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Archäologie : Der Reiseproviant der Globalisierer

  • -Aktualisiert am
Ausgrabungsstelle in Tashbulak in Usbekistan. Die Forscher um Robert Spengler mussten zum Teil nur 30 Zentimeter tief graben, um auf ihre Funde zu stoßen. Bilderstrecke

Auch die Pfirsiche, deren Kerne in der Grabungsstätte Tashbulak gefunden wurden, konnten nur in Tallagen gedeihen. Ursprünglich stammt dieses Obst wohl aus dem Mündungsgebiet des Jangtze. Pfirsichbäume wuchsen dort wild, wurden aber seit mindestens 7500 Jahren auch durch Züchtung optimiert. So berichten Yunfei Zheng vom Zhejiang Provincial Institute of Relics and Archaeology in Hangzhou und Gary Crawford von der University of Toronto in der Online-Zeitschrift „Plos One“. Als dann der Handel auf der Seidenstraße florierte, wurden die süßen Früchte mit der sprichwörtlich zarten Haut bald auch westlich von China bekannt. Im Mittelmeerraum gibt es erste Nachweise aus der späten Antike.

Besonders berühmt für den Anbau von Pfirsichen war jedoch der Rand des Pamir-Gebirges: Die „Goldenen Pfirsiche von Samarkand“ schienen im siebten Jahrhundert sogar köstlich und kostbar genug, um sie dem Kaiser von China als Präsent zu schicken. Melonen wachsen ebenfalls nur da, wo der Sommer stets lang und warm ist und keine Spätfröste drohen. An dem Abschnitt der Seidenstraße, der durch Zentralasien führt, hat die Asiatische Melone (Cucumis melo ssp. inodorus) eine lange Tradition. In historischer Zeit wuchsen dort aber auch andere Vertreter der Gattung Cucumis, darunter die Cantaloupe-Melone (Cucumis melo ssp. cantalupensis) und die Gurke (Cucumis sativus). Wo erstmals Melonen gezüchtet wurden, bleibt eine schwierige Frage. Archäologische Funde machen sich rar, und genetische Studien geben keine eindeutige Antwort. Von welcher Cucumis-Variante die sechs Melonenkerne aus der Grabungsstätte Tashbulak stammen, lässt sich ebenfalls nicht klären.

Pistazien und Apfelkerne aus der Region

Die dort entdeckten Pistazien sind eindeutig regionaler Herkunft: Alle Züchtungen stammen von der Spezies Pistacia vera ab, die seit je in Zentralasien am Fuß der hohen Gebirge wächst. In Südeuropa ist sie erst später heimisch geworden. Die Walnuss (Juglans regia) ist dagegen von Natur aus weit verbreitet, von Südosteuropa bis zu den Berghängen Zentralasiens. Genetische Untersuchungen deuten darauf hin, dass sich die ursprünglich separaten Populationen mit der Zeit mehr und mehr vermischt haben. Kein Wunder, denn Nüsse waren als Reiseproviant oder Handelsware oft weit unterwegs. Die zahlreichen in Tashbulak ausgegrabenen Walnüsse können aber in der näheren Umgebung gewachsen sein, entweder in Kultur oder wild im Wald.

Komplizierter wird es bei den Äpfeln, deren Kerne bei den Ausgrabungen aufgetaucht sind. Genetische Analysen haben Wildäpfel der Spezies Malus sieversii aus dem südöstlichen Kasachstan als Urahnen der Kulturform identifiziert. Dennoch war die Seidenstraße im Spiel, als sich eine Fülle großfrüchtiger, süßer Apfelsorten entwickelt hat: Nachdem die ersten Apfelbäume in Zentralasien gezüchtet worden waren, konnten sich Reisende dort mit diesem Obst eindecken. Wenn dann anderenorts aus den Apfelkernen neue Bäume heranwuchsen, knüpften die Bienen mitunter folgenreiche Kontakte: Falls sie die Blüten mit Pollen einheimischer Wildäpfeln bestäubten, konnte in Sibirien gemeinsamer Nachwuchs mit Malus baccata entstehen, im Kaukasus mit Malus orientalis und in Europa mit Malus sylvestris. Dass solche Hybridisierung das genetische Inventar vergrößerte, war wohl eine gute Basis, um durch gezielte Auslese neue Sorten zu züchten. Ob die in Tashbulak gefundenen Apfelkerne von Wildäpfeln stammen oder von kultivierten Obstbäumen, bleibt freilich ungeklärt. Es ist nicht einmal ganz sicher, ob es sich überhaupt um Apfelkerne handelt.

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