https://www.faz.net/-gwz-8fp6v

Enthüllungen in Ägypten : Das Tutanchamun-Dilemma

Ist der „goldene Gott“ hier nur Untermieter seiner Stiefmutter? West- (links) und Nordwand seiner Sargkammer Bild: © Bildagentur Huber

Wenn es im Grab des jugendlichen Pharao nun keine verborgenen Kammern gibt, hat Ägypten ein Problem. Wenn aber doch, dann die Ägyptologie.

          5 Min.

          Diesen Aprilscherz hat sich niemand getraut: Was hätte man sich nicht alles ausdenken können, nachdem am 1. April im Tal der Könige nahe Luxor in der Sargkammer des Pharaos Tutanchamun eine Radarmessung beendet worden war. Sie sollte die im Juli 2015 aufgekommene Vermutung überprüfen, in dem berühmten Grab gebe es noch weitere, ungeöffnete Kammern. Da wären allerhand lustige Falschmeldungen Marke „Des Pharaos goldene Badewanne gefunden“ möglich gewesen. Schließlich hatte der japanische Radarspezialist Hirokatsu Watanabe im März erklärt, bei seiner eigenen ersten Untersuchung Hinweise auf Metall und organische Stoffe hinter den verdächtigen Wänden gefunden zu haben.

          Ulf von Rauchhaupt
          (UvR), Wissenschaft

          Tatsächlich aber wurde auf der Pressekonferenz am 1. April fast gar nichts verkündet: „Wir können über die Ergebnisse noch nichts sagen“, erklärte der ägyptische Antikenminister Khaled El-Enany. Die Analysen würden eine Woche dauern. Doch auch sieben Tage später galt, was der Ägyptologe Nicholas Reeves seither jedem sagt, der ihn fragt: „Mir geht es wie dem Rest der Welt, ich warte auf mehr Informationen.“

          Reeves hatte alles ins Rollen gebracht. Der 59 Jahre alte Brite, der seit 2014 an der University of Arizona forscht, hatte Laserscans der West- und Nordwand in Tutanchamuns Sargkammer untersucht. Dabei waren ihm Oberflächenstrukturen aufgefallen, die so aussahen, als seien die Gemälde nicht auf anstehendem Fels aufgetragen worden, sondern stellenweise auf verputztem Mauerwerk. Daraus und aus stilistischen Argumenten leitete er die Hypothese ab, hinter der Westwand verberge sich ein bisher unbekannter weiterer Stauraum mit Grabbeigaben für Tutanchamun, hinter der Nordwand aber der Zugang zu einem weiteren Grab.

          Dort müsse dann ein weiterer Pharao liegen, ebenso unberaubt, wie Tutanchamun 1922 bei der Entdeckung seines Grabes vorgefunden worden war. Und es könne sich dabei eigentlich nur um die einzige prominente Persönlichkeit der damaligen Königsfamilie handeln, deren Grablege noch vermisst wird: Tutanchamuns Stiefmutter und vermutliche Amtsvorgängerin Nofretete.

          Öffnen
          Im Schatten von Nofretete : Das Geheimnis des Grabs von Tutanchamun Bild: Carsten Feig

          Da kann auch das Alexandergrab einpacken

          Reeves’ Theorie umfasst also drei Vermutungen: Erstens gibt es da neue Kammern, zweitens beherbergt eine davon eine intakte Bestattung, und zwar, drittens, die der Nofretete. Von der ersten Vermutung sind bereits viele Beobachter überzeugt, auch wenn Mitarbeiter El-Enanys vorsichtig lieber von „einigen Anomalien“ sprachen, ohne weitere Andeutungen zu machen.

          An ein Nofretete-Grab glauben dagegen die wenigsten, und sei es nur aus Scheu, öffentlich von der größten altertumswissenschaftlichen Sensation aller Zeiten zu träumen. Denn eine unberaubte Nofretete ließe nicht nur Schätze erwarten, gegen die Tutanchamuns Ausstattung Kinderkram wäre. Sie verspräche auch in unübersehbarem Umfang neue Erkenntnisse zu einer der faszinierendsten Epochen des Altertums. Selbst das Grab Alexanders des Großen käme da nicht im Entferntesten heran.

          Die Rolle der National Geographic Society

          Aber auch Vermutung Nummer zwei – irgendein intaktes Grab – wäre ein archäologischer Knüller. Und auf einen solchen hofft die National Geographic Society in Washington. Sie unterstützt die laufenden Untersuchungen, hat für Nicholas Reeves die Pressearbeit übernommen sowie Radartechnik plus Personal für die jüngsten Untersuchungen gestellt. Das alles offenbar im Austausch für Priorität bei der Berichterstattung. Schon für den Frühling ist eine Filmdokumentation in Arbeit, Bilder von den Radararbeiten sind bis zum Herbst für die Verwendung durch andere Medien gesperrt, Anfragen dieser Zeitung nach technischen Details blieben unbeantwortet.

          Weitere Themen

          Trojaner gegen die Segregation

          Organisationssoziologie : Trojaner gegen die Segregation

          Sortieren sich Menschen nach gemeinsamen Merkmalen, bilden sich abgegrenzte. in sich homogene Gruppen, Überraschender Weise ist die soziale Homogenität in Organisationen und Firmen erstaunlich variabel, wie eine Studie zeigt.

          Die Asteroiden-Mission von „Osiris-Rex“ Video-Seite öffnen

          Videografik : Die Asteroiden-Mission von „Osiris-Rex“

          Nach dem erfolgreichen Sammeln von Gesteins- und Staubproben auf dem Asteroiden Bennu ist die US-Raumsonde „Osiris-Rex“ auf dem Heimweg zur Erde. Wissenschaftler erhoffen sich von der Mission Erkenntnisse über die Bildung unseres Sonnensystems.

          Halten Erdbeeren die Kälte aus?

          Ab in die Botanik : Halten Erdbeeren die Kälte aus?

          Im April war es so kalt wie seit 40 Jahren nicht mehr. Hat das den Erdbeeren geschadet? Gerade jetzt sind wir doch mental auf die Erdbeersaison angewiesen, ist Essen die einzige Freizeitbeschäftigung. Womöglich kann die Sorte „Korona“ helfen.

          Topmeldungen

          Die EZB erwartet eine steigende Inflation. Allerdings meint sie, der Anstieg sei nur vorübergehend.

          Steigende Preise : Was Sparer zur Inflation wissen müssen

          Alles rund ums Bauen wird teurer, aber auch viele Lebensmittel und vor allem Heizöl und Benzin. Steigt mit dem Abklingen der Pandemie die Inflation? Und wie können sich Sparer rüsten?
          Die Intensivstation der Universitätsklinik Frankfurt mit Coronapatienten im April 2020

          Anhaltend hohe Todeszahlen : Wer jetzt noch an Corona stirbt

          Noch verzeichnet Deutschland jede Woche mehr als tausend Covid-Todesfälle. Viele sterben weder im Altenheim noch auf der Intensivstation. Doch wo dann? Die Suche nach der Antwort ist kompliziert.

          Raketen auf Israel : Das Kalkül der Hamas

          Die Islamisten wollen ihre Position stärken, die harte Reaktion Israels war zu erwarten. Der Westen sollte sich wieder stärker in Nahost engagieren.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.