wurden allerdings die Stoßzähne von Walrossen zu einem Verkaufsschlager. Dieses Elfenbein diente schon früher für kunstvolle Schnitzarbeiten. Als die Nachfrage dann rapide zunahm, waren die riesigen Robben an Islands Küsten bereits nahezu ausgerottet. Vermutlich konnten die Grönländer deshalb in eine Marktlücke stoßen. Dass sie gut zweihundert Jahre lang den europäischen Elfenbeinmarkt beherrschten, berichten Wissenschaftler um Bastiaan Star von der Universität Oslo und James Barrett von der University of Cambridge in den „Proceedings of the Royal Society B“. Mit genetischen Analysen hatten sie entdeckt, dass sich Walrosse, die an Kanadas Ostküste und an der Westküste von Grönland heimisch sind, von den weiter östlich lebenden unterscheiden lassen. Offenbar hat die eine Population auf der Ostseite des Atlantiks die Eiszeit überlebt, die andere auf der Westseite.

Die Herkunft von Walross-Elfenbein ist also im Prinzip überprüfbar. Bei wertvollen Kunstwerken verbietet sich allerdings, so viel Material zu entnehmen, wie für Untersuchungen an jahrhundertealter DNA nötig wäre. Zum Glück war es üblich, dass die Stoßzähne noch fest im Kieferknochen steckten, wenn sie in den Werkstätten ankamen. Die Forscher konnten deshalb nicht nur auf drei unbearbeitete Zahnfragmente zurückgreifen. Sie studierten auch zwanzig abgetrennte Teile von Walrossknochen, die bei archäologischen Ausgrabungen aufgetaucht waren.

Wie sich herausstellte, stammen bis zu Beginn des zwölften Jahrhunderts fast alle Funde aus dem nordöstlichen Atlantik. Danach schrumpfte dieser Anteil schlagartig. Von Norwegen bis Großbritannien und Frankreich wurden nun fast immer Stoßzähne westlicher Walrosse verarbeitet. Dass Grönland gerade in dieser Zeit, etwa um das Jahr 1125, ein selbständiges Bistum wurde, ist sicher kein Zufall. Die skandinavischen Siedler waren damals nicht nur zahlreich und wirtschaftlich stark genug, um sich einen Bischofsitz samt stattlicher Kirche leisten zu können. Sie wagten sich auch weit nach Norden, bis ins Reich der Walrosse. Bei solchen Ausflügen könnten sie Jagd auf die riesigen Robben gemacht haben. Sie könnten die begehrten Stoßzähne aber auch von der indigenen Bevölkerung eingetauscht haben. Passende Tauschobjekte wie Messer und anderes Werkzeug aus Eisen kamen regelmäßig mit den Schiffen aus Norwegen, die auch Holz und Getreide nach Grönland brachten. Offensichtlich waren die dort lebenden Siedler damals gut integriert in die europäischen Handelsbeziehungen.

Mitte des 14. Jahrhunderts war das blühende Geschäft mit den Walrosszähnen aber plötzlich zu Ende. Vielleicht weil in Norwegen die Pest ausgebrochen war und dies die Wirtschaft ins Wanken brachte. Außerdem lieferten arabische Händler nun auch Stoßzähne von Elefanten bis nach Europa. Für die filigranen Schnitzereien gotischer Handwerker taugte dieses neue Elfenbein viel besser als die Stoßzähne von Walrossen. Womöglich hat mangelnde Nachfrage die ökonomische Basis der Grönländer erschüttert. Das könnte dazu beigetragen haben, dass die Siedlungen an der Labrador-See im Laufe des 15. Jahrhunderts nach und nach aufgegeben wurden.

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