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Albrecht Dihle und sein Lehrer : Vom Pathos zum Logos

Heyne, Heeren, Welcker, Curtius, Wilamowitz, Leo, Pohlenz, Fränkel, Fraenkel, Latte, Otto, Classen: Der Katalog der Altphilologen der Universität Göttingen hat episches Format. Bild: dpa

Der mit kürzlich mit 96 Jahren verstorbene Philologe Albrecht Dihle war ein Schüler von Karl Deichgräber, der in Göttingen aus dem Lehramt entlassen wurde. Was konnte er von ihm lernen?

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          Nach dem Zusammenbruch nahm die Universität Göttingen als erste deutsche Universität den Lehrbetrieb wieder auf. Die Eröffnungsrede am 17. September 1945 hielt der zehn Jahre vorher als Jude entlassene Latinist Kurt Latte. Am 2. Juli 1946 nahmen Latte und Walter F. Otto die erste Doktorprüfung des Instituts für Altertumskunde ab. Albrecht Dihle hatte im Wintersemester 1941/42 das Studium aufgenommen, nachdem er schwerverletzt vom Russland-Feldzug zurückgekehrt war. Seine „Beiträge zur Entwicklungsgeschichte des Volksbegriffs im griechischen Denken“ liegen nur maschinenschriftlich vor.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Im Vorwort sprach Dihle seinem „hochverehrten Lehrer“ Karl Deichgräber seinen Dank für „mannigfache Anregung und ständige Forderung“ (so, ohne Umlaut, im Exemplar der Bayerischen Staatsbibliothek) aus. Für Deichgräber hatte Latte die Begutachtung der Arbeit übernommen, da der 1938 berufene Gräzist, Dekan von 1939 bis 1945, im Januar 1946 seines Amtes enthoben worden war.

          Cornelia Wegeler, deren Untersuchung über das Göttinger Institut Dihle 1997 in den „Göttingischen Gelehrten Anzeigen“ rezensierte, gewann aus den Akten von Deichgräbers Dekanat den Eindruck, dass in Habilitationskolloquien „Rassenfragen“ zum Zweck der politischen Steuerung des Verfahrens eingesetzt wurden. Altertumswissenschaftler, die zu diesen Fragen publizierten, „verhalfen der nationalsozialistischen Ideologie von Volkseinheit“ und „rassischer Überlegenheit“ zu einer Tradition.

          Vom Völkischen ganz abgesehen

          Dihle hingegen fand bei seinen Autoren keine Spur eines solchen Gedankens von Volkseinheit. Er verglich die griechischen Vorstellungen mit einem Volksbegriff „im Deutschen“, bei dessen Bestimmung er „von den jungen Ableitungen, völkisch u. ä., ganz absehen“ wollte. Ohne es auszusprechen, setzte er als verbindlich „bei uns“ aber einen Volksgedanken voraus, der es den deutschen Gebildeten erleichtert hatte, die nationalsozialistische Doktrin für eine Zuspitzung der eigenen Überlieferung zu halten. Soll man befremdet sein, weil der junge Dihle dem eigenen Volk noch eine Selbstdefinition mit hohen Homogenitätsanforderungen zuschrieb? Auch auf den Forscher trifft zu, was bei Dihle über den Dichter steht, dass er „Kind seiner Zeit“ ist und mit den „Begriffen seiner Zeit“ arbeitet.

          Umso schärfer ist der Kontrast: Für Homer und Herodot gilt eben nicht, dass ein Volk durch eine „gemeinsame Kultur“ konstituiert wird, von Dihle definiert als „die gleiche Antwort, die jeder Angehörige des Volkes auf die entscheidenden Lebensfragen zu geben hat“. Auch die gemeinsame Sprache fehlt, erst recht die „blutmäßige Bindung“. Die griechische Begriffsentwicklung ging „an unserem Volksbegriff vorbei“, führte von der lokalen politischen Organisation direkt zur Menschheit.

          Erst in der Tragödie deutet sich eine neue Wendung an, und zwar dort, wo mit Dihles Buchtitel von 1994 „Die Griechen und die Fremden“ aufeinandertreffen, in den „Persern“ des Aischylos. Wir seien „noch nie unserem Volksbegriff so nahegekommen“ wie in der Klage des Chores um „die Kinder der Heimat“ (in Droysens Übersetzung). Aber die Einheit wird auch hier nicht durch geistiges oder physisches Erbgut gestiftet: Zur „Schicksalsgemeinschaft“ wird das Volk durch die Erfahrung von Krieg und Niederlage.

          Die Gefahr des Eroberungskriegs

          Karl Deichgräber hatte der Göttinger Akademie 1941 eine Abhandlung über „Die Perser des Aischylos“ vorgelegt – am 18. Juli, vier Wochen nach dem Angriff auf die Sowjetunion. Auch hier ist von Rasse nicht die Rede. Vom „Kampf und dem unwiderstehlichen Eroberertum als der Aufgabe des persischen Volkes“ spricht der Chor, aber „doppeldeutig“ ist schon die Beschreibung des riesigen Heeres, das gegen die Griechen gezogen ist: „Da ist Größe und Glanz, aber mit der Größe auch die Gefahr.“

          Xerxes, „der Dahinstürmende“, treibt die Soldaten „über die ganze Erde“, und der letzte „Schritt des persischen Wagemutes“, die Griechen in ihrem Element schlagen zu wollen, auf dem weiten Meer, ist der Anfang vom Ende. Über den Empfang des schiffbrüchigen Königs durch den Chor schrieb Deichgräber: „Der Zusammenbruch ist leibhaftige Wirklichkeit geworden.“ Und resümierend: „Der Zusammenbruch, innerlich geahnt und angezeigt, kommt doch mit dem Schrecken des Unerwarteten, das den Menschen aus der Geborgenheit seiner Vorstellungen gewaltsam herausreißt.“

          Ein „Drama des Pathos“ hat Aischylos verfasst, das zugleich „ein Drama des Logos“ ist: „Die Leiden sind Lehren.“ Indem Dihle sich den Wörtern zuwandte und seine Doktorarbeit in die Erörterung der von seinem Lehrer kommentierten, auf empirische Erklärung ausgehenden Ethnographen und Mediziner münden ließ, gab auch er seiner Forschung gleich am Anfang die Richtung vom Pathos zum Logos. Albrecht Dihle, geboren am 28. März 1923 in Kassel,  war am 29. Januar 2020 in Köln gestorben.

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