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Vorschlag von Forschern : Angriff auf den deutschen Embryonenschutz

Ausgangspunkt der meisten aktuellen Embryonenexperimente weltweit: die künstliche Befruchtung im Reagenzglas. Bild: dpa

Genforscher sollen auch in Deutschland an Embryonen forschen dürfen, fordern Mitglieder der Nationalakademie. Wackelt jetzt das Embryonenschutzgesetz?

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          Für viele Lebensschützer und auch für Wissenschaftler wie für Juristen kommt sie aus dem Nichts, aber die Provokation ist genau berechnet: Elf Gelehrte, darunter Medizinethiker und -juristen, Philosophen und Lebenswissenschaftler, fast alle Mitglieder der Nationalakademie Leopoldina, wollen das 1990 erlassene Embryonenschutzgesetz zu Fall bringen. Für Reagenzglasversuche an Embryonen soll auch in Deutschland der Weg frei gemacht werden, und zwar mit dem Ziel, medizinische Fortschritte zu erzielen und die internationale Zusammenarbeit mit Embryonenforschern zu ermöglichen. „Solche Embryonen, die folglich keine reale Lebenschance haben, sollten nach Meinung der Autoren für die Forschung verwendet werden dürfen, sofern die 'Eltern' einverstanden sind“, heißt es in einem gemeinsamen Diskussionspapier der zehn Akademiker. Das nur fünfzehn Seiten starke Dokument trägt den Titel „Ethische und rechtliche Beurteilung des genome editing in der Forschung an humanen Zellen“.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Zur Debatte gestellt werden also Experimente an sogenannten „überzähligen“ Embryonen, die in Reproduktionskliniken eingelagert sind und nach künstlichen Befruchtungen nicht mehr für die Erzeugung einer Schwangerschaft benötigt werden. Die Gruppe spricht in dem Papier von „verwaisten“ Embryonen. Insgesamt ist das Dokument, darauf legt die Nationalakademie Wert, kein offizielles Akademiepapier, das damit auch nicht von der Leitung der Akademie abgesegnet ist. Akademiepräsident Jörg Hacker wird aber wie in allen Diskussionspapieren als Herausgeber aufgeführt. Tatsächlich handelt es sich um die Arbeit einer disziplinübergreifenden Gruppe von Akademiemitliedern, von denen viele schon früher mit einer liberalen Position in der Medizinforschung und ihrem Bemühen aufgefallen waren, das in Teilen längst veraltete Embryonenschutzgesetz zu reformieren. Im politischen Berlin gab es bislang allerdings wenig Interesse, sich dieses weltanschaulich brisanten Themas anzunehmen. Nicht zuletzt die großen christlichen Kirchen haben in der Frage der Verwendung von Embryonen für Forschungszwecke in der Vergangenheit klare Ablehnung signalisiert.

          Eingelagerte Embryonen gibt es wegen der Embryonenschutzregelung in Deutschland möglicherweise nicht mehr als ein paar hundert.

          Tatsächlich ist der restriktive deutsche Embryonenschutz international fast schon eine Ausnahmeerscheinung. „Die Liberalisierungstendenzen zwingen uns, neu nachzudenken“, sagt Jochen Taupitz, Medizinjurist an der Universität Mannheim und einer der Mitautoren des Papiers. Freilich sind solche Liberalisierungstendenzen zugunsten des medizinischen Fortschritts nicht neu. Warum also jetzt ausgerechnet ein Papier, das mit dem Embryonenschutz ein zweites Tabu ins Visier nimmt: die Keimbahntherapie - die genetische Veränderung von Keimzellen oder Embryonen, die das Ziel verfolgt, einzelne oder gleich mehrere defekte Gene mit den entsprechenden schweren Gesundheitsschäden zu korrigieren. Damit will man auch in den nachfolgenden Generationen die Krankheit eliminieren.

          „Auch wenn der Einsatz des genome editing in der Forschung an Embryonen und an Keimbahnzellen spezifische Bedenken aufwirft, ist er nach Meinung der Autoren nicht grundsätzlich abzulehnen“, steht in dem Dokument. Dabei geht es den Autoren explizit nicht um genetische Verbesserung, sogenanntes Enhancement: „Abzulehnen ist der Einsatz von genome editing zur Verbesserung von Eigenschaften des Menschen jenseits der Behandlung und Prävention von Erkrankungen.“ 

          Das Diskussionspapier soll der Versuch sein, eine breite gesellschaftliche Debatte anzustoßen. „Es gibt in dem bestehenden Embryonenschutzgesetz einfach gewaltige Lücken, die endlich auf die Tagesordnung müssen“, sagt Taupitz. So sei im Embryonenschutzgesetz weder der Umgang mit “synthetischen Embryonen“, also den aus Stammzellen und reprogrammierten Körperzellen herstellbaren Konstrukten, in den Petrischalen geregelt, noch die Erzeugung von künstlichen Keimzellen aus Körper- oder Stammzellen, die am Ende auch zur Erzeugung von Embryonen führen könnten. Die Biopolitik sei wieder gefordert, aber nicht nur die. Von der „Notwendigkeit einer erneuten differenzierten Debatte zum Embryonenschutzgesetz“ ist in dem Debattenaufruf die Rede. „Wir haben bisher noch überhaupt keine Antworten auf die Herausforderungen, die die neue biomedizinische Forschung liefert“, sagt Taupitz.

          Gemeint ist hier insbesondere eben die Keimbahntherapie mit den Genom-Editierfahren wie Crispr-Cas. Vor wenigen Wochen erst haben drei Nationale Wissenschaftsakademien in Washington in einem Papier erstmals klar angedeutet, dass man die Gentherapie in Keimzellen und Embryonen grundsätzlich befürworten und fördern will - sofern die Verfahren auch „hinreichend sicher“ seien. So muss gewährleistet sein, dass die so genetisch veränderten Menschen wegen des Eingriffs nicht an anderen schweren Krankheiten wie Krebs erkranken. Ein Prüfverfahren, das Jahrzehnte dauern dürfte. „Wir müssen mit unserer Forschung mithelfen zu klären, was hinreichend sicher bedeutet in der Praxis“, so Taupitz. Heißt: Deutschland dürfe sich da nicht heuchlerisch hinter einem veralteten Embryonenschutzgesetz verstecken.

          Noch ein weiteres dürfte die Publikation des Diskussionspapiers beschleunigt haben: In China waren vor kurzem erneut Genexperimente mit Embryonen bekannt geworden, diesmal nicht an grundsätzlich lebensunfähigen, sondern an intakten und potentiell austragbaren Embryonen. Zumindest in der Hinsicht mahnen die Mitglieder der Akademie-Arbeitsgruppe zur Zurückhaltung und Einhaltung westlicher bioethischer Standards: „Keimbahnveränderungen mit Auswirkungen auf einen später geborenen Menschen sollten beim derzeitigen Stand der Forschung unterbleiben“, heißt es in ihrem Papier.

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