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Antarktis-Eis schmilzt immer schneller : Der Kollaps der Gletscherriesen

Ein Eisberg bricht am Pine Island Gletscher ab. Bild: NASA/Maria-José Viñas

Und sie schmilzt doch: Die Antarktis galt lange als resistent gegen die globale Erwärmung. Jetzt zeigt sich: Die Eisverluste zumindest im Westen haben rapide zugenommen. Ins Visier sind sechs Gletscherriesen geraten.

          Die Auswertung von Satellitenbildern aus den letzten vierzig Jahren lässt kaum noch Zweifel: Das sogenannte ewige Eis am Südpol schmilzt immer schneller. Das gilt zumindest für den Westen der Antarktis. Allein sie sechs am schnellsten fließenden Gletscherströme, die allesamt in die Amundsen-See hineinreichen, verlieren inzwischen etwa soviel Eismasse wie die nicht minder schnell abschmelzende Eiskappe auf Grönland.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die sechs Rieseneisschilde heißen Haynes, Smith, Pope und Kohler, Thwaites und Pine Island. Interessant sind wegen ihrer schieren Eismasse vor allem die gewaltigen, bis zu 120 Kilometer  breiten Gletscherströme des Thwaites-Gletschers und die 55 Kilometer lange Eiszunge des Pine Island Gletschers. Zusammen umfassen die sechs Gletscher an die 393.000  Quadratkilometer. Schon in den neunziger Jahren hat man beim Vergleich von alten Landsat-Daten mit jüngeren Radarmessungen an Bord verschiedener Satelliten wie dem europäischen ERS1/2 festgestellt, dass das Eisgebiet aus der Balance geraten ist. Der jährliche Zuwachs an frischem Eis durch Niederschlag wurde immer stärker und nachhaltiger vom Verlust an Eismassen in den Südpazifik übertroffen. Das halbe Dutzend verliert heute gut 330 Milliarden Tonnen pro Jahr, das sind 77 Prozent mehr Eismasse als noch im Jahr 1973.

          Jeremie Mouginot, Gletscherforscher von der University of California in Irvine und sein Kollege Eric Rignot, haben auf den Gletscherbildern markante Punkte, beispielsweise riesige Risse auf der Oberfläche,  angesehen und ihre Entwicklung verfolgt. Gleichzeitig wurden mit Radarmessungen die Eisdicken an verschiedenen Stellen entlang der Eisströme ermittelt.  Wie die Forscher  aktuell in der Zeitschrift „Geophysical Research Letters“ berichten, schmelzen die Eispanzer keineswegs alle gleich und selbst innerhalb eines Gletschers gleichmäßig. Der Fluss des Pine Island  zum Beispiel hat sich über seine gesamte Länge zwischen 1973 und 2010 um durchschnittlich 1,7 Kilometer pro Jahr beschleunigt, was über den Gesamtzeitraum eine Zunahme um 75 Prozent bedeutet. 1973 wurde ein Eisfluss zur Küste von 70 bis 80 Milliarden Tonnen ermittelt, 2010 waren es schon zwischen 130 und 140 Milliarden Tonnen jährlich. Seit drei Jahren allerdings gibt es nun offenbar keine weitere Beschleunigung mehr am Pine Island Gletscher.

          Ein 18 Kilometer langer Riss auf dem Pine Island Gletscher. Auch an solchen Merkmalen lässt sich die Bewegung der Eisströme ermitteln.

          Das ist beim gewaltigen Thwaites-Gletscher anders. Er hat sich vor 2008 sukzessive, aber eher gemächlich verändert. Seitdem hat er Fahrt aufgenommen und ist mächtig ins Rutschen gekommen: Der Eisstrom hat um 25 Prozent bis zu 2013 zugelegt. Zusammen genommen transportieren die sechs Antarktis-Gletscher soviel Eis in den Ozean, dass allein durch ihr Abschmelzen der Meeresspiegel um knapp 0,3 Millimeter pro Jahr zunimmt - das ist ein Zehntel des weltweiten mittleren Gesamtmeeresspiegelanstiegs.

          In den ersten dreißig Jahren der Messperiode erhöhte sich der Verlust an Eismasse um durchschnittlich 2,2 Milliarden Tonnen pro Jahr, in dem letzten Jahrzehnt stieg dieser Wert dann auf 9,5 Milliarden Tonnen. Was genau die starke Veränderungen der Eisströme bewirkt hat, ist keineswegs klar. Die Wissenschaftler vermuten, dass die Erwärmung des Ozeanwassers am Ende der Gletscherzunge eine wesentliche Rolle gespielt haben dürfte, aber auch physikalische Veränderungen entlang der beweglichen Gletscherzungen dürften ein Abbremsen oder das beschleunigte Abrutschen an vielen Stellen befördert haben. Eine Aussage, wie sich die Eispanzer in den nächsten Jahrzehnten weiter entwickeln, wollten die amerikanischen Geoforscher nicht wagen. Klar ist: Würde sämtliches Eis der sechs Westantarktis-Gletscher im Ozean enden, käme es rechnerisch allein dadurch zu einem weltweiten Meeresspiegelanstieg von 1,2 Metern. Bislang ist das aber reine Spekulation.

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